Zeitung Heute : Nachrichten

Auch wenn es inzwischen schon eine ganze Weile her ist, denken wir bei 11 Freunde immer wieder gerne an die Weltmeisterschaft 2006 zurück. Ein Sommer voller Esprit, in dem wir durch ein Land reisten, das wir kaum mehr wieder erkannten, und wenn wir doch einmal daheim in Berlin waren, versammelten wir uns morgens im Innenhof des Redaktionsgebäudes und bildeten den Liebeskreis. Nun neigt der Mensch an sich zur Verklärung, und natürlich war auch in jenen Wochen beileibe nicht alles Gold, was glänzte, aber das ist eingesperrt im Hochsicherheitstrakt unseres Herzens und kommt höchstens in den schlimmsten Nachtmahren ans Tageslicht.

Mein persönlicher WM-Alptraum war das Achtelfinale Schweiz gegen Ukraine in Köln beziehungsweise der Morgen danach, doch eins nach dem anderen. Das Achtelfinale Schweiz gegen Ukraine war das vielleicht schlechteste Spiel der Fußballgeschichte. Es war dermaßen langweilig, dass ich mitten in der Verlängerung die Pressetribüne verließ, um an einem Stand Reibekuchen zu kaufen. Ich schämte mich ein bisschen dafür, weil andere Menschen viel Geld bezahlt hatten, um bei diesem Match dabei zu sein, doch es gab keine Alternative. Als ich auf die Tribüne zurückkehrte, begann gerade das Elfmeterschiessen, und die Schweizer brachten es fertig, auch danach ohne ein einziges Tor dazustehen. Sie taten mir nicht mal mehr leid.

In jener Nacht fiel ich in einen tiefen Schlaf. Während der WM musste alle drei bis vier Tage einer von uns Redakteuren mit den Hühnern aufstehen, um einem Berliner Radiosender ein Interview zu geben, aber an diesem Morgen hatte ich frei. Ich erwachte davon, dass mein Handy klingelte und meldete mich schlaftrunken. „Hallo, hier ist Radio 100,6 Motor FM.“ Häh? „Radio 100,6 Motor FM.“ Das konnte nicht sein, ich musste noch schlafen. „Heute ist Schaar dran“, nuschelte ich und wollte schon auflegen. „Schaar geht aber nicht ans Telefon“, sagte der Typ, „und du bist in 30 Sekunden auf Sendung. Ich leg dich mal gerade auf Leitung zwei.“ Mich durchfuhr ein Adrenalinstoß, als würde ich im Juni 1944 über einem Strand in der Normandie abgeworfen. Normalerweise ist es keine gute Idee, wenn man morgens vor dem zweiten Kaffee das Wort an mich richtet, aber jetzt war da wohl nichts mehr zu machen. Mit dem Telefon in der Hand sprang ich aus dem Bett, warf mich aufs Sofa und schlug mir ungefähr ein Dutzend mal mit der flachen Hand ins Gesicht. Dann gab ich das Interview, und bereits in der Sekunde, als ich aufgelegt hatte, konnte ich mich an kein Wort erinnern. Hatte ich mich um Kopf und Kragen geredet? Natürlich hatte ich mich um Kopf und Kragen geredet. Mein einziger Trost war, dass diese komischen Spartensender ja doch kein Schwein hört. Als ich wenig später die Wohnung verließ, traf ich im Treppenhaus meinen Nachbarn. Er grinste nur scheel und sagte: „Reibekuchen, so, so…“

Mein Gesicht wurde so tief rot wie das meines Mitbewohners, nachdem er sich einst schlafwandelnd aus dem Bett erhoben und im Beisein seiner Freundin über den Fernseher hinweg auf den Heizkörper gepinkelt hatte. „Was tust du da?“, hatte die Freundin entgeistert gefragt. „Ich pisse“, hatte der schlafende Mitbewohner erwidert. „Du pinkelst auf deinen Fernseher“, hatte die Freundin gesagt. „Ich kann tun, was ich will, Mama“, lautete die Antwort des Mitbewohners. Dann erwachte er und wünschte augenblicklich, er wäre niemals geboren worden. Jens Kirschneck

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