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KEHLKOPF-TATTOO

Liu Hong Wei, 19, Rockmusiker

Die Tätowierung habe ich mir vor einem Jahr machen lassen, nach einem Auftritt mit meiner Band Joyside. Wir waren alle ziemlich betrunken und kamen nachts an einem Tätowierstudio vorbei, das noch offen war. Ob es weh getan hat? Ich mag Schmerzen. Was das Symbol bedeutet, weiß ich nicht. Der Tätowierer meinte, es sei irgendwas Indisches. Ich suche mir alle meine Tattoos nach dem Zufallsprinzip aus. Auf dem Rücken habe ich einen sehr großen Miles Davis, aber man erkennt ihn leider nicht richtig – denn er sieht aus wie irgendein schwarzer Basketballer.

Ich habe mit 13 angefangen, Musik zu machen. Damals lief ich mit meiner Mutter zufällig an einem Schaufenster vorbei, in dem eine wunderschöne E-Gitarre lag. Ich bearbeitete meine Mutter so lange, bis sie mir das Ding kaufte – und das war das Beste, was mir je passiert ist. Nach der Schule ging ich nach Peking, weil es hier eine Rockszene gibt. Erst ging ich auf die Musikhochschule, aber mir wurde schnell klar, dass man Rock nicht studieren kann. Also schmiss ich alles hin und stieg als Gitarrist bei Joyside ein.

Meine Eltern dachten zuerst: Das ist nur eine Phase, er will ein bisschen Spaß haben. Nach einem halben Jahr wollten sie mich zurück in meine Heimatstadt Guangzhou holen, damit ich ihnen im Geschäft helfe, sie haben dort eine Restaurantkette. Aber ich weigerte mich und sagte: Ich will mein ganzes Leben lang Musik machen. Dass ich es ernst meine, begriffen meine Eltern erst dann, als ich ihnen unser erstes Album vorspielte. Inzwischen raucht meine Mutter sogar Joints mit mir – ich glaube, sie versteht langsam besser, was Rock ’n’ Roll bedeutet.

Unsere Band ist in Peking ziemlich bekannt, jedenfalls unter Leuten, die Rock hören. Viele sind das nicht. Die meisten in China halten Musiker wie mich für komplett durchgeknallt. Sie verstehen nicht, wie man sein Leben einer Sache widmen kann, die kein Geld bringt. Alle meine Freunde sind Rockmusiker, wir leben in einer eigenen Welt. Eine Freundin habe ich nicht, die meisten Mädchen finden mich seltsam. Sie wollen einen Mann, der Geld für sie ausgibt. Das interessiert mich absolut nicht.

Die meisten Chinesen sagen: Du kannst diese Gesellschaft nicht verändern, du musst dich ihr anpassen. Aber einer Gesellschaft, die so etwas sagt, werde ich mich nie anpassen.

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