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LEDERSTRUMPF

Lederstrumpf alias Nat „Natty“ Bumppo, mein lieber „Ich weiß-ich-darf-unter-der-Bettdecke-nicht-lesen-Freund“, hatte das Gesicht von Hellmut Lange. Ein von allen Wettern des wilden Westens gegerbtes, von Pocken, Narben und Schmissen durchzogenes Wildtöter-Pfadfinder-Trapper-Antlitz, aus dem mich in den Siebzigerjahren direkt von der heimischen Mattscheibe herunter die endlose Hitze und der ganze Sehnsuchtsstaub der Prärie anwehten. Irgendjemand, so stellte ich mir vor, hatte dem deutschen Schauspieler einen alten ledernen Socken über den Kopf gezogen und zwei Schlitze hineingeschnitten, und immer, wenn es Sommer wurde und wir Kinder zum ersten Mal Kniestrümpfe anziehen durften, fand ich es bedauerlich, dass diese nicht aus Leder waren. Warum der Mann so aussah? Er raucht zu viel, sagte die Mutter, die damals gerne in der Sonne lag. Er liegt zu viel in der Sonne rum, sagte der Vater, der damals gerne rauchte. Alles Quatsch, dachte ich und beschloss, dass Erwachsene von Erwachsenen nichts verstehen und dass es keinen Sinn haben würde, sie in James Fenimore Coopers Magie einzuweihen. Denn wie es für mich keinen Unterschied gab zwischen Schauspieler und Rolle, so gab es keinen – selige Zeiten! – zwischen Buch und Fernseher. Lederstrumpf und sein Häuptlingsfreund Chingachgook mochten die Indianer nicht retten können, selbst Unkas, der letzte Mohikaner, musste sterben – ich aber fühlte mich lesend eingeweiht und ernst genommen. Endlich kein Kinderschmus mehr wie bei Löns’ „Mümmelmann“ oder Johanna Spyris „Rosenresli“. Endlich auf Welteroberungskurs. Christine Lemke-Matwey

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