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Was hat Berlin, das andere nicht haben: nicht Amsterdam, die alternative Szenen-Diva von gestern, nicht Barcelona, für etliche Jahre Trend-City der Regen und Kregen, der Kreativen und Euro-Kosmopoliten zwischen 16 und 26, und auch nicht (mehr) London, Paris und New York, die Metropolenlongseller für die Welthungrigen jenseits der Generationskohorten? Die Antwort ist so schlicht, dass sie gar nicht falsch sein kann: Berlin hat Kultur und – Subkulturen. In Berlin unterscheidet man nicht zwischen U- und E-Kultur, zwischen der großen, hehren und der eher unterhaltenden, komödiantischen oder Underground-Kultur. Wer die Komische Oper besucht oder sich in die MoMA-Schlange vor der neuen Nationalgalerie zum Public Queuing einreiht, muss nicht das Tempodrom meiden, die „Bar jeder Vernunft“ fliehen oder der Kulturbrauerei entsagen. Mehr denn je gilt: Auch Hauptstadt-Berlin ist nicht Stadt der Politik geworden; Berlin ist Stadt der Kultur geblieben – einer undefinierbaren, genreübergreifenden, in kein Prokrustesbett fester Erwartungen und etablierter Standards zu pressenden Experimentier-, Erlebnis- und Mitmach-Kultur. Doch man täusche sich nicht: So wenig der seidenbeschlipste Yuppie im alternativparadiesischen „Tacheles“ zum nicht integrierbaren Fremdkörper erstarrte, so wenig hatten Lambrusco und Spaghetti Parmeggiano samt Parka, Jeans und Jesuslatschen in Berlin jemals ein unangefochtenes Monopol auf progressives Kulturverhalten und anspruchvolle Weltsicht. Wie sehr auch das Berlin der Jahrtausendwende junge, wendige Trendsetter-Metropole bleibt und bleiben will, zeigte gerade auch die schnoddrig-zynische Aufkündigung der fast schon traditionsbewehrten Love Parade: Was Trend ist, steht immer auch neuen Trends im Wege. Weg damit also und auf zu neuen Ufern!

Das Vorwende-Berlin hatte kein Zentrum, keine verdichtende Mitte. In diesem zerschnittenen, ausgebluteten Berlin, das künstlich beatmet wurde, in diesem mit Care-Paketen, Trockenkartoffeln und Notopfermärkchen hochgepäppelten Berlin, das unübersehbar zentrifugal und multizentral existierte, entstand ein überwältigendes Kulturangebot und – Dionysos sei Dank! – die Hierarchien zwischen oben und unten waren nie geklärt wie in anderen Städten. Und das alles ist – nochmals Dank an D. – bis heute weitgehend so geblieben. Und übrigens – das mit dem „Verlust der Mitte“ gilt auch im Blick auf die Generationen: Berlin war die „vaterlose Stadt“. In Berlin gab es nur die ganz Alten und die ganz Jungen. Und das ist weitgehend so geblieben. Trotz Wowereit und Merkel und Westerwelle und Beck. Und geblieben sind – die Subkulturen. Schon in den 60er Jahren wusste keiner so genau, was die Berlin-West-Pilger aus Freiburg, Göttingen und Castrop-Rauxel in Berlin suchten und fanden. Es war vermutlich genau das Monströse, Ungefügte, etwas grenzenlos Amorphes, das für viele attraktiv war. Etwas ungeheuer Plastisches: sprich Beeinflussbares, Gestaltbares und damit für kreative Querköpfe ungemein Anziehendes. Es war eine unglaublich quirlige, lebendige, verrückte, aber eben auch kreativ-kritische Masse, die sich in dieser ummauerten Diktatur-Enklave zusammenballte.

Die Subkulturen vergangener Tage haben sich politisch und semipolitisch verstanden und ausbuchstabiert: als APO und Neue Linke, als Hippies und Häuserkämpfer, als Kommunarden und Kommunisten, als Anarchos und Alternativbewegte aus Wohngemeinschaften, Kinderläden und Handwerkskollektiven, als Stadt- und Spaßguerilla und nicht zuletzt als Avantgarde der sexuellen Befreiung. Vom Furor des politischen Aufbruchs der wilden Berliner 60er-, 70er- und 80er-Jahre ist nicht mehr viel geblieben. Geblieben ist ein bunter Fächer schriller und schräger Subkulturen, denen vor allem die Orientierung am Nächstliegenden, Privaten gemeinsam ist. Statt auf die Abschaffung des Kapitalismus und die Enteignung der Springer-Presse konzentriert man sich auf das, was man handgreiflich beeinflussen kann: Styling und Outfit, Körper und Klamotten, Fashion, Freizeit und Karriere. Man huldigt der Kultur der Cooltour: will cool sein oder wenigstens cool scheinen, auf jeden Fall aber Spaß haben – denn „sozial allein macht auch nicht glücklich!“ (OSI-Spontispruch).

Was sich dem ersten Blick eröffnet: Die Szene der Subkulturen ist jünger geworden, kurzlebiger, unpolitischer. Sie ist mehr mode- denn gesinnungsimprägniert. Zwischen Punk und Popper hat sich einiges eingemischt und ausdifferenziert: Skater und Rapper, Nerds und Slacker, Visual Kei und Gothic in Dutzenden von Varianten. Je geringer das sichtbare Wohlstandsgefälle, um so dringlicher die Differenzierungsnöte: Ich kaufe nicht einen Schuh, sondern die Differenz zu Deinem Schuh. Im Kommen ist der Öko-Yuppie mit SUV (Sports Utility Vehicle) – aber bitteschön acht Liter Spritbegrenzung! Subkultur heute: so etwas wie die modische Erkennungsmelodie; so etwas wie die Klingeltöne auf Deinem Handy – sie schwören Dich auf Zugehörigkeit ein und sorgen bei der Außenwelt für die allfällige Irritation. Bernd Guggenberger

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