Zeitung Heute : Nachrichten

Uns in Berlin kann es ja eigentlich egal sein. Aber wir verstehen das Problem, irgendwie, denn wir haben zwar keine Berge, dafür aber bekanntlich viel Sandkisten-Platz. Wir wollen jetzt aber nicht schon wieder preußisch-großspurig erscheinen, denn wir mögen die Ösis und die Schweizer, weil erstens sind sie lustig und zweitens sonderbar und deshalb wünschen wir ihnen, dass alles gut geht: Aber ausgerechnet die Alpenländer Österreich und Schweiz, sonst eher für Disziplinen wie Skispringen oder Abfahrtslauf bekannt, richten die Fußball-EM aus! Man fragt sich schon, wer eigentlich auf diese absurde Idee gekommen ist: So viele Berge - so wenige Täler, allein in Österreich sind rund 60 Prozent des Landes gebirgig - in der Schweiz sieht die Situation nicht besser aus: Wo, bitte, sollen die Kicker spielen? Ist dort in den Bergen überhaupt Platz für Elfmeter? Sollen die Herthaner ihnen Rasen leihen (aber Fläche können sie ja unmöglich mitliefern)? Mit Häme aus dem Norden – ja, von uns, so sind wir! - muss gerechnet werden, denn 2006 hat Deutschland dem Rest der Welt gezeigt, dass auch Teutonen fröhlich Fahnen schwingend feiern können. Und zwar perfekt, ohne große Pannen und das war eine Meisterleistung, mit der niemand gerechnet hatte, am wenigsten die Deutschen. Beide Miniländer mühen sich redlich und wir Preußen finden das wie immer „niedlich“. Denn durch große sportliche Leistungen hat sich in den vergangenen Jahren weder die Schweizerische (trotz des Wunders von Bern!) noch die österreichische (trotz Cordoba!) Fußballnationalmannschaft groß hervorgetan. Deshalb erscheint es vielen europäischen Fußballfans als Akt der Barmherzigkeit, dass ausgerechnet die beiden Alpenländer die EM ausrichten dürfen, ist es doch für beide die einzige Möglichkeit, überhaupt an diesem Wettbewerb teilnehmen zu dürfen. Denn die Gastländer dürfen automatisch mitspielen und müssen sich nicht erst schweißtreibend und nervenaufreibend qualifizieren (andernfalls säßen die Sportler angesichts mauer Leistungen nämlich bestenfalls auf den Tribünen).

Wir in Berlin sind jedenfalls dabei. Ja, wir werden zugucken, bei schönem Wetter auch draußen und wenn’s denn sein muss, mit Kännchen. Obwohl uns ein kühles Bier natürlich lieber ist. Der österreichische Verkehrsminister hat gerade vorübergehend einen Gesetzesparagrafen eingemottet, der Autofahrern das Anbringen von Wimpeln und Flaggen auf dem Auto verbietet. Normalerweise ist das nur hohen Beamten vorbehalten und kostet bei Zuwiderhandeln bis zu 5000 Euro. Wer hat’s erfunden, das mit den Flaggen, schön hupend durch die Stadt und immer ein Lächeln auf den Lippen? Nein, nicht die Schweizer! Wir, bei der WM.

Silvia Meixner

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