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Mit 16 Koffern reist Rita Marley durch Deutschland. Berlin, Hamburg, Würzburg, wo sie auf einem ReggaeFestival auftreten wird. 16 Koffer, die in die Züge rein- und wieder rausmüssen, selbst wenn sie wie in Hamburg-Dammtor nur zwei Minuten halten. Rita Marleys Managerin – eine schwere schwarze Frau mit langen Rastalocken, die auf ihrem Kopf zu einer Art Bienenstock aufgetürmt sind – und die Hotelangestellten hieven die Koffer über den Bahnsteig, während Rita Marley einem Journalisten ein kurzes Interview gibt. Rita Marley soll für ihre Autobiografie werben („No Woman No Cry“, Rockbuch Verlag, 19,90 Euro), was sie charmant, aber nachlässig tut. Sie ist immer ein wenig zu spät, immer ein wenig unwillig. „Hey, ich bin hungrig“, ruft sie ihrer Entourage durch die Bahnhofshalle nach.

Dann isst sie Obst bei Mr.Clou.

Man kann Ehefrauen von Popstars in zwei Kategorien einteilen, erstens in hübsche Anhängsel und zweitens in willensstarke Überlebenskünstlerinnen. Rita Marley gehört zu Letzteren. Sie trägt einen roten Turban und ein langes, schmales Kleid in grün-gelbem afrikanischen Muster. Seitdem Bob Marley 36-jährig an Krebs starb, verwaltet sie sein Erbe. 1991 wurde sie selbst mit ihrem Reggae-Album „We must carry on“ für den Grammy nominiert. Die Band ihrer Kinder, die „Ziggy Marley and the Melody Makers“ heißt, hat die US-Auszeichnung schon diverse Male gewonnen.

Rita Marley, die Musikclan-Mutter: Sohn Rohan, der nicht Musik macht, sondern in den USA Football spielt, ist mit der Sängerin Lauryn Hill verheiratet, und in Würzburg erwartet sie schon ihr jüngster Sohn Julian Marley, um mit ihr zusammen aufzutreten. Für unser Interview hat sie sich aufrecht auf ein Hotel-Sofa gesetzt, sie lächelt fast schüchtern. Die Managerin spreizt zweimal alle Finger auseinander: „Twenty Minutes!“

„Frau Marley, wie viele Kinder haben sie eigentlich?“

„Alles in allem elf“, antwortet sie. „Sechs habe ich geboren. Fünf gehören zu Bob.“

„Sie meinen, fünf der Kinder sind nicht von Ihnen?“

„Genau. Immer wenn wieder ein Mädchen schwanger war, mit dem Bob etwas hatte, sagte er zu mir: Rita, dieses Mädchen bekommt mein Kind. Ich sagte: Oh, wirklich? Nachdem das Kind geboren war, brachte er es zu mir und fragte: Ist es von mir? Ich prüfte das Kind gründlich und sagte schließlich ja oder nein. Man erkennt die Ähnlichkeit. Sie glauben gar nicht, wie viele Babys, die er brachte, nicht von ihm waren.“

„Sie haben auch die Kinder Ihres Mannes bei sich aufgenommen?“

„Ja, und ich liebe sie wie meine eigenen. Das ist doch natürlich.“

Es ist erstaunlich, wie offen Rita Marley erzählt. Wie die beiden sich kennen lernten in Trench Town, dem Slum von Kingston auf Jamaica. Wie Rita als Krankenschwester und Bob als Schweißer arbeitete, obwohl beide immer Musiker werden wollten. Und wie Bob wirklich keine Gelegenheit ausließ, sie zu betrügen. Aber betrogen, sagt sie, sei das falsche Wort. „Er hat nichts groß verheimlicht.“

„Warum erzählen sie das in aller Öffentlichkeit?“

„Weil es vielen Frauen so ergeht wie mir damals. Sie kommen auf mich zu und sagen: Rita, dein Buch hat mir geholfen. Ich konnte mit niemandem darüber reden.“

„An einer Stelle schreiben Sie sogar, dass Bob Marley Sie vergewaltigt hat.“

„Fast. Er hat mich fast vergewaltigt. Der Mann will Sex, du willst es nicht. Vielleicht, weil er gerade von einer anderen kommt und du das riechst. In so einer Situation hat mich Bob einfach dazu gezwungen. Das ist keine Vergewaltigung, aber es fühlt sich so an, weil du nichts spürst. Ein klassisches Frauen-Ding.“

Es ist ein neues Bild von Bob Marley, das Rita Marley zeichnet: Man hat ihn als sanft in Erinnerung; als den sensiblen und von Liebeskummer gebeutelten Mann, der in seiner Enttäuschung „No Woman No Cry“ singt. Freie Übersetzung: „Wenn man keine Frau hat, kann einen wenigstens niemand verletzen.“ Doch in der Rangliste der am häufigsten missverstandenen Liedtitel der Musikgeschichte, die die Zeitschrift „Neon“ aufgestellt hat, steht „No Woman No Cry“ auf Platz eins. Marley meinte nämlich: „Nein, Frau, weine nicht.“ Er wollte Ehefrau Rita besänftigen, als die ein Mädchen auf seinem Zimmer entdeckt hatte.

„Natürlich“, sagt Rita Marley, „haben mich seine Affären verletzt. Aber ich sagte mir: Niemand bringt mich dazu, meinen Mann zu verlassen.“

„Im Lied ,No Woman No Cry’ singt Bob Marley auch ,I remember when we use to sit in the Government Yard in Trench Town’. Vermutlich saß er mit Ihnen da…“

„…Government Yard nannten wir den Garten des Hauses meiner Tante, bei der ich aufwuchs. Nach unserer Hochzeit hat meine Tante ein Zimmer für Bob und mich angebaut. In der Mitte des Government Yards stand ein Pflaumenbaum, darunter machten Bob und seine Freunde oft Feuer, oder sie spielten Fußball.“

„Wie haben Sie und Bob Marley sich kennen gelernt?“

„Ich war 17, und Bob spielte zusammen mit Peter Tosh und Bunny Livingston in der Band The Wailers, die auf Jamaica schon recht bekannt war. Jeden Tag kamen sie auf dem Weg zum Aufnahmestudio am Haus meiner Tante vorbei. Ich war damals schon Sängerin, habe zusammen mit meinem Cousin im Government Yard für einen halben Penny Eintritt Konzerte für die Nachbarschaft gegeben. Irgendwann lief ich zum Zaun und rief den Wailers zu: Hey, ich kann auch singen. Wir kamen ins Gespräch. Zuerst habe ich mich in Peter Tosh verliebt…“

„…Peter Tosh wurde später ebenfalls zur Reggae-Ikone…“

„…Peter war groß, schwarz. Sehr niedlich. Wir haben uns auch gut verstanden. Aber Bob sagte: Peter hat viele Frauen, du musst vorsichtig sein. Bob war damals wie eine Vaterfigur für mich, denn mein echter Vater war in England.“

Bob Marley führte Rita auch in die Lehre der Rastafaris ein, die damals in Jamaica die Jugendkultur bestimmte. Im Westen hält man Rastas für ein kiffendes Dreadlock-Grüppchen. Dabei sind sie eine Mischung aus einer Befreiungsbewegung für Schwarze und einer Religionsgemeinschaft, denn sie beziehen sich auf die Bibel, wenn sie sie auch eigenwillig interpretieren. Rita Marley rechtfertigt zum Beispiel die Promiskuität ihres Manns mit einer Bibelstelle, die lauten soll: Sieben Frauen sollen sich um einen Mann kümmern. Der Name leitet sich vom bürgerlichen Namen Ras Tafari des ehemaligen äthiopischen Kaisers Haile Selassi ab, der von den Rastas als Messias verehrt wird. Für Rastafaris ist Marihuana, genannt Ganja, ein heiliges Sakrament. Schweinefleisch lehnen sie dagegen ab, was zu Spannungen im Government Yard führte, denn Bob Marley verschmähte die von Ritas Tante gekochten Schweinefüße und Schweineschwänze, die sie mit Reis und Erbsen servierte.

„Wir wollten damals unbedingt raus aus dem Ghetto“, erzählt Rita Marley, „und wir wussten, das geht nur über die Musik. Aber wir verdienten fast nichts. Weil wir uns nichts anderes leisten konnten, zogen wir schließlich ins Dorf St. Ann, in dem Bob geboren war. Dort stand sein Elternhaus leer. Bobs Vater, ein britischer Soldat, hatte es seiner Mutter geschenkt. Das Haus war armselig: kein fließendes Wasser, kein Strom. Wir hatten gerademal einen Cracker pro Tag zu essen. Bob hatte damals nur eine Unterhose, die ich ihm jeden Abend wusch.“

Die Managerin kommt vom Nachbartisch herüber. Sie spreizt jetzt nur noch die Finger einer Hand. Noch fünf Minuten. Rita Marley hält ihre Knie umfasst. Sie lächelt, hat es eigentlich nicht eilig. Sie erzählt offenbar gerne von ihrem Mann, der sich der Emanzipation der Schwarzen verschrieb, aber offenbar von der Emanzipation der Frauen nicht viel hielt. Den gemeinsamen Traum einer Musikkarriere erfüllte er sich alleine. Erst Jahre später, nachdem er sich von den anderen „Wailers“ getrennt hatte und Backgroundsängerinnen brauchte, engagierte er die Ehefrau. Dafür musste sie nach den Konzerten seine verschwitzten Klamotten einsammeln, die hinter der Bühne verstreut lagen. Und als Rita schließlich eine Solokarriere angeboten wurde, jagte er die Mitarbeiter der Plattenfirma einfach weg.

„Man muss realistisch sein“, sagt Rita Marley, und es soll beschwichtigend klingen. „Er war kein Heiliger, sondern ein normaler Mensch. Bob und ich empfanden für einander perfekte Liebe, und perfekte Liebe blendet vieles aus.“

Aber so einfach lässt es sich nicht wegwischen: Jamaicas Nationalheld war ein radikaler Macho.

„Könnten Sie uns denn irgendetwas berichten, das liebenswert an ihm war?“

„Natürlich“, sagt sie, „Bob war großzügig und offenherzig. Die Menschen kamen mit ihren Sorgen zu ihm, und er hat sich ihrer angenommen. Manche Frauen kamen, um ihn um Geld zu bitten, und es endete damit, dass sie Sex hatten. Andere Frauen kamen, um mit ihm die Bibel zu lesen, und am Ende hatten sie Sex.“

Rita Marley lacht.

Heute lebt sie auf Jamaica und in Ghana. Seit einem Vierteljahrhundert ist Bob Marley tot; er bekam Hautkrebs, den er nicht behandeln ließ und der sich schließlich ausbreitete.

Rita Marley gehört immer noch den Rastafaris an, sie ist in den typischen Rasta-Farben gekleidet: Das Rot ihres Turbans steht für das Blut, das die Afrikaner im Kampf gegen Kolonialherren vergossen haben, das Goldgelb ihres Kleides für die geraubten Schätze Afrikas und das Grün für die Natur. Bevor sie zu arbeiten anfängt, dreht sie sich manchmal einen kleinen Joint. „Der trägt mich den ganzen Tag. Ich arbeite und arbeite.“ Auch ihr Umzug nach Afrika folgt der Rasta-Philosophie, wonach Schwarze ihre Unterdrückung nur dort überwinden können, wo sie nicht mehr in der Minderheit sind. „Bob sagte immer zu mir: Du musst in Afrika wohnen. Du bist so schön und schwarz, du bist eine African Queen. Ich sagte damals: Wow, in Afrika. Willst du, dass mich die Löwen fressen? Ich dachte damals, Afrika bestehe nur aus Dschungel.“ Sie lacht wieder.

Die Managerin sucht nach Fotos, die Ritas Arbeit in Ghana dokumentieren: Sie baut dort Krankenhäuser, Brunnen und Schulen. Man hat ein wenig Zeit gewonnen für die letzten Fragen.

„Frau Marley, haben sich in den letzten Jahrzehnten die Rechte der Schwarzen verbessert?“

„Schon“, sagt sie. „Früher hieß es: ,If you are black, step back. If you are brown, stick around.’ Wenn du schwarz bist, geh weg, wenn du braun bist, bleibe da. Meine Mutter hat meine Familie verlassen, weil sie fand, dass mein Vater zu schwarz für sie sei. Heute dürfen wir Schwarzen klug und schön sein.“

„Ist es ein Zeichen dieses Fortschritts, dass mit Condoleezza Rice eine schwarze US-Außenministerin ist?“

„Ich weiß nicht. Sie ist zwar schwarz, aber trifft keine Entscheidungen für die Schwarzen. Immerhin wird sie ernst genommen.“

„Wie ist es mit Muhammad Ali? Er gilt als Symbol für das Selbstbewusstsein der Schwarzen, wie ihr Mann es war.“

„Ja, und beide hatten mehrere Frauen. Ali steckte sie sogar in ein Haus und sagte, dass das eine afrikanische Tradition sei. Er suchte sich eine für die Nacht aus. Das hätte ich nie mitgemacht.“

„Wären Sie eigentlich heute noch mit Bob Marley zusammen, wenn er noch leben würde?“

„Wir würden sicher zusammen auftreten, und wir kümmerten uns um die Kinder und Enkel. Aber irgendwann hätten meine Töchter gesagt: Mummy, bitte, lass dich von diesem Arsch scheiden.“

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