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André Görke

Roque – der Mensch – sieht so aus: Er trägt gern eine Lederjacke, abgewetzte Klamotten, ist 1,89 Meter groß und wiegt 83 Kilo. Wenn er über den Fußballplatz stürmt, wippen seine langen, dunklen Haare im Nacken. „Chico“ nennen sie ihn bei seinem Arbeitgeber FC Bayern München, und „Babygol“. Eines der großen Talente des Paraguayers: Roque kann mit beiden Füßen gleich gut schießen. Das können nicht viele.

Roque – das Lied – geht so: „Nur einem gebühr’n diese Worte/Ein Privileg der ganz besonderen Sorte/Kein Wort zu niemandem, wie ich alle toppe/Ich sag’s nur meinem Fanblock: Ich, Roque!“ Und weiter im Lied heißt es in Bezug auf Santa Cruz’ Modegeschmack: „Auf der Jeans, da steht Punk, den Nietengürtel im Schrank/so schafft es heut’ jeder P.I.M.P auf den Rock-Olymp“. Das Lied dauert drei Minuten und 13 Sekunden, es stammt von der Band Sportfreunde Stiller aus München. Den letzten Teil des Refrains singt „Babygol“ selbst. Er taucht sogar im Sportfreunde-Musikvideo auf, das bei Viva und MTV läuft. Für die Aufnahme der Worte „Ich, Roque!“ sind die Sportfreunde in der Bayern-Kabine gewesen und haben sich von Nationaltorhüter Oliver Kahn „komisch angucken lassen“. Es ist eben nicht normal, von einer Popband ein Lied gewidmet zu bekommen. Dieses Privileg hat Santa Cruz, der seinem kleinen Sohn den Namen Tobias gab, exklusiv in Deutschland.

Doch jetzt will der Spieler am liebsten nichts mehr mit München zu tun haben – er würde stattdessen gerne bei Hertha BSC in Berlin spielen. Sein Vertrag mit den Bayern läuft am 30. Juni 2006 aus. Vor einigen Tagen soll er seine Entscheidung in der Münchner Geschäftsstelle vorgetragen haben. In Klubkreisen heißt es: „Der will schnell weg“. Da jedoch die Bayern 1999 zehn Millionen Mark für den damals 17-Jährigen gezahlt haben und sowieso nicht über viele Stürmer verfügen, werden sich die Verhandlungen um die Ablösesumme hinziehen. In eineinhalb Wochen stünden in München neue Gespräche an, heißt es, und damit die Bayern-Manager gut in die Verkaufsverhandlung gehen, haben sie schon selbstbewusst angekündigt, „dass mindestens zehn andere Klubs Roque auch verpflichten wollen“.

Das ist schön für den 23-jährigen Fußballer und schlecht für die Jungs von den Sportfreunden Stiller. Denn Santa Cruz, der bisher in jeder Saison exakt fünf Tore für die Bayern schoss, ist auch durch das fröhliche Lied besonders von den jungen Bayern eingemeindet worden – die Fan-T-Shirts mit dem Schriftzug „Ich, Roque!“, die man im Internet bestellen kann, sind jedenfalls ausverkauft.

„Das Lied war eine etwas kitschige Hommage an Roque Santa Cruz, an sein Äußeres und an seinen Bewegungsstil“, erklärte Rüdiger, der Bassist der Band einmal. Wenn die drei bald aus dem Urlaub zurückkommen, werden sie überrascht sein. Die Sportfreunde Stiller sind echte Sportsfreunde. Anfang der 90er Jahre spielten die Mitglieder des Trios in einer Fußballmannschaft, die von einem gewissen Herrn Stiller trainiert wurde. Und Bandmitglied Peter ist ein großer Fan des FC Bayern München, wohingegen Florian den TSV 1860 München liebt – den kleinen, etwas rustikaleren Lokalrivalen. Um die Harmonie innerhalb der Band nicht zu sehr zu stören, haben beide ein Lied für ihren Lieblingsfußballer singen dürfen. Peter über sein stilistisches Vorbild Roque Santa Cruz und Florian über Benjamin Lauth.

Man muss aber schon sehr genau hinschauen, um diese kleine Hommage zu verstehen. „Ich, Roque“ klingt im Radio schließlich wie „Ich rocke“. Und wenn die Sportfreunde singen „Du musst es Lauth anhören!“, dann stolpert man erst beim zweiten Blick auf das blaue Plattencover über die Schreibweise von „Lauth“. Der Spieler Benjamin Lauth ist längst zum Hamburger SV gewechselt. Auch er war jung und smart, nicht so abgedreht wie die anderen Kollegen in der Branche. Wenn jetzt auch noch Santa Cruz wechselt, werden sich die Sportfreunde Stiller wohl oder übel einen neuen Lieblingsbayern suchen müssen.

Insgesamt betrachtet, dürfen Fußballfans ruhig etwas Nachhilfe in Sachen Musikgeschmack bekommen. Leider sangen bisher vor allem die Spieler selbst, das weiß man seit Jack Whites Song „Fußball ist unser Leben“, den er für die Weltmeisterschaft 1974 komponiert hat. Und zur WM in Italien intonierte die deutsche Nationalmannschaft: „Wir sind schon auf dem Brenner“. Brutal war auch der Song „Far away in America“, den die Village People für die WM 1994 schmetterten. Es gibt auch Schmählieder, wie das der Toten Hosen, die gröhlen, dass sie „nie zum FC Bayern München gehen“.

Noch ist unklar, wer das Lied zur WM 2006 in Deutschland schreiben und singen wird. Die Sportfreunde Stiller jedenfalls wären eine gute Wahl. Und falls Santa Cruz’ Transfer nach Berlin klappt, besteht Anlass zu der Hoffnung, dass Frank Zanders Stadionhymne „Nur nach Hause“ endlich durch einen zeitgemäßen Song ersetzt wird.

Roque Santa Cruz selbst weilt gerade in Südamerika, um der paraguayischen Nationalmannschaft bei der WM-Qualifikation zu helfen. Trotzdem wird er auch aus der Entfernung die Bayern nicht aus den Augen verlieren: In Paraguay, so hat er einmal gesagt, heißt das Bier nämlich „Bavaria“.

„Ich, Roque“ findet man auf dem Album „Burli“, das bei Universal erschienen ist

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