Zeitung Heute : Nachrichten

-

Es zählt zu den Glücksfällen Berlins, dass die Stadt in den entscheidenden Jahren nach dem Chaos des Kriegsendes über ihrem Niveau regiert worden ist. Zuerst, als die Waffen schwiegen, kamen zwei Männer, die während der Herrschaft Hitlers im Ausland Zuflucht gesucht hatten, Ernst Reuter in der Türkei und Willy Brandt in Norwegen. Beide hatten nicht eigentlich zum Führungspersonal der Sozialdemokratie gehört, erst in Berlin wurden sie nationale Figuren.

Das politische Personal aller Parteien hatte die in Trümmern liegende Stadt, die als Insel inmitten der sowjetischen Besatzungszone lag, inzwischen verlassen. Die Sozialdemokraten hatten ihren Parteivorstand nach Hannover verlegt, und der Kristallisationspunkt des bürgerlichen Lagers, das sich allmählich aus den konfessionellen Parteien bildete, hatte sich im Rheinland formiert.

Niemand nahm damals an, dass die dort improvisierte Lösung vier Jahrzehnte Bestand haben würde. Aber Provisorien haben die Tendenz zur Dauer an sich, und als das Bonner Parlament nach der Wiedervereinigung 1990 über den definitiven Sitz der Hauptstadt abstimmte, stellte sich heraus, dass die beiden großen Parteien sich inzwischen so sehr in der behaglichen Universitätsstadt eingerichtet hatten, dass sie mehrheitlich an dem längst bequem gewordenen Ort bleiben wollten.

Dass die Entscheidung dann doch für die alte Reichshauptstadt fiel, lag nur an den beiden kleinen Parteien, den Freien Demokraten, die sich von Theodor Heuss über Walter Scheel bis zu Otto Graf Lambsdorff und Hans-Dietrich Genscher in vier Jahrzehnten als eigentliche Berlin-Partei etabliert hatten, und an den Hinterbliebenen des untergegangenen Staates, die sich nach einigen Reformen, aber mit dem alten Personal als „Partei des demokratischen Sozialismus“ inzwischen einen neuen Namen gegeben hatten.

In Berlin liefen die Dinge nach der Ära Reuters und Brandts mehr schlecht als recht. Die Bürgermeister hießen zwar immer noch Regierende Bürgermeister, aber sie waren nach dem Abflauen der Spannungen im Grunde nur noch Stadtbürgermeister. Unter Klaus Schütz, den Willy Brandt aus Bonn nach Berlin delegiert hatte, lief das ein Jahrzehnt hindurch so anständig, dass die Berliner kaum merkten, dass die Stadt inzwischen ins zweite Glied getreten war.

Bei den Nachfolgern Dietrich Stobbe und dem Zwischenspiel Hans-Jochen Vogel wurde die Minderung an Gewicht immer deutlicher. Die Stadt verlor aber nicht nur an äußerer Ausstrahlung, sondern auch an innerer Stabilität. Es war die Zeit der europäischen Studentenrevolte, aber es war Berlin, wo sich die Lage so dramatisch zuspitzte, dass es im Zuge der Demonstrationen gegen den Schah-Besuch 1967 sogar zu einem Todesopfer kam.

Seit dieser Zeit war die Stadt schwer regierbar. Hausbesetzungen trafen erst einzelne Mietshäuser, dann Dutzende von Häusern, und schließlich waren annähernd 140 Gebäude der bürgerlichen Ordnung entzogen. Trupps von Demonstranten mit Kiepen voller Pflastersteine zogen nächtlicherweise den Kurfürstendamm entlang und warfen Fensterscheiben von Luxusgeschäften ein. Es kam immer häufiger vor, dass Geschäftsinhaber ihre Sitze in den Westen verlegten, und an dem Fallen der Berliner Immobilienpreise ließ sich ablesen, wie gefährdet der Standort allmählich geworden war.

In dieser Situation kam es zu einem folgenreichen Personalwechsel: Peter Lorenz, der ordentliche, aber glanzlose Chef der Berliner CDU, bot Richard von Weizsäcker selbstlos an, die Opposition gegen die regierenden Sozialdemokraten an seiner Stelle zu führen. Weizsäcker hatte in Bonn eine Rolle gespielt, die im Grunde außerhalb der Politik lag. Er war Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages, saß im Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirche, war Präsident der Welthungerhilfe und Stellvertretender Bundestagspräsident. Auf Verlangen seiner Partei hatte er sich zweimal, vergeblich, um das Amt des Bundespräsidenten bemüht: 1968 war er bei der Bewerbung um die Kandidatur bereits parteiintern gescheitert, unterlag im Wahlmännergremium der CDU/CSU gegen den damaligen Verteidigungsminister Gerhard Schröder; 1974 dagegen konnte er sich als christdemokratischer Präsidentschaftskandidat nicht gegen den Liberalen Walter Scheel durchsetzen.

Das alles war sehr ehrenvoll, aber Richard von Weizsäcker musste sich im politischen Alltag etablieren, wenn er sich, was erkennbar sein eigentlicher Ehrgeiz war, um das höchste Staatsamt bewerben wollte. Kohl scheint ihm solche Zusicherung gegeben zu haben, als von Weizsäcker sich bereit erklärte, nach Berlin zu gehen. Beim ersten Mal, als er gegen Dietrich Stobbe antrat, scheiterte er knapp, aber zwei Jahre später triumphierte er über Hans-Jochen Vogel, den ehemaligen Bürgermeister von München und Bundesjustizminister. Richard von Weizsäcker gewann 1981 die Wahl zum Regierenden Bürgermeister mit dem sensationellen Stimmenergebnis von 48 Prozent, was ihn in Zukunft weitgehend unabhängig von seiner Partei machte.

Nun konnte er ohne Rücksicht auf alte Besitzstände seinen eigenen Senat bilden, und er machte von dieser Freiheit größtmöglichen Gebrauch. Dieser bestand fast nur noch aus „Importen“, was bis dahin eine Belastung jeder Partei gewesen war. Wilhelm Kewenig, den er zum Senator für Wissenschaft und Kultur machte, war Rektor der Universität in Kiel gewesen, wo er den Lehrstuhl für Staats- und Völkerrecht hatte, Hanna-Renate Laurien, seine zukünftige Schulsenatorin, war Kultusministerin in Mainz. Aus Bonn brachte er Elmar Pieroth mit, den neuen Wirtschaftssenator, und den Münchner Professor für Öffentliches Recht Rupert Scholz gewann er als Justizsenator.

Wie wenig er noch vom Fußvolk der Partei abhängig war, machte Weizsäcker deutlich, als er dem Theologen Klaus Scholder aus Tübingen und dem Münchner Max-Planck-Präsidenten Reimar Lüst Senatorenstellen für Kultur und Wissenschaft anbot. Weizsäckers Außenseiterrolle, die ihn bis dahin eher geschwächt hatte, war nun seine Stärke, und die Provinzialität des Berliner Senats war mit einem Male wie weggewischt.

Richard von Weizsäcker verdankte diese Unabhängigkeit nur sich selber, seiner Persönlichkeit, seiner eleganten Erscheinung, seiner geschliffenen Rhetorik und einer schwer definierbaren Souveränität, kurz: seinem Charisma. Peter Glotz, von 1981 bis 1987 Bundesgeschäftsführer der Sozialdemokraten, sollte bei der Geburtstagsfeier von Shephard Stone über von Weizsäcker sagen, dass dessen Gegner sich immer versucht fühlten, ihm zu applaudieren, selbst wenn er sie rhetorisch ausmanövriert hatte.

Mit diesen Eigenschaften war von Weizsäcker als Bürgermeister im Grunde überqualifiziert. Gegen den kaum verhohlenen Widerstand Helmut Kohls, dem manche außenpolitische Eskapaden wie der erste Besuch eines Regierenden Bürgermeisters bei Erich Honecker 1983 als Kompetenzüberschreitung missfallen hatten, beharrte von Weizsäcker auf seiner ihm zugesagten Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten. Nach Ablauf der ersten Amtsperiode wurde er mit den Stimmen der Sozialdemokraten in seinem Amt bestätigt, so dass seine Wiederwahl auf reine Akklamation hinauslief.

Die Erscheinung Richard von Weizsäckers ist ein Lehrstück für das Gewicht, das im trockenen Geschäft der Politik etwas so Unwägbares wie die Aura besitzt. Wie schon Goethe schrieb: „Das höchste Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar