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Die zehn Jahre zwischen 1957 und 1966 umfassen die Spanne, in denen Willy Brandt von einem nahezu politischen Nobody zu einer national wie international bekannten Figur wird.

Dieser „KarriereBogen“ begann am 11. Januar 1955 mit der Wahl zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses. Der Tagesspiegel rühmt ihn als eine jener seltenen Erscheinungen, „bei denen man die Gewißheit haben darf, daß sie im Widerstreit des Staatspolitischen mit dem Parteipolitischen für das Erstere entscheiden werden“. Diese Einschätzung bestätigte er in der Folgezeit.

Im Oktober 1957 erfolgte die Wahl zum Regierenden Bürgermeister, was die „BZ“ zu der Balkenüberschrift veranlasste: „Das ist der richtige Mann für uns“.

Ende 1958 machte Chruschtschow, der ultimativ den Abzug der Westmächte verlangte, Brandt zum Verteidiger einer belagerten Festung. Der Bau der Mauer forderte und formte ihn: Er fand den Weg von der Konfrontation zur Kooperation mit dem Osten. 1961 wurde er Kanzlerkandidat der SPD, verlor gegen Konrad Adenauer und 1965 gegen Ludwig Erhardt. Ein Jahr später war er Vizekanzler und Außenminister einer Großen Koalition, die er eigentlich nicht wollte.

Jede Stufe war umkämpft und nur nach Niederlagen zu erklimmen. Physische und psychische Stärke dürfen als Voraussetzung für politische Erfolge nicht unterschätzt werden. Menschliche Schwächen, die Brandt erkennen ließ, wurden bei vielen Menschen zu einer Stärke. Visionär und Realist nennt ihn sein Biograf Peter Merseburger. Mut zum kalkulierten Risiko gehört dazu.

Ich lernte: Die Stärke nach außen ist nicht größer als die Stärke nach innen. Er setzte sich gegen Franz Neumann durch und gewann den Landesvorsitz als sichere Hausmacht. Es brauchte mehrere Anläufe, ehe er die Spitze der SPD erreichte. Wer das in dieser Partei fast drei Jahrzehnte bleiben kann, muss auch die hohe Schule der Taktik und Menschenbehandlung beherrschen.

1956 werden ganz andere Führungsqualitäten sichtbar. Die Sowjets ersticken den Aufstand in Ungarn, Engländer und Franzosen greifen am Suezkanal an. Auf der Protestkundgebung vor dem Schöneberger Rathaus werden die Redner der Parteien ausgepfiffen. Brandt wird zwar angehört, aber kann nicht verhindern, dass die aufgebrachte Menge sich in Richtung Brandenburger Tor und sowjetische Botschaft in Bewegung setzt. In einem Lautsprecherwagen der Polizei gelingt es ihm, die Menschen zurückzuhalten, sich auf die Kette der bewaffneten Volkspolizei zu werfen, letztlich weniger mit Argumenten als mit der Nationalhymne. „Mehr und mehr Menschen stimmten ein, es wurde ein mächtiger Chor. Damit bekam er die Leute endlich dazu, den Rückweg anzutreten“, schrieb der Tagesspiegel. Er hatte Besonnenheit und Mut in kritischer Situation bewiesen.

Ganz andere Eigenschaften waren nach dem Chruschtschow-Ultimatum gefragt. Die Ablehnung des sowjetischen Vorschlags, West-Berlin zu einer „Freien Stadt“ ohne die Westmächte – „vogelfrei“, wie Willy Brandt formulierte – zu erklären, genügte nicht. In einer Reise um die Welt warb er für die Stadt, lernte die Großen der damaligen Welt kennen, und die Deutschen lernten, dass da neben Konrad Adenauer noch einer mit Würde und Geschick die eigenen Interessen vertreten konnte, nicht zu vergessen mit einer eleganten und charmanten Frau an seiner Seite.

Erst der schreckliche Test der Mauer unterwarf Brandt dem schmerzhaften Prozess, der ihn später in Amerika vom „Zwang zum Wagnis“ sprechen ließ: Die Vier Mächte fanden sich mit der Teilung der Stadt ab. Der Status quo durfte nicht gefährdet werden. Vizepräsident Johnson brachte mit seinem begeisternden Besuch nicht nur eine amerikanische Kampfgruppe, sondern die ernüchternde Antwort John F. Kennedys auf den fordernden Brief des Bürgermeisters mit. Sogar die Polizei musste der Senat auf Weisung der drei Kommandanten zum Schutz der Mauer einsetzen.

Wer sich nicht mit ohnmächtigem Protest abfinden wollte, musste Tabus brechen. Wer die Mauer auch nur für Stunden für eine begrenzte Zahl von Menschen durchlässig wollte, brauchte Passierscheine. Sie konnten nur durch Verhandlungen mit der DDR-Regierung bekommen werden, die noch gar nicht so genannt werden durfte. Gegen die Position des CDU-Vorsitzenden Amrehn – „die Wunde muss offen bleiben“ – setzte Brandt seine Überzeugung: Kleine Schritte sind besser als große Worte. Damals begann die leidenschaftliche Auseinandersetzung um die spätere Ostpolitik.

Er verinnerlichte eine andere Erfahrung: Die Deutschen müssen ihre Interessen selbst vertreten. „Andere werden es nicht für sie tun. Aus der Position der größten Schwäche – eingezwängt zwischen dem Osten, den Drei Mächten und einer skeptischen Bundesregierung – lässt sich sogar ohne Richtlinienkompetenz durch Überzeugung etwas erreichen und bewegen.“ Plötzlich konnte man sehen und erleben, was so selten ist, was abstrakte Politik bewirken kann, als Menschen vor Glück weinend sich in die Arme fielen.

Wenige Jahre später warb Brandt um Verständnis in Amerika, wenn die Deutschen ihre Eierschalen abwerfen, selbstständiger werden, auch gegenüber den USA, ähnlich de Gaulle. Brandt fragte: „Warum nur er?“ An verlässlicher Freundschaft ließ er umso weniger rütteln, als er wusste, dass ohne amerikanische Garantie Berlin verloren gewesen wäre.

Brandt hatte das Glück, durch den jungen amerikanischen Präsidenten Rückendeckung zu bekommen, der die Chance für eine aktive Koexistenz sah, nachdem er die Kubakrise gemeistert hatte. In der hatte Brandt ihn in seiner übergeordneten Verantwortung bestärkt, nachdem Kennedy ihn gewarnt hatte, es könnte zu sowjetischen Vergeltungsaktionen kommen.

Immerhin empfahl der Chef seinen engen Mitarbeitern, sich mit langen Unterhosen und dicken Socken zu versehen. Es könne sein, „dass wir einen langen Marsch machen müssen“.

Nach Kennedys „Ich bin ein Berliner“, 1963, gab es keine bedrohliche Krise um Berlin mehr. In einer wirklich bedeutenden Rede konnte Brandt in Tutzing seine Vorstellungen für eine neue deutsche kooperative Politik mit dem Osten darlegen.

Dass ich daraus einen Punkt aufnahm, um in einem Diskussionsbeitrag Folgerungen für die beiden deutschen Staaten zu ziehen, unter der Überschrift „Wandel durch Annäherung“, billigte er ohne zu wissen, dass seiner großen Rede ungerechterweise die Schau gestohlen wurde. Er lag in seinen Visionen schon weit vor dem öffentlichen Bewusstsein.

Das Versprechen, für seine Stadt in Bonn mehr tun zu können, hat er gehalten. 1957 bis 1966 waren die unentbehrlichen Jahre, die Brandt zum potenziellen Staatsmann reifen ließen.

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