Zeitung Heute : Nachrichten

-

Besuch in der Buchhandlung, Abteilung Ratgeberliteratur. Lange Regalreihen, mehrere Tische mit hohen Büchertürmen. Schon auf den ersten Blick lassen sich die großen SelbsthilfeTrends dieser Saison feststellen: Angststörungen, Faulheit als Lebensmotto und – speziell für Frauen – die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auf den Umschlägen der Kinder-und-Karriere-Bücher die typischen Bilder: Frau im Nadelstreifenkostüm trägt Hochsteckfrisur, Aktentasche und ein ängstlich blinzelndes Kind. Nach Ratgebern für so genannte Nur-Hausfrauen sucht man vergeblich. „Thalia“ hat gerade mal fünf schmale Bände zum Thema Haushaltsführung im Sortiment. Es sind Bücher, in denen es um Fleckenentfernung geht, um Vorratshaltung und effizientes Wirtschaften.

Die Buchhändlerin zuckt mit den Achseln: Werke mit Titeln wie „Ich bin Hausfrau – na und“ oder „Zwischen Isolation und Erfüllung – Hausfrauen erzählen“ seien nie geschrieben worden, glaubt sie. Bei Amazon findet man zum Thema „Hausfrauen“ zwar zahllose Schmuddel-DVD’s, doch von Literatur für Frauen, die den Haushalt organisieren, fehlt auch hier jede Spur. Es ist schon schwierig genug, herauszufinden, wie viele Hausfrauen es in Deutschland überhaupt gibt. „Probieren Sie es über das Ausschlussverfahren“, heißt es beim Hausfrauenbund. Und: „Für uns ist eine Hausfrau eine Frau, die einen Haushalt hat.“ Also eben auch Frauen mit Teilzeitjob, so in etwa zehn bis 20 Millionen, schätzt man.

Beim Hausfrauenbund haben sie noch nichts gehört von der Serie, die am kommenden Dienstag bei ProSieben startet. In Amerika läuft „Desperate Housewives“, eine Fortsetzungsgeschichte um reiche, intrigante und mörderische Vorstadtschönheiten, sehr erfolgreich und wird als logische Konsequenz aus „Sex and the City“ besprochen. Werden Hausfrauen die neuen Role-Models? Oder hat das Bild des Martini trinkenden Hausdrachens gar nichts zu tun mit einer sich 16 Stunden am Tag verausgabenden Allrounderin? Es ist höchste Zeit, sich auf einen neuen Trend vorzubereiten – und mit den gängigsten Vorurteilen aufzuräumen.

Hausfrauen haben keine Lobby

Das stimmt nicht. Die schrillste Hausfraueninitiative ist wohl die „Hausfrauenrevolution“. Ins Leben gerufen wurde die Bewegung von der dreifachen Mutter Marie-Theres Kroetz-Relin. Der Aufstand spielt sich zum größten Teil im Internet ab: Auf www.hausfrauenrevolution.com werden Frauen eingeladen, ihre Erfahrungen zu teilen. Außerem sind dort Beiträge von Frau Kroetz-Relin einsehbar, die sie für diverse Yellowpress-Magazine geschrieben hat. „Eines der größten Probleme der Hausfrauen ist die Einsamkeit“, sagt die Ehefrau des Dramatikers und Schauspielers Franz Xaver Kroetz („Kir Royal“). Diesem Gefühl wolle sie mit ihrer Seite entgegentreten.

Etwas gesetzter dagegen geht es zu beim Deutschen Hausfrauen-Bund, der sich besonders für die Interessen älterer Frauen einsetzt. Mit den vielen kleineren Landes- und Ortsverbänden verfügt der Deutsche Hausfrauen-Bund über ein ausgezeichnetes Netzwerk. Er will „hauswirtschaftliche Kenntnisse vermitteln“ und arbeitet überparteilich und überkonfessionell. Auch bei der Katholischen Frauengemeinschaft (kfg) gibt es eine Interessenvertretung für Hausfrauen. Ziel der Lobbyarbeiterinnen: Gesellschaftliche und politische Anerkennung von Haus- und Familienarbeit, bessere rentenwirksame Anerkennung von Erziehungs- und Pflegeleistungen. Die kfg publiziert sogar ein eigenes Magazin zum Thema. Es heißt „Frau und Mutter“.

Eine Stufe radikaler ist die frühere Deutsche Hausfrauengewerkschaft, die ihren ursprünglichen Namen im Jahr 2000 aufgegeben hat und sich jetzt Verband der Familienfrauen und -männer nennt. 1997 gründete die Soziologin Gerhild Heuer die Gewerkschaft mit dem Ziel, dass Hausarbeit und Erwerbsarbeit gleichgestellt werden. Viele Frauen traten dem Verband damals bei.

Moderne Gerätschaften nehmen Hausfrauen den Großteil der Arbeit ab

Erst kam die automatische Waschmaschine, dann eroberten Staubsauger, Geschirrspülmaschinen und schließlich Mikrowellen die deutschen Wohnungen – geht es der jüngeren Hausfrauen-Generation wirklich deutlich besser als ihren Müttern und Großmüttern, die ohne flusenanziehendes Staubtuch auskommen mussten? Die britische Wissenschaftlerin Catherine Cronin von der Universität Stirling, Fachrichtung Maschinenbau für Haushaltstechnik, vertritt folgende These: Vollautomatische Geräte haben zwar die Arbeit als solche reduziert, aufgrund ihrer Komplexität jedoch nicht den Zeitaufwand. Früher habe man Wäsche eben dann gewaschen, wenn sie schmutzig war, heute dagegen sortiere man Kleidung, bestimme das korrekte Waschprogramm, wähle unter einer Vielzahl von passenden Pülverchen und Weichspülern und trage die komplizierten Fälle in die Reinigung an der Ecke. Anders ausgedrückt: Früher hieß das Waschpulver „Persil“, heute „Persil Color mit Niedrigtemperatur-Formel“, zu haben ist es als Pulver, Gel, Tab oder als Megaperls-Version.Vielleicht ist es so: Hausfrauen beherrschen die Anwendung von hochkomplexen technischen Geräten inklusive korrespondierender Chemikalien deutlich besser als alle anderen.

Dabei sollen Hausfrauen übrigens so unzufrieden sein, dass sie sich nachts zwischen den frisch gewaschenen, aprilfrisch duftenden Laken herumwälzen. „Die mangelnde Identifikation mit ihrer Rolle als Nur-Hausfrau scheint sich im negativen Sinne auf ihr Schlafverhalten auszuwirken“, bilanzierte 2003 die Gießener Haushaltswissenschaftlerin Uta Meier das Ergebnis einer repräsentativen Befragung.

Hausfrauen haben ein Geldproblem

In einem Fall stimmt diese Theorie sicher: in dem der amerikanischen Hausfrauen-Ikone Martha Stewart. Sie wurde vor kurzem nach fünf Monaten Haft aus dem Gefängnis entlassen. Verurteilt wurde Martha Stewart, weil sie falsche Aussagen über Aktiengeschäfte gemacht hatte. Jetzt steht die Autorin zahlloser Kochbücher und Frontfrau einer erfolgreichen, nachmittags ausgestrahlten Fernsehsendung für Hausfrauen weitere fünf Monate unter Hausarrest – eine Strafe, die ihr durchaus entgegen kommen könnte. Vielleicht gibt sie bald wieder eine Gartenparty: Stewart ist bekannt dafür, die Gäste so geschickt über ihr Anwesen zu lenken, dass der Rasen gleichmäßig plattgetrampelt wird.

Im richtigen Leben sieht es so aus: Frauen, die mit einem Mann verheiratet sind, der über ein regelmäßiges Einkommen verfügt, haben zusätzlich zum „Haushaltsgeld“ einen Anspruch auf „Taschengeld“ – und zwar in Höhe von fünf bis sieben Prozent des Nettoeinkommens des Partners. Und wer sollte sich besser mit der Entwicklung von Preisen auskennen als die Hausfrau? Es wird sogar von Fällen berichtet, bei denen die haushaltende Ehefrau auf Heller und Pfennig weiß, was der Mann verdient – und als einziges Familienmitglied das Gefühl von Bargeld in der Hand kennt, weil der Mann grundsätzlich lieber mit der Kreditkarte zahlt.

Falls es doch einmal wider Erwarten zum Versorgungsengpass kommen sollte, es gibt einen blassen Hoffnungsschimmer: Der Wirtschaftswissenschaftler Joachim Prinz von der Uni Witten/Herdecke fand heraus, dass Hausfrauen bei Quiz-Shows im Schnitt weiter kommen und daher auch mehr Geld gewinnen als Akademiker. „Entscheidend für den Erfolg ist nicht das Spezialwissen, sondern das im alltäglichen Leben gesammelte Wissen.“

Hausfrauen leiden unter mangelndem Selbstbewusstsein

Wer tagein, tagaus von morgens früh bis zum späten Abend arbeitet, ohne Bezahlung und sozusagen im Schatten des öffentlichen Interesses, wird früher oder später an Minderwertigkeitsgefühlen leiden. Ist das so? Nein, nein, nein, sagt zum Beispiel die 46-jährige Christina Szápáry. „Ich war 16 Jahre lang Hausfrau und Mutter und habe für meine Arbeit jede Menge Anerkennung bekommen.“ Die 16 Jahre waren für Szápáry, die inzwischen wieder berufstätig ist, nicht besonders entspannend. „Es waren Jahre“, sagt sie, „in denen es keinen Feierabend gab.“ Ein Tag im Büro sei dagegen pure Wellness. Szápáry ist Mutter von vier Kindern.

Hausfrauen sitzen den ganzen Tag mit ihren Babys im Café

Das sind keine Hausfrauen, sondern Luxusgeschöpfe, die gerade eine Babypause machen, sich nie als Hausfrau bezeichnen würden und heimlich davon träumen, ihre Babypause um ein Jahr zu verlängern.

Hausfrauen kommen in der Werbung schlecht weg

Die Rama-Familie, das war gestern. Sogar Kaffee-Werbespots sprechen neuerdings allein erziehende Väter an, weil die als fortschrittlich gelten. Nur das Unternehmen „Vorwerk“ hat die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt und einen Slogan erfunden, der inzwischen fest in der Alltagssprache der modernen Hausfrau verwurzelt ist: „Ich leite ein kleines, erfolgreiches Familienunternehmen“. Doch damit nicht genug: Ende des vergangenen Jahres zeichnete die Teppich- und Einbauküchenfirma gemeinsam mit der Fernsehzeitung „Hörzu“ die „Familien-Managerinnen 2004“ aus. Ausgezeichnet wurden fünf Frauen mit unterschiedlichsten Geschichten. Am konsequentesten ist die von Dr. Sabrina Duesberg, die von ihrem Mann für den Preis vorgeschlagen wurde: „Die junge Ärztin aus Krailling bei München hatte die Wahl: entweder eine Karriere als Ärztin oder eine Familie“, heißt es bei Vorwerk zur Erklärung. Und weiter: „Das verlockende Angebot einer Klinik lag der promovierten Medizinerin bereits vor. Doch Sabrina Duesberg wollte eine Familie. Da die Rahmenbedingungen fehlten, um Beruf und Kinder zu vereinbaren, verzichtete sie auf ihre Karriere. Heute hat sie sechs Kinder.“ Das Unternehmen spendierte als Ausgleich für die fehlende gesellschaftliche Anerkennung einen Smaragdring. Dr. Sabrina Duesberg nahm ihn an.

„Desperate Housewives“ startet kommenden Dienstag um 21 Uhr 15 auf Pro7. Eine Rezension finden Sie heute auf Seite 31.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar