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Die Reise war so unendlich lang, dass Erna Ekkert, Melkerin aus Sibirien, in ihrer ersten Nacht in Berlin – Aufnahmestelle für russische Spätaussiedler, Am Bolzplatz 1, Zimmer 6 – todmüde ins Bett fiel.

Sie ist mit ihrem alten Vater gekommen aus der Region Krasnojarsk, das liegt sehr weit nördlich von Omsk. Als alles gepackt war, ist sie mit dem Auto los, hat dann einen Zug bis Omsk genommen und dann einen nach Berlin. Als sie abfuhr, hat es geregnet, und als sie ankam, auch. Unterwegs gab es nur trockenes Essen, Tee und Kekse und Sauerkraut. „Hier haben wir erst mal Borschtsch gekocht, um uns zu Hause zu fühlen.“ Und am Morgen nach einem Schlaf ohne besondere Vorkommnisse in einer Berliner Gegend ohne besondere Vorkommnisse gab es nicht wie sonst warme Kuhmilch mit bis zu neun Prozent Fett, sondern Tee und Kekse.

In Sibirien hat sie drei Kilometer von ihren Kühen entfernt gelebt, jahrelang hat sie sie gemolken, ihre Euter gepflegt und gesäubert. Ihr Haus hatte Teppiche an den Wänden, das ist in Sibirien so Sitte. Sie hatte eine gestickte Tagesdecke auf dem Bett und die Wände voller Familienfotos. Jetzt ist in ihre Bettwäsche der Schriftzug „Land Berlin“ eingewebt. Im Zimmer steht nichts Persönliches. Nur ein Hustenbonbon liegt auf dem Tisch. Sie vermisst ihre Freundinnen.

Berlin soll jetzt Heimat werden. Erna Ekkert hat keine Vorstellung davon, wie ihr Leben in Deutschland aussehen soll. Erst mal muss sie den Vater pflegen, der mitkam, alt und krank, aber ohne ihn hätte man sie nicht als Spätaussiedlerin anerkannt. Sie ist gefesselt, sagt sie, an den Pflegebedürftigen, deshalb war sie noch nicht viel unterwegs in Berlin. Wie ihre Wohnung einmal aussehen soll, welche Arbeit sie vielleicht haben wird? Für sich selbst fällt ihr kein einziger Wunsch ein.

„In Deutschland gibt es mehr Computer“, sagt sie. Die Leute seien freundlich. Sie wischt sich immer wieder Tränen aus den Augen, ob vor Aufregung oder aus Trauer ist nicht klar. – In Berlin besitzt sie eine schwarze Reisetasche, darin ein bisschen Kleidung und auch das Besteck der toten Mutter und eine hübsche Decke von der Ehefrau des Bruders, ebenfalls tot. In Sibirien sind es im Winter minus 40 Grad, im Sommer ist es sehr heiß. „In Berlin,“ sagt Erna Ekkert, „kann ich meine Sommerkleidung auch im Winter tragen.“

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