Zeitung Heute : Nachrichten

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Im Juli 1989 stand die Mauer noch felsenfest. Es war zwar gerade mal zwei Monate her, dass Ungarn als erster Ostblockstaat seine Grenzen geöffnet hatte. Und im Juni fanden in Polen die ersten freien Wahlen statt. Doch unerschütterlich hielt die Staats und Parteiführung der DDR an ihrer Version des Sozialismus fest. Da erschien am 31. Juli im Sonntagsteil des Tagesspiegels ein Artikel, Überschrift: „Die verwaltete Krise“. Auf einer ganzen Seite erklärte die Autorin Ute Reinhart, warum sich die DDR-Wirtschaft auf einer rasanten Talfahrt befand und weshalb die Reformdebatte, wenn es denn eine gäbe, an der SED vorbeiginge.

Einen Tag später landete auf dem Ost-Berliner Flughafen Schönefeld Claus Krömke. Er kam gerade aus seinem Urlaub in Ungarn zurück, jetzt wurde ihm noch auf dem Flughafen ein dicker Umschlag übergeben. Inhalt: der Artikel aus dem Tagesspiegel, ein Dossier mit ein paar Zahlen zur DDR-Wirtschaft und ein Anschreiben von Günter Mittag, Politbüromitglied und oberster Wirtschaftslenker der DDR.

Krömke, Professor für Wirtschaftswissenschaft an der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst und seit Jahren Günter Mittags persönlicher Referent, fuhr gar nicht erst nach Hause. Er machte sich sofort auf den Weg ins ZK-Gebäude am Werderschen Markt. Dort erwartete ihn Günter Mittag und erklärte unmissverständlich, der Angriff des Klassenfeinds müsse so schnell wie möglich zurückgewiesen werden. Und das fand nicht nur Mittag, das war der ausdrückliche Wunsch des Genossen Erich Honecker.

An dieser Stelle sei also ausdrücklich festgehalten: Ja, Erich Honecker las den Tagesspiegel. Jeden Morgen bekam jedes Politbüromitglied eine Mappe mit den wichtigsten Westzeitungen. Inhalt: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Handelsblatt“ und Tagesspiegel. Kann sein, dass noch ein paar andere dabei waren, ganz sicher sogar. Aber an die drei erinnert sich Claus Krömke, inzwischen 75 und längst im Ruhestand. Am Tagesspiegel interessierte die Genossen vor allem die DDR-Berichterstattung.

Drei Tage nach der „Verwalteten Krise“ im Tagesspiegel erschien im „Neuen Deutschland“ die Erwiderung. Der Artikel übertraf seinen Vorgänger an Umfang noch um einiges: Von seinen damals acht Seiten räumte das „Neue Deutschland“ auf Geheiß von ganz oben anderthalb für einen Beitrag mit der Überschrift „Die Krise der Ute Reinhart“ frei.

Krömkes Aufgabe war nicht leicht. Denn während die Warteliste auf einen Trabant oder einen Wartburg tatsächlich immer länger wurde, Salatgurken schon mal knapp und Industrieanlagen schrottreif waren, stieg die Verschuldung der DDR in den westlichen Ländern stetig. Jetzt aber war es an ihm, darzulegen, warum an der Schilderung dieser Misere kein Wort stimmte, stattdessen die Überlegenheit der Planwirtschaft augenfällig war.

Die Reaktion war ungeheuer. Lothar Heinke, damals beim Ost-Berliner „Morgen“, heute beim Tagesspiegel, erinnert sich, wie man sich im Kollegenkreis gewundert habe, was die im Westen da bloß geschrieben hätten. Denn den Tagesspiegel bekamen im Osten außerhalb des Politbüros nur ausgewählte Kreise zu lesen. Und noch verwunderter war er, als seine Zeitung den Riesen-Artikel aus dem „ND“ anderntags noch nachdruckte. Es gab eigentlich nur eine logische Schlussfolgerung: Irgendjemand musste schwer getroffen worden sein, dass sich Staats- und Parteiführung derartig herausgefordert fühlten.

Nicht anders sahen das die Kollegen im Westen. Die DDR-Führung wird „von Tag zu Tag dünnhäutiger. Anders ist die Erregung nicht zu verstehen, mit der ,Neues Deutschland’, das Zentralorgan der SED, auf einen Aufsatz des West-Berliner Tagesspiegel reagiert hat“, schrieb die „FAZ“ in einem Leitartikel. Ute Reinhart war plötzlich ein gesuchter Gesprächspartner. Die britische BBC wollte sie ebenso wie der Berliner Rias. Und auch der Pressesprecher der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der DDR rief auf Bitten seines Chefs an und fragte „Wer ist Ute Reinhart?“ Eine Frage, die sich Günter Mittag und Erich Honecker schon vier Tage vorher gestellt hatten.

Warum hat die SED sich damals derart herausgefordert gefühlt? Es waren vor allem zwei Gründe, erinnert sich Claus Krömke. Da waren zum einen die Reizworte „DDR in der Krise“ und „an der Partei vorbei“. Wenn man so etwas hörte, „gingen schon mal alle Alarmlampen an“. Denn die Krise gab es ja wirklich und Widerspruch in den eigenen Reihen ebenfalls. Weshalb Krömke es nicht nur denen da drüben zeigen, sondern auch den eigenen Genossen ein paar Argumente an die Hand geben sollte, wie man mit solchen Abweichungen fertig wird. Zum anderen habe man praktisch alle Journalisten gekannt, die sich mit der DDR beschäftigten, „Ute Reinhart kannten wir nicht“, sagt Krömke. Deshalb argwöhnte die SED-Spitze, es müsse sich um ein Pseudonym handeln – vielleicht sogar von irgendjemandem, der ursprünglich aus der DDR gekommen sei. Und weil die DDR-Führung gern und schnell an Verschwörungen glaubte, hielt man die ganze Sache für irgendwie gesteuert.

Nun, wenigstens in einem Punkt hatten Günter Mittag und Erich Honecker Recht. Ute Reinhart bestätigt, dass die DDR ursprünglich nicht zu ihren Spezialgebieten gehörte. „Im Grunde“, sagt sie heute, „lag mir Marseille damals näher als Leipzig.“ Das änderte sich erst auf dem Kirchentag im Juni 1989 in Berlin. Das Besondere an diesem Kirchentag war, dass es einen Ost-WestDialog gab und Gemeindemitglieder aus der DDR an diesem Dialog teilnehmen durften. Und wie man da abends bei Freunden zusammensaß – zum ersten Mal hätte sie wirklich erlebt, dass es etwas Verbindendes gebe zwischen den Deutschen in Ost und West. Das war der Anstoß.

Den Artikel selbst schrieb Ute Reinhart, studierte Diplomvolkswirtin, anhand von überwiegend auch in der DDR zugänglichen Materialien. Gutes Thema, befand die Sonntagsredaktion im Tagesspiegel, passt angesichts der Entwicklung in Ungarn und Polen in die Zeit. Der Beitrag kam ins Blatt.

Vier Tage nach der Antwort im „Neuen Deutschland“, den Claus Krömke und sein Co-Autor Dieter Brückner, der stellvertretende Chefredakteur des „Neuen Deutschland“, nur als C. K. und D. B. unterzeichneten, gab es noch einen Nachschlag. Das werktätige Volk verurteilte auf zwei Leserbriefspalten die Hetze aus dem Westen, die es ja im Original gar nicht hatte zur Kenntnis nehmen dürfen. Nur einen Tag später musste übrigens die Ständige Vertretung der Bundesrepublik wegen Überfüllung geschlossen werden, nachdem 130 DDRBürger dort Zuflucht gesucht hatten. In den nächsten 14 Tagen passierte das Gleiche in den Botschaften in Prag und Budapest. Und am 4. September forderten die ersten 1200 Leipziger Montagsdemonstranten auch die Pressefreiheit.

Ute Reinhart wurde von der BBC zum Interview gebeten. Die erste Frage lautete: „Wann kommt die Wiedervereinigung?“ Darüber wollte sie sich im August lieber doch noch kein Urteil erlauben. Und Claus Krömke, wie denkt der heute über die ganze Sache? „Natürlich hatte Frau Reinhart in vielen Punkten Recht.“ Und groß sei denn auch seine Enttäuschung gewesen, als Erich Honecker zum 40. Geburtstag der DDR am 7. Oktober nicht ein Wort über notwendige Veränderungen verlor. Es wurde der letzte Geburtstag, den die DDR feierte.

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