Zeitung Heute : Nachrichten

-

Sonntagnachmittag, auf der Terrasse des Restaurants „Carmelitas“. Es liegt in der Caille Doctor Dou, mitten in Barcelonas derzeit hippstem Viertel El Raval. Kerstin Rose, Julia Lemke und Volker Jacobsen sitzen unter einem Sonnenschirm, vor ihnen ihr Milchkaffee. Es hat 25 Grad. Sie tragen Flipflops und T-Shirts, ihre Handys liegen auf dem Tisch. Julia hat ein Tuch um ihre blonden Haare gewickelt. Kerstin aus Hamburg wedelt mit ihrer Sonnenbrille. Volkers Handyakku ist leer, er leiht sich das Telefon des Reporters, um seine Mailbox-Nachrichten abzuhören.

Es war eine lange Nacht. „Habt ihr geschlafen?“, fragt Volker in die Runde. Allgemeines Gemurmel. Man nippt am Kaffee. Der Wind bringt ein wenig Abkühlung. Deutschland ist ganz weit weg. Volker hat eine Zeitung mit Immobilienteil gekauft, in der Nähe seiner Wohnung wird gebaut, er muss da dringend weg. Kerstin sucht auch etwas Neues, vielleicht ziehen sie zusammen. Kerstin erzählt von ihrem Praktikum beim Goethe-Institut. Bald kommt die Schauspielerin Meret Becker zu Besuch, Kerstin soll sie betreuen, „ist doch cool, oder?“

Nach einigen Tagen Barcelona, nach Strand, Cafés und Modeläden, Partys, Bars und Restaurants, nach Begegnungen und Gesprächen hat man das Gefühl, dass sich um einen herum gerade eine neue Stadt entwickelt. Oder anders gesagt: Dass auf den Grundfesten von Barcelona, der Hauptstadt der grimmigen, lange Zeit unterdrückten spanischen Region Katalonien, eine Hauptstadt des jungen Europa entsteht. Da passt es auch ins Bild, dass man eines Abends einem gut gelaunten Marc Wohlrabe über den Weg läuft, dem ewigen Trendsucher aus Berlin, der jahrelang das „Flyer“-Magazin herausgegeben hat. Er sagt, er hat sich gefreut auf Barcelona, und fragt, ob man auch auf die DJ-Hell-Party morgen gehe, in diesen legendären Club, in den nur 100 Leute passen.

Früher sind Menschen aus Nord- und Westeuropa nach Spanien ausgewandert, weil sie ihre Rente genießen wollten oder Peter Maffay hießen; wenn sie sich im Alter in die Sonne legen wollten, die in Deutschland oder England selten scheint. Aber die Europäer, die es derzeit nach Barcelona zieht, sind jung und stehen am Anfang. Und sie werden immer mehr: Seit 15 Jahren ist in Spanien der Bevölkerungsanteil der Einwanderer von nicht einmal einem auf über sechs Prozent gestiegen, die EU-Bürger sind die zweitgrößte Gruppe. In Barcelona leben heute offiziell 33 000 nicht-spanische Europäer. Der „Economist“ schwärmt von „Europe’s magnetic south“, der „Observer“ hat eine Formel für die Einwanderungswelle gefunden: „Katalonien“, schreibt die britische Zeitung, „ist das Kalifornien Europas.“

Wer sind diese Menschen, die gerade ihr eigenes Barcelona erfinden? Was suchen sie hier? Und warum fragt mich einer von ihnen, der in Deutschland als Restaurateur gearbeitet hat und sich nun als Deutsch-Lehrer durchschlägt, gleich am Anfang unseres Gesprächs: „Was für ein Artikel wird denn das? Doch hoffentlich keine Werbung für Barcelona!“ Ob es so schlimm hier sei, fragt man zurück, und er antwortet: „Nee, nee, aber es sollen nicht noch mehr herkommen.“

Die Einwanderer. Kerstin Roses Leben war an einem Punkt angekommen, wo sie nicht weiter wusste: 29 Jahre alt, in Hamburg, Partyorganisatorin, von zunehmend mäßigem Erfolg. Die Stadt langweilte sie. „Alles war so festgefahren. Ich war mir nicht mehr sicher, was nun werde sollte“, sagt sie. Dann hörte sie von Freunden, Barcelona sei eine aufregende Stadt. Sie dachte sich: neue Stadt, neues Glück und kaufte sich ein Flugticket. Das ist jetzt ein Jahr her.

Julia Lemke, 25, wollte Ballett-Tänzerin werden, aber ihr Knie wollte irgendwann nicht mehr. Sie musste die Ausbildung abbrechen. Film wollte sie studieren und hörte, man könne das in Barcelona tun. Das war vor vier Jahren.

Volker Jacobsen, 30, hatte Ende vergangenen Jahres genug von Berlin, von den ewig gleichen Gesichtern, die ihm in Mitte begegneten. Eine Beziehung hatte er gerade hinter sich, kein neuer Freund in Sicht. Es war nicht auszuhalten, etwas musste passieren. Er jobbte in einer Bar am Zionskirchplatz und manchmal als Model, ansonsten verbrachte er seine Tage in Cafés und Boutiquen. „Ich war unzufrieden“, sagt er. „Ich wollte etwas Neues sehen, am liebsten ein Land in Südamerika.“ Dann dachte er sich, dass Barcelona ein bisschen wie Südamerika sein könnte – nur nicht so weit weg. Sein Plan: Hinfliegen, spanisch lernen, eine Bar eröffnen, das Leben genießen. Was man halt so träumt in einem ungemütlichen Berliner Winter. Kurz nach Neujahr 2004 flog er nach Barcelona mit ein paar tausend Euro Gespartem in der Tasche. Es würde schon werden.

Nach einer ersten halben Stunde unter dem Sonnenschirm fragt man: Das perfekte Leben? „Quatsch“, sagt Volker. „Die Katalanen sind unglaublich unfreundlich.“ Volker arbeitet derzeit als Kellner im „Carmelitas“. Er sagt, dass Katalanen einem Ausländer wie ihm kein Trinkgeld geben. Von seinem Plan, eine Bar zu eröffnen, ist er schnell abgekommen: „Wenn du nicht katalanisch sprichst, kommst du hier nicht weit.“

Das gilt vielleicht für den Job, nicht fürs Leben: Denn der schlanke, deutlich über 1 Meter 90 große rotblonde Volker genießt gerade seine neue Beziehung mit einem Spanier. Julia, die blonde Ballett-Tänzerin, ist seit kurzem verheiratet mit einem Südamerikaner, „aber vor allem“, sagt sie, „damit seine Aufenthaltsgenehmigung verlängert wird.“ Sie lebt jetzt seit vier Jahren hier. Sie sagt: „Ich kann mir nicht vorstellen, zurückzugehen.“ Warum nicht? Sie dreht sich halb um und zeigt in Richtung Sonne: „Das Wetter, der Strand… ich will nicht mehr zurück.“ Dann sagt Kerstin: „Wenn der Kopf voll von Sorgen ist, legst du dich ein paar Stunden in die Sonne, und das Leben sieht schon wieder anders aus.“

Barcelona, 1,5 Millionen Einwohner, im näheren Umland 4,5 Millionen. Keine spanische Stadt hat mehr gelitten unter Francos Diktatur. Erst die Olympischen Spiele von 1992 sind der Anfang des neuen Barcelona. Denn die Architektur der Stadt war bis dahin vom Meer abgewandt – in früheren Zeiten war das Wasser eine Gefahr, vor der man sich schützen wollte. 1992 werden ganze Häuserzüge eingerissen, Straßen neu gezogen, tonnenweise Sand aus Afrika importiert – und ein acht Kilometer langer Stadtstrand geschaffen, den es vorher nicht gab. Jetzt wendet sich das Gesicht der Stadt dem Meer zu. Wer heute die paar Schritte zum Strand geht, vorbei an den Modeshops und Plattenläden, wer einen Café con lecche bestellt und neben sich Typen mit langen Fransenfrisuren und Truckerkappen entdeckt, der versteht den Charme von Barcelona: Es ist wie Berlin-Mitte plus Sonne (und einem neuen Flughafen in der Nähe der Stadt).

Das ist das eine Kapitel der neueren Stadtgeschichte. Das andere beginnt zwei Jahre nach den Olympischen Spielen, als zum ersten Mal das Sonar-Festival stattfindet, ein langes Wochenende im Juni für DJ-Musik aller Art. Auch wenn es kleiner ist als die Love Parade – es zieht 90 000 Besucher an – etabliert es sich schnell als Fixpunkt im Jahreskalender der internationalen Popkultur. Die „Zeit“ jubelt über „triumphierende Feinmotorik und Feinmechanik“ des Festivals, der „Guardian“ vergleicht es mit Robert Redfords Filmfestival „Sundance“, das ebenfalls entstanden ist aus einer alternativen Szene.

Der Tag vor dem Treffen mit Kerstin, Julia und Volker, das Pressezentrum des Sonar Festivals, im Centre de Cultura Contemporania, drei Querstraßen vom „Carmelitas“ entfernt. Giorgia Taglietti und Enric Pialu, die Organisatoren von Sonar, stehen in einer Ecke und diskutieren. Ein DJ hat gerade einen Auftritt für den Abend abgesagt, gesundheitliche Probleme. Die beiden haben ihre Handys in der Hand, um den Hals baumeln bunte Ausweise für jeden Bereich des Festivals, dann muss Enric Pialu weiter, das nächste Interview wartet. Giorgia Taglietti setzt sich und schaltet ihr Handy für ein paar Minuten aus. Sie hat dunkle, dichte Haare, ist eher klein und ein bisschen kräftig. Sie ist Italienerin, 38 Jahre alt und lebt seit 20 Jahren in der Stadt. Der Boom hat vor fünf, sechs Jahren begonnen, sagt sie, da hat sie zum ersten Mal gemerkt: Es kommen junge Ausländer – und bleiben. „Die Katalanen“, sagt sie auch, „sind verschlossen und haben sich angewöhnt, sich ungerecht behandelt zu fühlen: Die Welt behandelt uns schlecht, also geht es uns schlecht.“ Erst die neuen Ausländer haben, fügt sie hinzu, Barcelona internationaler gemacht. Aber auch Giorgia Taglietti hat sich den Regeln der Einheimischen gefügt: Sie spricht katalanisch. Sie sagt: „Das ist die Sprache der Menschen hier. Wenn du hier lebst, musst du sie schnell lernen.“ Und was hält sie von den neuen Bewohnern? Sie zögert. Sie weiß, dass das Festival auch von ihnen lebt – und dass das Festival viele angezogen hat. Der finnische Techno-Musiker Jimi Tenor etwa, ein Star der Szene, reiste zum ersten Mal für einen Sonar-Auftritt an, heute lebt er hier. „Ich weiß nicht“, sagt Giorgia Taglietti, „was die wollen. Die hängen herum, jobben als Kellner, aber sie scheinen kein Ziel zu haben – außer in der Sonne zu liegen.“

Zurück ins „Carmelitas“, zu den drei Deutschen. Kerstin, die Hamburgerin, sagt: „Meine Freunde in Deutschland leben, um zu arbeiten. In Barcelona arbeitest du, um hier zu leben.“ Mit etwas Geduld findet man Wohnungen zu Berliner Konditionen, obwohl die Preise steigen. Schwedische Studenten, erzählt Kerstin, bekommen Zuschüsse vom Staat, wenn sie in Barcelona studieren. Sie klingt ein bisschen beleidigt. Als ob Deutschland so etwas auch bald einrichten müsste.

Sommer 2004. In welcher Zeit leben wir? Warum gilt Barcelona trotz Ausländerfeindlichkeit, Sprachproblemen und wenigen Jobs für viele Junge als ein Paradies? Vielleicht, weil das Leben hier ein Mini-Ausstieg ist, in einer Zeit, in der junge Akademiker es schwerer haben, Arbeit zu finden. Es ist kein großer Schritt, nur ein kleiner, nur ein paar Flugstunden von Hamburg, München oder Berlin. Man legt sich nicht fest, man kann morgen wieder gehen, ohne große Umstände. Vor ein paar Jahren noch war eine Stadt wie New York das Traumziel von vielen jungen Deutschen: Amerika galt als cool, Manhattan war bezahlbar, und der Weg nach oben schien machbar. Heute reden viele über Barcelona (und über Berlin). Barcelona passt in diese Zeit: Wenn schon keine tollen Jobs zur Verfügung stehen, dann lieber gleich in der Sonne kellnern. Wenn Terror und Krieg herrschen, dann lieber sich zurückziehen in eine beschauliche Stadt, abseits des Weltgeschehens Und wenn schon Flip-flops tragen, warum in einer Strandbar unter dem wolkenbehangenen Berliner Himmel mit Pullover unterm Arm?

Macarena Obrador ist Mode-Designerin, ihr gehört einer der führenden Shops der Stadt, das „Soda“, in der Nähe der berühmten Fußgängerstraße Ramblas. Die Turnschuhmarke Adidas hat hier die Einführung bestimmter Modelle getestet. Haben die Soda-Kunden die Schuhe gekauft, waren sie wenig später in vielen anderen Läden Europas zu haben. Auch Macarena Obrador erzählt, wie schwer es Ausländer haben, hier wirklich anzukommen, aber andererseits, sagt sie, „wollen das manche auch nicht. Sie wollen sich erholen und nebenbei arbeiten.“ Einige Schweizer, die sie kennt, arbeiten für Werbeagenturen in ihrer Heimat – schicken Ideen und Entwürfe täglich per E-mail nach Zürich. Zu Meetings fliegt man eben mal rüber, die Flüge kosten nicht mehr als Inlandstickets. Freizeitpark Europa: In Barcelona hat er seine Hauptstadt gefunden. Das „Soda“ ist eins von vielen Beispielen: Abends wird die Mode weggesperrt – und aus dem Shop wird eine Bar mit DJ.

Bei aller Entspannung fragt man sich: Entstehen hier auch Ideen? Oder brennt die Sonne einem die Energie weg? Die ersten Monate (die bei manchen offenbar zwei Jahre anhalten können), fühlen sich an wie ein verlängerter Urlaub, erzählen die meisten. Dann verlässt man die Stadt entweder wieder – oder fängt an, sie zu verändern. Gründet ein Musikfestival wie Sonar. Oder ein Stadtmagazin wie „b-guided“, das ein irischer und ein argentinischer Einwanderer produzieren. Oder organisiert Partys, so wie Kerstin, die sagt: „Es gibt hier keine Partykultur wie in Berlin. Warum soll das so bleiben?“ Darum will sie sich kümmern, vielleicht mit Julia, der Ballett-Tänzerin. Und Volker? Er schaut an sich runter und sagt, dass er noch nie so braun war in seinem Leben. Er sagt aber auch, dass er wahrscheinlich nicht bleiben wird. Er will weiterziehen, nach Südamerika.

Und Marc Wohlrabe, der Trendsucher aus Berlin, lebt er jetzt auch in Barcelona? „Nein“, sagt er, „in Mexiko.“

Manche müssen eben immer schon einen Schritt weiter sein.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben