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Harald Martenstein

Bis vor ein paar Jahren wusste ich über Quitten lediglich zwei Dinge. Erstens: Das Wort „Quitte“ bringt beim Scrabbeln viele Punkte. Zweitens: Der Autor Max Goldt hat ein Buch geschrieben, dessen Titelheldin die Quitte ist. Es heißt „Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau“ und enthält eine Passage, welche ich aus Gründen des Jugendschutzes an dieser Stelle nur gekürzt wiedergeben möchte.

„Das Aroma der Quitte ist himmlisch, wenn nicht sphärisch. Ein Löffel Quittenkompott ist wie ein Schaumbad in siebentausend süßen Sünden, er ist ein betörendes Gift, ein Aphrodisiakum. Ein Glas Quittensaft lässt einen wie einen eleganten Panther durch die Straßen gehen, mein Blick wird verlangend, die Nüstern beben und die Augen der Frauen in der U-Bahn scheinen zu sagen: Besorgs mir, sonderbarer Herr, besorgs mir.“

Wenig später erwarb ich einen Garten mit einem Quittenbaum darin. Quittenbäume sind von exotischer Schönheit, sie haben schlangenhaft oder olivenbaumartig sich windende Äste, einen eher niedrigen Wuchs, ähnlich wie Italienerinnen, und eher große, silbrige Blätter, die lange dran bleiben. Erst spät im November fallen sie runter, als letztes Laub, so weit ich weiß. Das Obst leuchtet kurz vor der Ernte zitronengelb, gibt einen überwältigenden, zugleich süßen und frischen, beinahe rosenartigen Geruch von sich und sieht aus wie eine sehr große Birne, denn unser Baum gehört zur Untersorte der Birnenquitten. Die andere Sorte heißt Apfelquitten.

Die Quitte, die mit der Rose tatsächlich weitläufig verwandt ist, fasst sich auch gut an, viel besser als ein labberiger, überempfindlicher Pfirsich oder ein allzu glatter, domestizierter Apfel. Ihre feste Haut wird von einem hauchzarten Flaum bedeckt, den man vor der Zubereitung zärtlich mit einem Tuch abwischt.

Das, was über Quitten fast jeder weiß: Man kann nicht einfach in sie hineinbeißen wie in ein Stück Allerweltsobst. Die Quitte ist in rohem Zustand hart wie Stein, das kommt von den Steinzellen, die wirklich so heißen und die in der Quitte drin sind. Sie muss gekocht werden, sie verlangt Zuwendung, Emotion und Fantasie, dann wird sie weich. Dann ist sie, das behaupte ich jetzt einfach mal, das am verführerischsten schmeckende und zugleich vielseitigste Obst, das ein deutscher Garten hergibt. Es schmeckt ungefähr wie Apfel plus Pfirsich plus Zitrone. Nicht etwa wie eine Mischung dieser drei, sondern wie eine Addition.

Die Quitte erfordert Arbeit, hat Eigenheiten, wirft sich nicht jedem an den Hals, deswegen wird sie in unserer Gesellschaft unterschätzt. Sie wird in Deutschland nicht kommerziell angebaut, und sogar jetzt, zur besten Quittenzeit, findet man sie nur selten in den Obstläden. Die Quitte ist ein Geheimtipp. Sie hat eine Gemeinde.

Weltanschauliche Unterschiede spielen unter uns Quittophilen keine Rolle. Mit Staunen und Rührung habe ich vor einiger Zeit in der „Welt am Sonntag“ eine Ode an den „spröden Charme“ der Quitte gelesen, verfasst von dem konservativen Historiker Michael Stürmer. In keiner einzigen politisch-geistigen Angelegenheit dürften Max Goldt, Michael Stürmer sowie der Autor dieser Zeilen einer Meinung sein, nur halt in der Quittenfrage.

Während Goldt, völlig korrekt, die sexuell aufputschende Wirkung der Quitte hervorhebt, rühmt der Reaktionär Stürmer, ebenfalls mit gutem Grund, dass sie so „stolz und altmodisch“ sei, sich „über die Jahrtausende wenig verändert“ habe, nicht den „plastikartigen Geschmack des Massenmarktes“ besitze. Falls aber Gregor Gysi auf seiner Datsche einen Quittenbaum besitzt, dann rühmt er sehr wahrscheinlich die Eigenschaft der Quitte, die Zunge zu lösen, den Redefluss zu beleben sowie im Unterbauch ein sozialistisches Gefühl zu erzeugen. Jeder erkennt nämlich in der Quitte die Antwort auf seine Bedürfnisse. Und alle haben sie Recht!

Der Baum stammt aus dem Süden, angeblich aus dem Mittelmeerraum, nach anderen Quellen aus dem Kaukasus. Jedenfalls ist er ein Einwanderer, der wohl mit den Römern nach Deutschland kam, später häufig als Schmuckbaum in fürstlichen Parks auftauchte, sich an unser Klima mühsam anpassen musste und immer noch ein geschütztes Plätzchen mit möglichst viel Sonne braucht, sonst geht er ein. Bei der Wasserversorgung dagegen ist der Baum anspruchslos, seine Wurzeln reichen tief. In Griechenland werden die Früchte schon im September reif und sind viel weicher. Die deutsche Quitte aber, so behauptet die Quittenliteratur wieder und wieder, schmeckt am besten.

Vorteil der harten Haut und des harten Fleisches: Die Quitte ist immer Bio. Würmer, Käfer und Vögel gehen nicht so gerne an die Früchte ran, deswegen erübrigen sich Schutzmaßnahmen und der Ertrag ist hoch. Zum Spaß habe ich im vergangenen Jahr sowie dieses Mal das Obst gewogen, von einem einzigen Baum kamen im Rekordsommer 2003 fast 100 Kilo, dieses Jahr 50 Kilo. Die Früchte halten sich, wenn sie nicht dem Frost ausgesetzt werden, den sie hassen, ungefähr bis Weihnachten. Man hat also Zeit, sich zu überlegen, was man mit dem ganzen Zeug tut.

Das einfachste und effektivste Quittenrezept geht so:

Drei Quitten werden geschält und in etwa fingerdicke Scheiben geschnitten. In einer feuerfesten, gefetteten Form legt man die Scheiben aus wie Dachziegel oder Schuppen. Die Kerne bleiben drin, obwohl sie nicht schmecken. Sie geben der gebratenen Quitte aber eine einladende, hellrote Farbe. Dann träufelt man Honig darüber, und zwar exakt so viel, wie man mag, und gießt etwa einen Achtelliter Wasser zu. Jetzt legt man noch eine oder besser zwei in Stücke geteilte Zimtstangen darüber, außerdem Butterflocken. Das Ganze wird mit Alufolie abgedeckt und für 40 Minuten in den Ofen geschoben, der 180 Grad heiß sein sollte. Fertig. Am Ende gießt man einfach mit einem Esslöffel den reichlich vorhandenen Saft über die Früchte. Um den Wohlgeschmack ins Unendliche zu steigern, wird dazu noch Vanillesoße gereicht. Wichtig: Die Quitten sollen weich sein, aber nicht zerkocht.

Neben der Spargelzeit, der Muschelzeit, der Federweißen-, Maronen-, Erdbeer- und Bärlauchzeit gibt es auch die Quittenzeit, und die ist genau jetzt. Mit Hilfe der Quitten kriegt der Körper in der ersten Winterhälfte reichlich Vitamin C. Quitten in Calvados, Quittenlikör, Quittensuppe mit Speck, Lammcurry mit Quitten, Quittenmarmelade in allen denkbaren Varianten natürlich, Quittenmus mit Mandeln, wir machen alles Mögliche daraus, nur nicht den als besten Schnaps der Welt berühmten Quittenschnaps, weil man dazu leider Spezialgeräte und Platz braucht.

Einige Früchte werden, wie vor 100 Jahren, in die Schränke gepackt und sorgen dort den ganzen Winter lang für frischen Duft. Denn die Quitte ist auch ein weltberühmter Frischmacher. In der Antike wurde sie zur Mundhygiene verwendet. Paare, die etwas miteinander vorhatten, kauten Quittenfleisch, weil der Atem dann gut roch. Das steht bei Plutarch. Plutarch hat generell recht viel über Quitten geschrieben, den „kydonischen Apfel“, wie er in den griechischen und lateinischen Quellen heißt. Paris reicht der Aphrodite übrigens einen kydonischen Apfel.

Max Goldt hat bei seinen Recherchen herausgefunden, dass auch das Genre des Quittenwitzes existiert, und zwar in Gestalt eines, jawohl, eines einzigen Quittenwitzes. Er geht, wenn ich mich recht entsinne, ungefähr so. Ein Mann geht in einen Obstladen. Er sagt: „Zwei Zentner Quitten, bitte.“ Der Händler ist irritiert, aber schafft es tatsächlich, zwei Zentner Quitten herbeizuschaffen. Nun sagt der Kunde: „Schön und gut. Aber wo bleibt eigentlich die Quittung?“ Der Witz sei ohne jeden Zweifel unterirdisch schlecht, bemerkt Goldt, aber er sei immerhin der weltweit einzige existierende Quittenwitz und somit der Beweis dafür, dass man alles, wirklich alles mit Hilfe einer Quitte herstellen kann.

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