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Sie lief mit einem Sack Karotten und einem Skateboard unter dem Arm über die Straße. Er stand vor einem Haus im Hamburger Karoviertel. „Hey, bleib mal stehen, kann ich ein Foto von dir machen?“, hat er gefragt, und sie hat ja gesagt. Sie haben sich für den nächsten Tag verabredet. Das Mädchen heißt Julia Hummer, und das Foto, das Daniel Josefsohn von ihr machte – es zeigt sie mit Cowboyhut, AmerikaT-Shirt und schiefem Mund – wird das Titelbild des „jetzt“-Magazins.

Drei Monate später erinnert sich der Regisseur Sebastian Schipper an das Titelbild, als er Julia in einem Café ein paar Tische weiter sitzen sieht. Der Regisseur will sie als Schauspielerin für seinen Film „Absolute Giganten“ und inszeniert sie ähnlich wie auf dem Foto. Julia Hummer, die nie eine Schauspielschule besucht hat, wird also Schauspielerin. Spielt in Hans-Christian Schmids „Crazy“, Christian Petzolds RAF-Film „Die innere Sicherheit“ und neben Katrin Sass in „Heidi M.“. 2001 bekommt sie die Goldene Kamera und den Deutschen Filmpreis. Gerade sieht man sie in dem neuen Petzold-Film „Gespenster“.

Das Atelier von Daniel Josefsohn ist in einem Hinterhof in Berlin-Mitte. Das kleine Haus war früher mal ein Pferdestall, unten befindet sich sein Atelier, oben wohnt er zusammen mit seiner Frau. Zwischen bunten Gartenstühlen läuft sein Setter Jesus herum. Josefsohn trägt einen blauen Kapuzenpulli, Turnschuhe, Brille. Auf Ledersofas und Sesseln türmen sich Ordner mit Negativen und Kontaktabzügen. Überall stapeln sich Fotos, er hat für fast alle wichtigen Magazine und Zeitungen fotografiert, für seine MTV-Werbekampagne wurde er vom Art Directors Club Deutschland ausgezeichnet. Die Hummer-Fotos entstanden damals für ein Heft zum Thema „Aberglauben“. Gleich nachdem er die Fotos von ihr gemacht hat, fragte er sie, ob sie für ihn arbeiten wolle. Drei Monate blieb sie – als Praktikantin. „Drei Monate Hummer-Power“, sagt Josefsohn.

Auch Julia Hummer erinnert sich noch gut an den Tag, an dem sie Daniel Josefsohn über den Weg lief. Sie habe sich gefreut, sagt sie, schließlich sei sie gerade auf der Suche nach einem Job gewesen. Eigentlich wollte sie freie Kunst machen, oder Tätowiererin werden, aber Letzteres nur, weil sie zu der Zeit unsterblich in einen Tätowierer verliebt war. Die Zeit mit Daniel Josefsohn seien die am besten dokumentierten Monate ihres Lebens gewesen. Es war eine anstrengende, ausfüllende und lustige Zeit, sagt sie. Als ihr Sebastian Schipper das Drehbuch in die Hand drückte, hat Daniel Josefsohn nur gesagt: „Hummer, das mit der Fotografie wird doch nichts.“ Da hat sie eben dem Regisseur zugesagt.

Daniel Josefsohn wühlt in seinen Fotostapeln. Herbert Grönemeyer, die Rockstar-Nummer, die erste Produktion, die sie zusammen gemacht haben. Dann jede Menge Julias: Julia, wie sie bäuchlings in einem riesigen Mercedes-Stern hängt, Julia auf Mallorca vor McDonald’s, Julia auf einer Kirchenkanzel. „Sie surft das Leben“, sagt er.

Josefsohn kennt das mit den Wellen. Bis er 27 Jahre alt war, hatte er nichts mit Fotografie zu tun. Josefsohn wurde 1961 als Kind israelischer Eltern in Hamburg geboren und besuchte ein Waldorf-Internat. Nach der Schule ist er Skateboard gefahren, Halfpipe, alle nannten ihn „Gecko“, weil er immer vertikal an der Wand klebte. Die Foto-Welle kam im Mai 1989, als er die Journalistin Rebecca Casati in einer Kneipe kennen lernte. Am Tag vorher hatte er sich eine Kamera gekauft, er machte drei Fotos von ihr, die er zum Hamburger Stadtmagazin „Prinz“ brachte. Im Fahrstuhl traf er den Fotografen Wolfgang Tillmans, beide wurden eingestellt, und für ein Jahr teilten sie sich Hamburg fotografisch auf.

Irgendwann entdeckte ihn die Chefin der Hamburger Künstlergruppe „Elternhaus“, er wird künstlerischer Leiter. „Das war so ein bisschen wie mit der Hummer“, sagt er. „Da war jemand, der an dich glaubt, obwohl du vorher nicht groß etwas gemacht hast.“ Er lebt ein Jahr in Hollywood, ist mit einer Stylistin zusammen und lernt die Stars kennen. In seinem Atelier lehnt ein gerahmtes Foto von Jack Nicholsons Schlafzimmer. Ein Kumpel hatte damals Nicholsons Haus gehütet und jede Menge Leute eingeladen. „Eine durchgedrehte Zeit.“

Daniel Josefsohn kehrt zurück nach Deutschland und fotografiert weiter: Menschen auf der Straße, Stars, Behinderte. Auf seinem mittlerweile legendären Star-Wars-Foto sitzen zwei Männer in Unterhose und Turnschuhen mit Maske auf dem Kopf in einer unaufgeräumten WG-Küche. Das „jetzt“-Magazin wollte das Foto nicht, das ärgerte ihn so, dass er ein Jahr kein Wort mehr mit der Redaktion sprach. Er habe gewusst, dass es gut war, sagt er. Wenig später hängt das Bild im Deutschen Historischen Museum. In Josefsohns Bildern vermischt sich „offensichtliche Gleichgültigkeit mit verborgenen Sehnsuchtsimpulsen“, schreibt der Kurator Klaus Honnef. Er sei sehr schnell, sagt Josefsohn, zwei, drei Fotos, er knipse fast nie einen ganzen Film voll. Diesen kurzen Moment des Abdrückens, in dem sich beide aufeinander einlassen, könne man nicht zu lange halten. Eigentlich sei er jemand, der Distanz brauche.

Wie die Hummer.

Vor ein paar Tagen hat Daniel Josefsohn sie für ihre neue Platte „Too many boys“ fotografiert, denn Julia Hummer macht inzwischen auch Musik. Eine Frau von der Produktionsfirma war bei dem Fototermin dabei und hat aufgepasst. Es war anders als früher.

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