Zeitung Heute : Nachrichten

-

Barbara Becker, ExGattin des Ex-Tennisspielers Boris, hatte die Schnauze voll. Zwei Jahre lang hatte sie mit Vergnügen ihren Haushalt mit dem Minischwein „Porky“ geteilt, dann sei die Sau zunehmend größer geworden und „ausgeflippt“. Dem nunmehr ungeliebten Borstenvieh wurde vor ein paar Wochen rüde die Tür gewiesen. Immerhin verbleiben der Tierfreundin noch Exemplare anderer Spezien. Florida-Babs wohnt im sonnigen Prominentenparadies mit zwei Schlangen, zwei Papageien, einem Hund und einer Schildkröte.

Die Neigung zum privaten Kleinzoo teilt Frau Becker mit vielen Deutschen. Geschätzte 23 Millionen Haustiere leben hier zu Lande, 80 Millionen Zierfische nicht mitgezählt. Was Frau Becker noch mit vielen teilt, ist die Unkenntnis. Jeder Experte hätte ihr sagen können, dass sich auch so genannte Minischweine – oink, oink, oink – bis zu 100 Kilo Fett anfuttern, dass Eber kraftvolle Rüpel sind und Säue alle drei Wochen rollig werden und tierisch laut grunzen. Die „Zeit“ schrieb über den Halter eines Minischweins, der habe sich gewundert, dass dieses auch „kotzen“ könne; längere, kurvenreiche Autofahrten auf dem Rücksitz waren dem Tier nicht bekommen.

Der Mensch und sein Haustier. In Deutschland gibt es, zwischen Wäschetrocknern und Designerlampen, Stereoanlagen und Kinderbettchen: 6,9 Millionen Katzen, 4,9 Millionen Vögel, 4,7 Millionen Hunde, gut sechs Millionen Kleintiere wie Hamster, Meerschweinchen, Frettchen und Ratten. Jeder dritte Haushalt beherbergt ein Tier. Das kostet. Während die heimische Wirtschaft über zurückhaltendes Konsumverhalten klagt und der Kanzler unter einer hohen Sparquote ächzt – bei den Vierbeinern und dem Federvieh sind die Bundesbürger gleichbleibend spendabel: jährlich etwa drei Milliarden Euro für Futter und Bedarfsartikel. In den USA, dem Vorbild deutscher Politexperten, wird bei Heimtieren sogar mehr Umsatz gemacht als mit Spielzeug für Kinder.

Nicht selten versteckt sich hinter der vermeintlichen Liebe zum Tier nichts als barbarische Quälerei.

Beispiel Zierfische. Alle drei Monate wird der gesamte Bestand deutscher Aquarien erneuert, alle drei Monate werden 80 Millionen verendeter Fische entsorgt, Jahr für Jahr treiben mehr als 300 Millionen Fische unter der behutsamen Pflege irgendwann kieloben. Schon beim Transport würden kaffeelöffelweise Antibiotika ins Wasser geworfen, schrieb der „Stern“, und ein Fachmann vom niedersächsischen Fischgesundheitsdienst klagte: „Wenn Sie Fisch wären, würden Sie dann gerne in einer Mixtur aus Miloxacin, Natriumcarbonat, Salz, Masoten und Malachitgrünoxalat schwimmen?“

Dazu passt eine aktuelle Meldung aus den USA, wo das Geschäft mit 15 Millionen Aquarien boomt. Häufiger, so heißt es, würden Fischen gebrochene Gräten operativ mit Plättchen und Schrauben geflickt; dank Schönheits-OP flösselt mancher Guppy mit einem Glasauge. So richtig gesund ist am Ende nur das Konto des Tierarztes.

Seltsame Blüten treibt das Verhältnis von Mensch und Haustier. Einige schöne Fundstellen aus überregionalen deutschen Zeitungen:

- „Erbfähige Haustiere jetzt auch in Florida.“ (Die Schauspielerin Betty White aus der TV-Serie „Golden Girls“ möchte ihr Fünf-Millionen-Dollar-Vermögen ihren Tieren vermachen.)

- „Niesen, Jucken, Haarausfall – Manche Haustiere reagieren allergisch auf ihre Besitzer. Sie werden ähnlich behandelt wie Menschen.“

– „Erste Klonkatze als Haustier bestellt. Bald sind auch Hunde lieferbar.“

– „Mit Erfolg setzen sich Daniela Hause und ihr Rattenstammtisch seit einigen Jahren für eine Imageverbesserung des ungeliebten Zeitgenossen ein.“

Fische sind nicht die einzigen Tiere, denen in unseren Familien tödliche Liebe zuteil wird. Beispiel Ziervögel. Der Wellensittich gilt gemeinhin als robustes Vieh. Im guten Fall wird er älter als 15 Jahre. Hinter deutschen Mauern erreicht „ein Großteil nicht einmal das vierte Lebensjahr“ („Die Zeit“). Mal wird eine glatte Blumenvase zur Falle, mal knallt Hansi mit voller Fluggeschwindigkeit gegen eine Glasscheibe, Folge: Schnabelfraktur. Wellensittiche erleiden Genickbruch durch Ventilatoren und erdrosseln sich langsam an Kabeln. Mancher Vogel erlernt schmerzhaft, dass Fernseher keine geeigneten Nisthöhlen bieten. Andere naschen von Topfpflanzen auf Fensterbänken, doch was das menschliche Auge erfreut, endet für Wellensittiche im Exodus: Palmen, Farn und Ficus benjamini verrenken ihnen den Magen – zuerst Koma, dann das Aus.

Trotz all dieser Quälerei bleibt die Öffentlichkeit merkwürdig ruhig. Tapfer engagiert sich die grüne Landwirtschaftsministerin fürs industrielle Mastvieh. Dabei würde mancher privat gehaltene Papagei gerne mit einer eingekerkerten Legehenne tauschen. Deren Torturen finden wenigstens ein frühes Ende beim Schlachter.

Bei dem wurde einst das Futter für Hunde gekauft, Pansen, Knochen, Fleisch. Vorbei. Den Tierfreunden ist das viel zu natürlich. „90 Prozent aller Hunde- und Katzenhalter verabreichen ihren Tieren inzwischen Industriefutter“, bilanzierte der „Stern“. Hersteller bieten Naschriegel für zwischendurch und ausgefeilte Menüs, vom „Frikassee vom Truthahn mit jungem Gemüse“ bis zum „Lamm à la Mediterranee“, begleitet von Trinkwasser in Flaschen.

Die Folgen sind nicht zu übersehen. Ein Viertel aller Hunde und Katzen in der westlichen Welt sind nach einer US-Studie zu dick. (Laut „USA Today“ gelten 65 Prozent aller Amerikaner als übergewichtig oder fettleibig, da stehen Haustiere noch etwas besser da.) Und der Bericht der „National Academy“ benennt auch die fatalen Konsequenzen für die fehlernährten Heimtiere: Diabetes, Herz-Kreislaufstörungen usw. Völlig vergessen scheint, dass der Hund eine gezähmte Variante des Wolfs ist und ein Allesfresser, der keine Dosen öffnen kann. Doch die Tierfreunde kontern die zunehmende Verfettung ihrer degenerierten Dickmöpse lieber mit Light-Produkten aus dem Supermarkt - vergeblich.

Es gibt nicht allzu viele Menschen, denen also das Halten von Hunden vernünftigerweise erlaubt sein sollte:

1) Zollbeamte (fürs Rauschgift)

2) Bergwacht

3) Blinde

4) Technisches Hilfswerk

5) Trüffelsucher

Denn besonders Tierheime erleben immer wieder, wohin die Zuneigung der dominanten Zweibeiner zu ihren Heimtieren letztendlich führt. Nur die wenigsten vor dem Urlaub abgegebenen Pfleglinge werden später abgeholt. Und das ist noch die freundlichste Variante. „Die Pudeldame Paula zum Beispiel flog in München aus einem fahrenden Auto“, war in der „Süddeutschen Zeitung “ zu lesen. Und ein Meerschweinchen-Besitzer habe den städtischen Tierpflegern eine sechsköpfige Nagerfamilie mit den Worten präsentiert: „Wenn ihr die Viecher nicht nehmt, lege ich sie unter den Rasenmäher.“

Doch die Tierfreunde der Großstadt sind auch hart gegen sich selbst. Eine Visite in Berlin-Wilmersdorf, zwei Erwachsene, zwei Katzen. Bis in Kopfhöhe sind alle Tapeten von scharfen Krallen zerfetzt, Türen und Rahmen von Kratzspuren übersäht. Im Badezimmer verbreiten Katzenklos den Geruch beißender Chemikalien, im Kühlschrank müffeln geöffnete Dosen und legen ihren Moder auf Käse, Tomaten, frische Freilandeier und gesalzene Butter.

Und das ist noch die appetitliche Variante der Recherche. Der Besuch bei einem Echsenliebhaber fördert beim Blick in den Kühlschrank Plastikschälchen mit lebendigen Würmern, Maden und Larven zu Tage.

Vielleicht sollten sich Menschen wieder daran erinnern, dass Tiere in den Wald und auf die Heide gehören. In ein natürliches Habitat. Sonst werden in deutschen Häusern weiterhin Hamster von Kindern in den Tod gekuschelt, oder die an sich nachtaktiven Nager werden beim Spielen bei Tageslicht in die Paranoia getrieben. Tierärzte diagnostizieren dann Knochenbrüche und Quetschungen der Weichteile, sie behandeln die vielen „Stresspinkler“ unter den Katzen und helfen Hunden und der Pharmaindustrie mit Betablockern und Stimmungsaufhellern; ein neues Hüftgelenk gibt’s für 2000 Euro. Ganz abgesehen – mit menschlichem Blick – von den 40 000 000 Kilogramm Hundekacke, die laut „Welt“ von den Vierbeinern jährlich in Deutschland ausgebracht werden; gerne auch in Spielplätzen und Badeseen.

Vielleicht lässt sich das Rad der Geschichte ja wieder zurückdrehen. Der Hund als gezähmte Ausgabe des Wolfs lebt erst seit 40 000 Jahren mit dem Menschen, die Katze (zeigen die ältesten archäologischen Funde) erst 9 500 Jahre – in den Zeiträumen der Evolution gesehen ein Wimpernschlag.

Bereits 1964 schrieb Wolfram Siebeck in der Zeitschrift „Pardon“ von einer „Dackelpresse“ der Firma Krupp und einer „Goldfischguillotine“ aus England, mit deren Hilfe kostengünstig „die Haustierplage“ erledigt werden könne. Doch wie das Faxgerät als deutsche Erfindung hier zu Lande nicht als genialisch erkannt wurde, so ist auch die Dackelpresse über die Jahre in Vergessenheit geraten.

Trotzdem müsste ja niemand wirklich auf Tiere im Haushalt verzichten. In einigen hübschen Erzählungen beschreibt der Schriftsteller Max Goldt von seinem friedvollen Zusammenleben mit Millionen von Milben, die in seinen Kopfkissen und Teppichen „schmatzend ihr Tagewerk“ verrichten. Auch pelzige Spinnen im Keller, putzige Silberfische in Toiletten oder Schwalben, die unter Balkonen nisten, könnten das Herz eines Großstädters erwärmen.

Nachtrag, um den Report moralisch-ethisch noch etwas anzufüttern:

In den USA und Europa zusammen werden jedes Jahr für das Futter von Haustieren 15 Milliarden Euro ausgegeben (Berechnung von Weltbank und UN). Mit dieser Summe könnten 14 Millionen Kinder durch Impfungen, Medikamenten und Nahrung vor dem Tod bewahrt werden. Wenn Claudia Roth das liest, die Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, geht erst ein Heulkrampf durchs Land – und dann...? Ein Ruck?

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben