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Bei Schützens brennt noch Licht. Das heißt für Andreas MeyerHanno und seinen Freund: noch eine Runde durch die Stadt gehen, noch ein Bier in einer Kneipe trinken, und dann hoffen, dass Herr und Frau Schütz schon schlafen. Beim zweiten Anlauf haben sie mehr Glück, das Licht im Wohnzimmer ist aus. Das Hausbesitzerehepaar ist zu Bett, und damit stehen die Chancen besser, dass die beiden jungen Männer leise und deshalb unerkannt in der kleinen Mansardenwohnung ankommen. „Wir sind im gleichen Tritt die Treppe rauf“, erzählt Meyer- Hanno, „damit, für den Fall, dass Schützens lauschen, sie den Eindruck haben, da geht nur eine Person nach oben.“ In der Dachwohnung von Meyer-Hanno angekommen, können die beiden jungen Männer endlich das tun, wonach ihnen schon seit Stunden der Sinn steht: sich miteinander austoben.

Das, was Meyer-Hanno und sein Freund Walter 1957 in der kleinen Mansardenwohnung in Wuppertal tun, ist in dieser Zeit nicht nur tabu, es ist verboten. Der Paragraf 175 stellt alle homosexuellen Handlungen unter Strafe. Und so sind die beiden jungen Männer sehr vorsichtig. Von Herrn Schütz weiß Meyer-Hanno, dass er ihn am liebsten rauswerfen würde, weil er ihm suspekt ist, mit seinen Männerbekanntschaften. Nachweisen kann der Hausbesitzer ihm jedoch nichts.

Offen mit ihrer Homosexualität umzugehen, ist Meyer-Hanno und seinem Freund nicht möglich. Da geht es ihnen nicht anders als allen anderen Schwulen in den 50er Jahren. „Unser Leben war bestimmt durch Angst und Bedrohung“, sagt der 73-Jährige heute. Die junge Bundesrepublik hat nach dem Zweiten Weltkrieg den Paragrafen 175 in der von den Nazis verschärften Fassung von 1935 übernommen. „Für die Homosexuellen gab es daher keine Stunde null“, erklärt der Historiker Burkhard Jellonnek, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung im Saarland.

Jellonnek hat die Verfolgung der Homosexuellen im Dritten Reich erforscht und sieht zu den 50er und 60er Jahren viele Parallelen, vor allem, was den Eifer der Ermittler angeht. Rund 100000 Verfahren gibt es nach Paragraf 175 in der Ära Adenauer, 50000 werden verurteilt, zu Haft- oder Geldstrafen – das sind in summa genauso viele Urteile wie im Dritten Reich. Fünf bis zehn Jahre Zuchthaus können im schlimmsten Fall verhängt werden. Homosexuelle sind zwar nicht mehr wie in der Nazi-Zeit an Leib und Leben bedroht, aber es hat gereicht, die Existenz der Betroffenen gründlich zu ruinieren. „Wenn eine schwule Existenz aufflog, bedeutete das de facto den Verlust der bürgerlichen Rechte“, sagt Jellonnek. „Man verlor seinen Arbeitsplatz und war in der ganzen Stadt unten durch.“

Genau das wollen die beiden jungen Männer in der Wuppertaler Mansardenwohnung nicht riskieren. Und so erklärt sich auch die Hektik an einem Sonntagmorgen, an dem sie, noch nicht ganz wach, nebeneinander im Bett liegen. Aus dem Flur ist das Gepolter von Herrn Schütz zu hören. Der regt sich darüber auf, dass einer der Hausbewohner seine Füße nicht ordentlich abgetreten hat und nun Laub im Treppenhaus herumliegt. Er geht von Tür zu Tür und klingelt. „So schnell wie damals habe ich den Walter nie in seine Klamotten steigen sehen“, erinnert sich Andreas Meyer-Hanno. Der Weg über die Treppe ist versperrt, bleibt nur das kleine Fenster. Walter macht es auf, steigt aufs Dach und hält sich am Fenstersims fest. Fünf Minuten, vielleicht länger. Derweil hört sich Meyer-Hanno an der Tür die Beschwerde des Hausbesitzers an. Als die Tür wieder zu ist, hilft er seinem Freund zurück in die Wohnung. „Wir hatten keine Möglichkeit, zu unserer Liebe zu stehen“, sagt MeyerHanno heute. „Das ist durch den Paragrafen und die Moral in dieser Zeit auf schreckliche Weise zerstört worden.“

Dass das, was in der Wuppertaler Mansardenwohnung stattfindet, etwas mit Liebe zu tun hat, interessiert niemanden, Herrn Schütz nicht und die Polizei erst recht nicht. Schon ein Anfangsverdacht reicht aus, um Hausdurchsuchungen anzuordnen und Nachbarn zu befragen. Kommt es zur Festnahme, hat die Polizei das vornehmlich am Arbeitsplatz getan. In Berlin richtet die Polizei bei der Mordkommission in der Keithstraße sogar eine eigene Sonderermittlungsstelle ein. In Düsseldorf durchkämmen Beamte regelmäßig den Hofgarten und bringen alle Männer aus den Büschen und auf den Parkbänken zur Vernehmung aufs Revier. Noch in den 60er Jahren stehen Beamte vor den Häusern von aktenkundig gewordenen Homosexuellen und führen Protokoll: Wer geht hinein, bleibt wie lange und geht wann wieder hinaus?

Für das Selbstbewusstsein der Homosexuellen in dieser Zeit hat das verheerende Auswirkungen: Es entsteht gar nicht erst. Versuche, Selbsthilfegruppen oder Interessensvereine zu gründen, werden im Keim erstickt. In der DDR, die zwar auch einen Paragrafen 175 kennt, allerdings nicht in der Nazi-Fassung, gehen die Behörden konsequent gegen jegliche suspekte Gruppe vor. In der Bundesrepublik legitimiert der Paragraf 175 jedes Verbot. „Der Staat fühlte sich berufen, die Sittlichkeit mithilfe seines Strafrechts durchzusetzen“, sagt Manfred Bruns, ehemals Bundesanwalt, heute Sprecher des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD). Das Bundesverfassungsgericht hat mehrfach Klagen gegen den Paragrafen zurückgewiesen und zum Beispiel 1957 erklärt, dass er nicht gegen das Grundgesetz verstoße. Auch den Gleichheitsgrundsatz im Artikel drei der Verfassung sieht das Gericht damals nicht infrage gestellt, obwohl der Paragraf 175 nur die männliche, nicht aber die weibliche Homosexualität bestraft. „Das Gericht hat auch erklärt, dass der Paragraf nicht nazistisch sei“, erklärt Bruns.

Kein Licht, nirgends. Deshalb gehen auch die jungen Männer in der Mansardenwohnung wie selbstverständlich davon aus, dass sie ihre Liebe nie offen werden leben können. Zusammenziehen? Händchen halten? Daran zu denken fällt ihnen gar nicht ein. Für Meyer-Hanno kommt hinzu, dass er im Versteckspielen bereits Erfahrung hat. In Berlin geboren und aufgewachsen, schafft es seine jüdische Mutter während des Dritten Reichs, sich selbst und ihre Kinder vor dem Zugriff der Nazis und der Deportation zu bewahren. Seinem Vater, ein im Widerstand aktiver Kommunist, gelingt das nicht, er kommt kurz vor Kriegsende im Gefängnis Bautzen ums Leben.

„Mein Leben als Schwuler nach dem Krieg war eine Wiederholung dessen, was ich schon als Junge erlebt hatte“, sagt Meyer-Hanno. Homosexuelle, die bereits im Dritten Reich wegen des Paragrafen 175 im Konzentrationslager saßen, müssen nach Kriegsende befürchten, wieder inhaftiert zu werden. Schlimmer noch: Standen sie vor einem Nazi-Gericht, hat das Urteil Bestand. Sie gelten in der Bundesrepublik als vorbestraft. Es gibt Fälle, in denen diese Männer deshalb ihren Arbeitsplatz verlieren.

Für andere Schwule ist die Erfahrung, sich verstecken zu müssen, neu, weil sie im Dritten Reich noch nicht strafmündig waren. „Ich hatte Angst davor, meine Karriere aufzugeben, dass ich Schande über meine Familie bringen könnte“, sagt Hans Simon, der seinen richtigen Namen noch heute nicht in der Zeitung lesen will. Simon arbeitet in den 60ern in der fränkischen Provinz als Lehrer und erklärt mit einem Satz, warum er auf verschüchterte Blicke auf der Straße oder Avancen im Schwimmbad nie reagiert: „Ich habe doch nicht jahrelang gearbeitet, um dann in einem leichtsinnigen Moment alles aufs Spiel zu setzen.“

Eine Beziehung aufzubauen, ist ihm unmöglich: „Etwas anderes als Selbstbefriedigung blieb mir nicht übrig, psychische Befriedigung war nie dabei.“ 15 Jahre steht er nicht zu seiner Homosexualität, nicht sich selbst gegenüber, und zu anderen schon gar nicht. „Das sind die 15 Jahre, um die ich mich betrogen fühle“, sagt der 68-jährige Pensionär. Heute wundert ihn nicht mehr, dass dies zwangsläufig zu psychischen Problemen geführt hat. Über Jahre nimmt Hans Simon Psychopharmaka, Besserung tritt aber nicht ein. Erst als er in den frühen 70ern als Lehrer nach Kolumbien geht, wo es keine Anti-Schwulen-Gesetze gibt, erfährt Simon, was ihm wirklich hilft: seine Homosexualität auszuleben.

Ans Auswandern denken die beiden jungen Männer in Wuppertal nie. Sie leben ihre Liebe weiter in den engen Räumen der kleinen Dachwohnung. Auch eine Schein-Heirat kommt nicht in Betracht, „das hätte bei mir nicht geklappt“, sagt Meyer-Hanno und lacht: „Im entscheidenden Moment musste ich nämlich schlapp machen.“ Tausende Schwule haben dennoch geheiratet, um die Fassade einer bürgerlichen Existenz aufzubauen. „Damit haben die Homosexuellen dieselben Strategien wieder aufgenommen, die sie bereits in der Nazi-Zeit verfolgt hatten“, erklärt Karl- Heinz Steinle, Historiker am Schwulen Museum in Berlin. Er hat zum Leben von Homosexuellen unter dem Eindruck des Paragrafen 175 geforscht. „Das Gesetz bestrafte zwar nur die Männer, kriminalisiert und stigmatisiert wurden aber auch die Frauen.“ Für Steinle ist es deshalb wenig überraschend, wenn Lesben und Schwule sich zusammentun und heiraten – zum Schein, versteht sich. In der Subkultur bleiben beide Gruppen getrennt, sowohl in den so genannten Freundeskreisen als auch in den einschlägigen Bars, in die nur hineinkommt, wer klingelt, sich mustern lässt und dem Wirt bekannt ist.

Trotz Kriminalisierung und Razzien gibt es kurz nach dem Krieg wieder erste Bars und Kneipen, in denen Homosexuelle sich halbwegs offen bewegen können. Rund 20 sind es im Berlin der 50er Jahre, Ellis Bierbar am Görlitzer Bahnhof in Kreuzberg ist einer der wichtigsten Treffpunkte. Wirtin Elisabeth Hartung hat einen guten Draht zur Polizei. In Absprache mit dem Chef der Berliner Kriminalpolizei verteilt sie Mitte der 60er Jahre einen Handzettel an ihre Gäste, auf dem steht, was alles verboten ist: „1. das eng mit dem Unterleib aneinandergepresste Tanzen von Männern, 2. der Austausch von Küssen auf den Mund, Hals und Ohrengegend, 3. Griffe in die Geschlechtsgegend, 4. Vornahme beischlafähnlicher Bewegungen, 5. Ausstoßen wollüstiger Schreilaute.“ Damit hat sie dem Gesetz Genüge getan, Razzien sind seither nicht mehr vorgekommen.

Eine Razzia oder eine Festnahme hat Helmut Baumann nie erlebt. Der ehemalige Intendant im Theater des Westens hat die „bleierne Zeit“, wie er sie nennt, in Hamburg verbracht, als Tänzer an der Staatsoper. Mit der Flucht aus der DDR 1961 zerstreut sich seine Familie in der ganzen Bundesrepublik, was für den jungen Baumann eine Chance ist: Er entscheidet sich gegen das Architektur-Studium, gegen die bürgerliche Existenz, für den Job als Tänzer und für sein Coming-out als Schwuler. „Die Welt des Theaters hat mich bestimmt aber auch sehr beschützt“, sagt Baumann, „meine Homosexualität war nie ein Thema. Ich lebte hinter einer Dornröschenhecke.“ In dieses Refugium können sich viele tausend andere Schwule nicht zurückziehen. Sie werden entdeckt und verurteilt.

Historiker KarlHeinz Steinle selbst hat vier Zeitzeugen ausfindig gemacht, die sich ein Verfahren nach Paragraf 175 eingehandelt haben. Sie wollen aber anonym bleiben, die Scham, bis heute rechtskräftig verurteilt zu sein, ist noch immer groß. Darüber zu reden, fällt ihnen schwer. Für den Psychologen Stefan Jüngst haben aber nicht nur die Verurteilten einen seelischen Schaden davongetragen: „Die ständige Angst vor Gewalt, Diskriminierung und Ächtung hatte massive Folgen.“ Die spürt er in seinen Gesprächen mit Seniorengruppen, die er in Köln betreut. „Die Geschichte dieser Generation ist bisher kaum Thema“, sagt Jüngst: „Die Jungen von heute erfahren gar nicht, was die Verbote und der Paragraf 175 für den Lebensalltag bedeuteten.“

Kein Wunder, denn der Bund hat den Paragraf 175 erst vor elf Jahren komplett gestrichen. Entscheidend reformiert wird er aber im September 1969 – damit hat es mehr als 24 Jahre gedauert, bis die Nazi-Fassung des Strafrechts für Homosexuelle passé ist. Andreas Meyer-Hanno bezeichnet das als „Nachseptemberzeit“: Einvernehmliche homosexuelle Handlungen von erwachsenen Männern sind nun straffrei. Dass der Paragraf entschärft wird, ist auch für den Filmemacher Rosa von Praunheim Voraussetzung, einen Film zu drehen, der zum Auslöser einer homosexuellen Emanzipation wird: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ läuft erstmals 1971 auf der Berlinale. „Ich wollte die Schwulen dazu bringen, für ihre Rechte zu kämpfen“, sagt von Praunheim. Als der Film 1973 im Fernsehen läuft, sind auch die Lesben und Schwulen in der DDR motiviert, sich zusammenzutun und den staatlichen Restriktionen zu trotzen.

Um die Generation, die mit der Nazi-Fassung des Paragrafen 175 leben musste, wenigstens gesellschaftlich wieder zu rehabilitieren, hat der grüne Rechtspolitiker Volker Beck darauf gedrungen, dass der Bundestag sich für die Urteile nach dem Strafrechtsparagrafen 175 in der Nazi-Fassung entschuldigt. Das hat das Parlament im Jahr 2000 getan. Die Urteile zurückgenommen hat es nicht. Der Grund dafür liegt im Spruch des Bundesverfassungsgerichts von 1957. „Diese Entscheidung bekommt man heute schlecht aus der Welt“, sagt Manfred Bruns. Tatsächlich habe sich das höchste deutsche Gericht aber korrigiert, als es 2002 seine Entscheidung über die Verfassungsmäßigkeit der Homo-Ehe bekannt gibt. Mit Berufung auf die Passagen des Grundgesetzes, Paragraf drei, die das Gericht auch 1957 für seine Entscheidung herangezogen hat, erklärt das Gericht nunmehr, dass homosexuelle Lebensgemeinschaften vom Gesetzgeber zu schützen seien. „Das war ein ganz wichtiger Schritt zur völligen Gleichberechtigung“, sagt Bruns. Damit ist eine paradoxe Situation da: In Deutschland leben noch immer rechtskräftig verurteilte Homosexuelle, die heute eine staatlich geschützte gleichgeschlechtliche Partnerschaft eingehen könnten.

Andreas Meyer-Hanno hat diesen staatlichen Segen nicht gebraucht. Die Beziehung zu Walter ist zu Ende gegangen, nachdem er als Oberspielleiter an die Oper nach Karlsruhe gewechselt ist und die Wohnung in Wuppertal aufgegeben hat. Aber der Kontakt zu seinem damaligen Freund hält bis heute. Er besucht ihn regelmäßig – in einem Altenheim seiner Geburtsstadt Langenfeld im Rheinland.

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