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Sie sind überall. Sogar dort, wo man sie nicht vermutet: Die Schweizer haben gerade am Karneval der Kulturen teilgenommen. Ihr Schlachtruf: „Chumm Sässässää…!!“ Damit treibt man in den Alpen Kühe, Ziegen und Schafe zusammen. Die Karneval-Schweizer sind Mitglieder einer Vereinigung namens „Schwiizlis“, das sind die „echten Schweizer in Berlin“. In der Walpurgisnacht bestiegen sie beim "1. Berliner Alphorntreffen" gar den Hahneberg, den vermutlich auch nicht viele Berliner kennen (er liegt in Spandau). Und natürlich veranstalten sie Jodelkurse, ihre Stammlokale sind die beiden „Nola's“ in Mitte und Moabit. Die Restaurants gehören - natürlich!- einem Schweizer. Die Schweizer hatten sogar einmal einen eigenen Friedhof in Berlin, der bis zum Jahr 1738 genutzt wurde. Kurfürst Friedrich III. hatte ihn für den Zustrom von französischen Flüchtlingen in den Jahren 1698 und 1699 anlegen lassen, die hatten sich zuerst in Bern niedergelassen, daher der Friedhofsname. Heute steht auf seinem Gelände der Deutsche Dom.

Die Menschen aus den Alpen haben in Berlin sogar ihr eigenes Stadgebiet! Im „Schweizer Viertel“ in Lichterfelde-West heißen die Gartenkolonien „Rütli“ und „Schweizerland“ und die Straßen heißen nach Städten wie Bern, Luzern, Basel oder Zürich. Die Bewohner begrüßen einander ausschließlich mit „Grüezi!“ und in ihren Gärten gedeiht der Enzian besonders gut (das sind jetzt Gerüchte). Da müssen die Österreicher in Berlin schön aufpassen, dass sie im Konkurrenzkampf mit den Nachbarn im Ausland nicht untergehen. Aber sie schlagen sich traditionell tapfer. Alle Österreicher sind ja per Geburt Lebenskünstler mit großartigen, verwegenen Plänen, sie träumen davon, ein Hotel, ein Kaffeehaus oder eine Zeitung zu gründen, im Idealfall natürlich eine Misch-Holding aus allen dreien. Pionier in Berlin war auf jeden Fall Wilhelm Andraschko, der lange vor dem Fall der Berliner Mauer das Café „Einstein“ eröffnete. Heute kann jeder, wirklich jeder einen Coffeeshop haben. Ein Kaffeehaus zu Öko-Müsli-Zeiten in einer geteilten Stadt, das war die hohe Kunst! Wenn Österreicher (deutsche/preußische Artenbezeichnung: „Ösis“) Heimweh bekommen, fahren sie entweder zum Flughafen Tegel, der Abflugschalter befindet sich seit Jahren in schöner Verlässlichkeit oben rechts, erster Schalter oder sie gehen aus. Ins „Jolesch“ nach Kreuzberg oder ins „Ottenthal“ neben der Paris-Bar oder in den „Kürbis“. Als vor einigen Jahren in Österreich Wahlen waren, konnte man als Auslandsösterreicher im Kürbis sogar seine Stimme abgeben. Hoch offiziell! Das müssen die Schweizer den Ösis erst mal nachmachen. Beide Völker eint die gemeinsame Vorsicht vor Menschen aus anderen Tälern, also auch Berlinern. Allerdings können beide Alpen-Arten nicht klagen: In Berlin findet jeder sein Plätzchen und wenn er Glück hat, sogar eine neue, zweite Heimat. Mehr kann man sich vom Ausland nicht erwarten. Silvia Meixner

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