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Es ist schon eine ganze Weile her, seit KarlLudwig Rehse das letzte Mal eine Schaufel in der Hand hielt. Aber der 66-Jährige erinnert sich noch ziemlich genau, wie er für seinen Münchner Lehrmeister während der Ausbildung zum Herrenschneider Kohlen schippen musste. Damals waren männliche Damenschneider in der Zunft eher verpönt. Aber dass er die Damenwelt der Haute Couture erobern wollte, war dem Sohn eines Ingenieurs aus Essen klar, seit er auf einer Messe die Kreationen des Modeschöpfers John Cavanagh erblickt hatte: „Ich sehe die Abendkleider noch heute vor mir, ganz wunderbar.“ Die Schufterei hat sich gelohnt, rußgeschwärzte Finger und Herrenmode sind passé: Karl-Ludwig Rehse ist Hofschneider der englischen Königin.

Wie das ist, mit dem Nadelkissen in der Hand den Rocksaum der Queen abzustecken? „Ich fühle mich sehr wohl in meiner Haut, kann morgens nach dem Aufstehen gar nicht schnell genug bei der Arbeit sein.“ Die Sitten im königlichen Palast – kein Problem für das Kind aus dem Pott. „Ich weiß, wie ich mich benehmen muss, das liegt mir im Blut.“ Nach 40 Jahren schimmert sogar ein leichter Akzent durch sein Deutsch, verrät sein „Queen’s English“ – ein Muss in der Londoner Upper Class. Vom berüchtigten Verhältnis des Inselvolks zu den Deutschen will Rehse nichts wissen: „Mit solchen Geschichten kann ich persönlich nicht behilflich sein.“ Seine Probleme als deutscher Hoflieferant beschränkten sich auf verspätete Stofflieferungen. Sicherlich gebe es den einen oder anderen neidischen Kollegen, „die bereiten mir aber keine schlaflosen Nächte“. Und die Arbeit am Hof teile er sich ohnehin mit ausländischen Mitstreitern: Der Gürtelmacher zum Beispiel kommt aus Polen.

Ein zäher Wille und ein bisschen Glück haben ihn bis zu den Toren der englischen Monarchie gebracht. Mit 24 trumpfte Rehse schon als einer der jüngsten Schneidermeister Deutschlands auf, aber erst eine Urlaubsreise nach London hat sein Leben verändert. Die Stadt an der Themse und ihre Modeszene gefielen ihm so gut, dass er kurzerhand blieb, eine Arbeitsgenehmigung als Damenschneider ergatterte und über Beziehungen sogar eine Anstellung bei jenem John Cavanagh, dem er seinen Berufswunsch verdankte und der ihn mit John Andersen bekannt machte. Der genoss schon damals als Hoflieferant einen guten Ruf, mit ihm eröffnete Rehse später eine eigene Werkstatt. Noch 15 Jahre, bis 1988, musste er auf den ersehnten Anruf aus dem Buckingham Palace warten. Im königlichen Knigge ungeübt, mit ein paar Stoffmustern und Skizzen bepackt, kämpfte er im Eingang gegen die Nervosität vor dem ersten Treffen an. „Ich war ganz umsonst aufgeregt. Man bat mich herein, und die Queen gab mir die Hand, war ganz reizend und herzlich."

Der spanische König und eine blauweiße Kleideridee verhalfen ihm schließlich zum Durchbruch: Bei einem Staatsbesuch der Queen in Madrid im Jahr 1988 habe Juan Carlos sie mit einem schmeichelhaften „Darling, you look wonderful“ empfangen, erzählt Rehse. Danach ging es Schlag auf Schlag. An manchen Tagen wanderte er von einer Königin zur anderen, von der Queen Mom zur Queen, „ganz wunderbar“. „Wunderbar“ scheint ein Lieblingswort des Schneiders zu sein. Es sei eben einfach wunderbar, wenn ein Wappen im eigenen Schaufenster prangt, das dem aufmerksamen Passanten die hohe Kundschaft verrät.

Der Schneider ist stolz, wenn die Queen seine Entwürfe in der Öffentlichkeit trägt. Nur manchmal bedauert er, dass er seine Kreativität nicht grenzenlos ausleben kann. Elizabeth II. sei eine sehr unkomplizierte Kundin und äußerst farbenfroh, aber habe eben „ein gewisses Alter und eine gewisse Position“, und die königliche Kollektion müsse die Sitten anderer Länder respektieren. „Beim Staatsbesuch in islamischen Ländern wird die Queen natürlich von Kopf bis Fuß eingekleidet.“ Für Hosen gab es bislang keinen Auftrag. Was nicht heiße, dass eine Königin keine Hosen trägt: „Sie reitet doch auch gern, da ist ein Rock fehl am Platz.“

Wie oft er im königlichen Schloss ein und aus geht, wie viele Kleider er schon für sie geschneidert hat, welcher Prominenz der britischen High Society er sonst noch Hausbesuche abstattet oder gar wieviel eines seiner Kleider kostet – auf all diese Fragen gibt es nur eine Antwort: „No comment.“ Lieber erzählt Rehse vom königlichen Thronjubiläum 2002. Die Feierlichkeiten hat er auf dem Bildschirm verfolgt – bitter enttäuscht, dass Ihre Majestät seine Entwürfe im Schrank gelassen hatte. „Aber nach dem Mittagessen erschien sie plötzlich in einem korallenroten Kostüm von mir. Ein unbeschreibliches Gefühl.“ Doch trotz solcher Erlebnisse und der „netten und humorvollen Atmosphäre“ im Palast vergesse er nie, mit wem er da auf Tuchfühlung gehe. Auch nach 17 Jahren kann er bei keinem Besuch den Anflug von Nervosität ganz abschütteln.

Und weil es jedes Mal wieder wunderbar sei, seine Stoffe vor der Queen auszubreiten, sieht er „überhaupt nicht ein, warum ich aufhören sollte zu arbeiten. Und wenn es soweit ist, erfährt die Queen es als erste.“ Außerdem sei sein Lebenstraum noch nicht ganz ausgeträumt. Es gebe da einen Kunden, für den er unbedingt einmal ein Outfit schneidern wolle. Der Papst vielleicht? – „Um Gottes willen, nein“, sagt Rehse schmunzelnd. Schließlich sei er Damenschneider.

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