Zeitung Heute : Nachrichten

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Jonas ist eigentlich ein bisschen zu cool zum Reden. Er eröffnet gerne italienisch, aber jetzt sitzt er über dem dmDrogeriemarkt in Dortmund in seinem Schach-Verein und guckt über eine Maschinenpistole seine Gegner an. Das hat jetzt nichts mit Schach zu tun, sondern ist das Computerspiel „Wolfenstein 3D“, und dies ist eine LAN-Party. Weil man nicht immer Schach spielen kann, auch wenn man schon sechs Jahre im selben Verein ist. Jonas ist einer der besseren Spieler im Verein, er ist auf Tuniere durch Deutschland und nach Holland gereist, er spielt Partien mit bis zu drei Stunden Bedenkzeit, er kann von einer Stellung auf die Struktur der Eröffnung schließen, er kann eine einmal gespielte Partie aus dem Kopf nachspielen, aber dass Schachspieler gut in der Schule seien, sagt er, würde ja wohl nicht stimmen. Dortmund-Brackel ist der Verein mit der größten Jugendabteilung in Deutschland. Der umtriebige Jugendwart geht früh in die Schulen und fordert die Schüler zu Schach-AGs auf, von den AGs kommen dann welche in seinen Verein. Keiner weiß, was der Jugendwart sonst noch so macht, manche vermuten, er schläft im Schachclub auf einem der beiden schwarzen Ledersofas, denn die Räume sind größer als dessen Wohnung. „Die Guten spielen und die Schlechten werden Funktionäre“, heißt es hier. Das ist natürlich wie im richtigen Leben. Jonas soll spielen. Er hat schon so an die 30 Pokale zu Hause herumstehen, aber als er im Deutschunterricht etwas zu Lesen wählen konnte, hat er sich nicht für Stefan Zweigs „Schachnovelle“ entschieden, sondern für Thomas Brussigs „Am kürzeren Ende der Sonnenalle“.

Weil er ja nicht nur Schachspieler, sondern außerdem noch 16 ist. ded

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