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Kann einer, der bis zum 69. Lebensjahr nie den Wohnort gewechselt hat, Berliner werden? Im Blick auf Johannes Rau stellt sich eine solche Frage. In Wuppertal ist er 1931 geboren; dort blieb er auf allen Stationen seines persönlichen und politischen Weges wohnen, bis er Bundespräsident wurde. Seine Kinder wollten 1999, so bekannte er, Wuppertal nicht verlassen; doch fünf Jahre später wollten sie sich nicht mehr von Berlin trennen. Christina und Johannes Rau folgten dem Impuls und blieben auch nach dem Ende der Amtszeit in Berlin.

Johannes Rau war nicht nur fünf Jahre lang der Repräsentant aller Deutschen. Er ist auch repräsentativ für die rund eine Million Menschen, die nach der Wende von 1989/90 nach Berlin kamen, an der Spree heimisch wurden und das Bild der Stadt prägten. Dieses Zeichen für die Lebendigkeit dieser Stadt wird zu selten bemerkt: In einer Bevölkerung von dreieinhalb Millionen ist innerhalb von fünfzehn Jahren eine Million, wenn man das schnöde Wort verwenden will, „ausgetauscht“ worden. Nirgendwo sonst in Deutschland, ja in Europa hat es eine Wanderungsbewegung dieser Art gegeben. Nahezu ein Drittel der Wohnbevölkerung wurde erneuert, weil die Vereinigung Deutschlands Berlin einen neuen Ort gab: in der Mitte des Landes, in der Mitte Europas.

Kann einer, der sich für Bonn als Bundeshauptstadt eingesetzt hat, Ehrenbürger von Berlin werden? Johannes Rau ist es geworden. Ehrenbürger von Wuppertal und Bonn war er schon; Berlins Ehrenbürger wurde er am 15. März 2004, kurz vor dem Ende seiner Amtszeit als Bundespräsident. Freimütig bekannte er sich dazu, dass er sich Anfang der neunziger Jahre für Bonn als Bundeshauptstadt eingesetzt hatte. Er hielt das nicht nur für seine Pflicht als nordrheinwestfälischer Ministerpräsident; er bekannte sich auch dazu, dass Bonn ein Teil seiner Lebensgeschichte war.

Das gilt freilich für Berlin genauso. Berlin und Jerusalem sind wahrscheinlich die beiden Städte, in die Johannes Rau von früh an so viel gereist ist, dass es sich kaum zählen lässt. Politiker ist er sehr jung geworden; doch seine Verwurzelung in der evangelischen Kirche war noch älter. Seine evangelische Gemeinde in Wuppertal-Barmen hatte eine Partnerschaft mit der evangelischen Kirchengemeinde in Oranienburg; der Weg dorthin führte stets über Berlin. Der junge Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags hatte es in mancher Hinsicht mit solchen Wegen leichter als andere. Die damit verbundenen Möglichkeiten nutzte er, so gut er konnte. Als der spätere Berliner Bischof Kurt Scharf nach dem Bau der Mauer 1961 von seiner OstBerliner Wohnung abgeschnitten wurde, brachte Johannes Rau ihm in täglichen Fahrten wichtige Unterlagen und Gegenstände im eigenen Handgepäck nach West-Berlin. Verdacht zog er auf sich; behelligt wurde er nicht.

Kann jemand ohne Abitur und Universitätsexamen Wissenschaftsminister werden? So wurde 1970 gefragt. Im Alter von 39 Jahren wurde Johannes Rau Minister für Wissenschaft und Forschung in Nordrhein-Westfalen. Schon zwölf Jahre gehörte er dem Landtag an. Das Amt des Fraktionsvorsitzenden hatte er damals bereits erreicht, das des Oberbürgermeisters von Wuppertal auch.

Dabei hatte er nicht in der SPD begonnen. Raus Weg in die Politik wurde durch die Begegnung mit dem späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann geprägt. Alles begann mit einem „Pfingsterlebnis“ am zweiten Pfingsttag des Jahres 1950 in Marburg. „Wer nicht handelt, wird behandelt“, hieß der schlichte Satz, mit dem Gustav Heinemann die dort versammelten evangelischen Jugendlichen zur politischen Mitverantwortung ermutigte. Johannes Rau gehört zu denen, die mit Heinemann 1952 die Gesamtdeutsche Volkspartei gründeten und nach deren Auflösung 1957 zur SPD übergingen. Erstaunlich schnell machte er in der SPD Karriere. Zwanzig Jahre lang, von 1978 bis 1998, war er Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Fast so lange war er stellvertretender Vorsitzender der SPD.

In dieser Partei war er fest verankert, blickte aber zugleich über sie hinaus. Die Freude war ihm anzumerken, als er bei der Wahl zum Ministerpräsidenten im Landtag von Nordrhein-Westfalen 1985 mehr Stimmen erhielt, als die SPD Abgeordnete zählte. An diesem 5. Juni 1985 kostete er den politischen Triumph freilich nicht lange aus; stattdessen predigte er zur Eröffnung des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Düsseldorf. Zu den Hoffnungen, die er äußerte, gehörte auch, dass diese Welt „ein wenig fröhlicher wird, weil sie eine Welt ist, die nicht zum Teufel geht, sondern Zukunft hat“.

Keiner hatte Grund zum Zweifel, als der neu gewählte Bundespräsident 1999 ankündigte, er wolle „für die Deutschen sprechen“. Denn das sagte jemand, der in der Zusammengehörigkeit der Deutschen schon eine zentrale Aufgabe sah, als es die DDR noch gab und nur wenige mit einer Wiedervereinigung rechneten. Als Bundespräsident hatte er Ost und West zusammenzuführen; mit beiden Seiten teilte er eine lange Wegstrecke wie nur wenige.

Zunächst beiläufig hat er davon gesprochen, er wolle „versöhnen statt spalten“. Für einen Wahlkampf war die Formel ungeeignet. Aber als Lebensmotto ist sie eindrucksvoll und treffend. Dieses Lebensmotto spiegelte sich auch in der Wirksamkeit des Bundespräsidenten, vor allem in dem beharrlichen, oft unspektakulären Bemühen, nicht nur „für die Deutschen zu sprechen“, sondern zugleich „Minderheiten zur Sprache zu verhelfen“. Am 9. November 2000 konnte er das vor dem Brandenburger Tor im Angesicht von einer Viertelmillion Menschen tun. Er repräsentierte dabei ein Selbstverständnis der Deutschen, das an der gleichen Würde jeder menschlichen Person orientiert ist; und er machte sich zum Anwalt von Minderheiten, die in unserem Land – Gott sei’s geklagt – noch immer von Ausgrenzung bedroht sind.

Noch zweimal sprach der Bundespräsident vor großen Menschenmengen am Brandenburger Tor: am 14. September 2001 in der Erinnerung an die Opfer der Terroranschläge vom 11. September und am 28. Mai 2003 zur Eröffnung des Ersten Ökumenischen Kirchentags, eines weithin sichtbaren Zeichens dafür, dass der christliche Glaube in der Mitte unserer Gesellschaft Resonanz findet, auch in Berlin.

Politische Existenz und christliche Verantwortung berühren sich besonders eng bei einem Thema, dem Johannes Rau eine ungewöhnlich beharrliche Aufmerksamkeit zugewandt hat, dem Verhältnis zu Israel. Er selbst begründete das einmal so: „Wer wie ich in den 30er Jahren aufgewachsen und in den 40ern erwachsen geworden ist, der wird Schuld und Verantwortung niemals los, die unser Volk gegenüber seinen jüdischen Mitbürgern und der jüdischen Bevölkerung unserer Nachbarn auf sich geladen hat.“

In aller Form hat er sich darauf verpflichtet, sich in jedem politischen Amt zu der besonderen Beziehung Deutschlands zum Staat Israel zu bekennen. In seiner berühmten Rede vor der Knesset am 16. Februar 2000, der ersten Rede, die dort auf Deutsch gehalten wurde, hatte er gewiss in jedem Wort die Versöhnung als Ziel vor Augen. Aber angesichts der schuldbeladenen deutschen Geschichte sprach er bescheidener von der Verantwortung, die mit der Erziehung in den Schulen und der Verstärkung des Austauschs von jungen Menschen beginnt und sich fortsetzt in der Einrichtung und Pflege von Stätten des Gedenkens, die das Grauen und die Schuld in Erinnerung halten. Dass in der Mitte Berlins ein Holocaust-Mahnmal seinen Ort gefunden hat, hat unsere Stadt ihrem Ehrenbürger gewiss noch vertrauter werden lassen.

Johannes Rau, der Versöhner, hat als Bundespräsident die Zuspitzung nicht gescheut, wenn er sie für nötig hielt. Unbeirrbar trat er für rechtsstaatliche Strukturen ein, in denen die Würde und die Rechte der Menschen geachtet werden. In China forderte er von dem weltanschaulich nach wie vor atheistischen Staat die Einhaltung der Menschenrechte; daraus ging immerhin der deutsch-chinesische Rechtsstaatsdialog hervor. In Nigeria mahnte er die Reform der Justiz und damit die Außerkraftsetzung der Scharia an; manche achten seitdem auf die Praxis der Todesstrafe in Nigeria aufmerksamer als zuvor. Zum 275. Geburtstag von Gotthold Ephraim Lessing befürwortete er die Partnerschaft zwischen Staat und Kirche gegenüber dem laizistischen Modell der negativen weltanschaulichen Neutralität des Staates; in diesem Rahmen warb er dafür, auch muslimischen Organisationen auf der Basis der Religionsfreiheit einen respektierten öffentlichen Platz zuzuerkennen.

Johannes Rau hat einmal die Politik mit Worten von Hannah Arendt als „angewandte Liebe zur Welt“ definiert. So sprechen Politiker nicht oft. Nach Veränderungen im vergangenen Jahrzehnt befragt, gibt er eine knappe Antwort: „Es ist weniger Zuversicht da.“ Vertrauen auszustrahlen und Zuversicht zu wecken, hat er als seine zentrale Aufgabe angesehen. Dass es daran immer mehr mangelt, hat seine Überlegungen zur politischen Lage kritischer werden lassen. Aber auch mit kritischen Gedanken wird er mehr gehört als andere, weil er auch noch in der Kritik seine große Begabung zur Freundlichkeit spielen lässt.

Neben die Gabe der Freundlichkeit tritt die Lust an den Anekdoten. Raus Gedächtnisvorrat an Erzählenswertem hat schon viele ins Staunen versetzt. Er setzt Pointen, sagen manche. Doch es handelt sich nicht um Spitzen, die verletzen. Auch seine Pointen dienen noch dem Verstehen. Selbst das Lachen sagt Nein zu den Kräften, die den Frieden zerstören. Noch im Witz erklingt das Ja zu allem, was Versöhnung stiftet.

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