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Mag es nach so langer Zeit in den Ohren der Jüngeren auch etwas irritierend feierlich klingen, so sollte es doch erlaubt sein, in Abwandlung eines in den Zwanzigerjahren viel gelesenen Buches von Stefan Zweig („Sternstunden der Menschheit“) zu sagen, dass der 26. Juni des Jahres 1963 in der Geschichte Berlins eine ebensolche Sternstunde gewesen ist. Amerikas junger Präsident, auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses postiert, neben sich Willy Brandt und Konrad Adenauer, bewies mit meisterlicher Rhetorik, die an seine die Jugend der ganzen westlichen Welt euphorisierende Rede zur Amtseinführung erinnerte, die außergewöhnliche Begabung eines politischen Psychotherapeuten. Eines solchen Seelenarztes bedurften die Bürger der „Frontstadt“ knapp zwei Jahre nach dem Bau der Mauer, dringend sogar. Denn in dem Jubel für John Fitzgerald Kennedy entlud sich eine bis eben noch depressive Stimmung der WestBerliner, die sich gleich nach der Zerreißung ihrer Stadt vom Westen – und Westen meinte in Wahrheit das große und mächtige Amerika – im Stich gelassen fühlten. Das hatte Brandt schon wenige Tage später dem Mann im Weißen Haus schriftlich gegeben. Später war zu hören, dass Kennedy, sinngemäß, zu seinen Mitarbeitern geäußert hatte, dieser Bürgermeister überhebe sich wohl.

Auch die notorischen Kritiker im eigenen Land mussten noch während seiner nur knapp bemessenen Regierungszeit widerwillig einräumen, dass kein Präsident im 20. Jahrhundert, vielleicht nicht einmal Roosevelt, die Fantasie der Menschen so beflügelt hat wie Kennedy, der mit den „Besten und Klügsten“ seiner Generation eine Vision zu verwirklichen versprach. Der „Kennedy-Mythos“ ist nach dem Attentat von Dallas, wenige Monate nach dem Berlin-Besuch, gleichsam in Marmor gemeißelt, aber, nur wenige Jahre später, auch lädiert worden. Abstoßend zynisch war der Kommentar einiger seiner erzkonservativen Widersacher, zumal im Süden der USA, diesen Präsidenten habe der Tod zur richtigen Zeit ereilt.

Konrad Adenauer, der während der Fahrt durch West-Berlin kerzengerade neben Kennedy stand, misstraute dem „jungen Mann“. Gegenüber Henry Kissinger machte er später höchst unfreundliche Bemerkungen über den Staatsgast. Schweigend, aber heftig verstimmt, hatte er sich am Tag zuvor in Bonn Kennedys scharfzüngige Kritik an General de Gaulle angehört. Genau wie der Franzose glaubte der Kanzler den Amerikaner seinem Widerpart Chruschtschow nicht gewachsen.

Beide haben Kennedy unterschätzt, der nach eklatanten Fehlern buchstäblich in letzter Minute die Kubakrise zu meistern verstand, die beinahe einen neuen Weltkrieg hätte auslösen können.

Heute wissen wir, dass Adenauers Urteil nicht ganz unbegründet war. Die enthusiastische Begrüßung des Amerikaners durch die Berliner fand Adenauer eher „sentimental“ und „sehr deutsch“, obwohl auch er von dem Applaus der begeisterten Menge etwas abbekam. Der Bundeskanzler, der an den aggressiven Worten Kennedys über den Kommunismus nichts auszusetzen hatte, erkannte richtig, dass sich die USA unter Kennedy mit der De-facto-Teilung der Stadt und der deutschen Nation abzufinden bereit sei.

Willy Brandt wiederum, auch er berührt von der Rede, hat sich nachher besorgt darüber gezeigt, dass die von ihm angestrebte Entspannungspolitik durch die militant antisowjetische Attitüde Kennedys erschwert, womöglich ganz verhindert werden könne. Auch dies war nicht aus der Luft gegriffen. Nicht nur Berlins Regierender Bürgermeister hat bald erkannt, dass Kennedy eine imperial angelegte Politik verfolgte. In der Inaugurationsrede am 20. Januar 1961 auf dem Kapitol feierte er die Vitalität der eigenen Nation, die zur Verteidigung der ganzen Welt berufen sei. Allen befreundeten Nationen, „die Amerika dabei helfen, seiner Mission gerecht zu werden“, wolle er zur Seite stehen. Amerika werde „jeden Preis zahlen, jede Last tragen, jede Entbehrung erdulden, um das Ideal der Freiheit durchzusetzen“. Anders als der jüngere Bush hat Kennedy den Begriff Freiheit nicht ausdrücklich so definiert, dass er zwingend mit Amerikas Idealen übereinstimmen müsse. Die Maxime „America first“ war auch seine Maxime. In den frühen 90er Jahren hat der Kennedy-Biograf Richard Reeves berichtet, dass enge Freunde des Präsidenten, sein Redenschreiber Ted Sorensen und McGeorge Bundy (beide sehr einflussreich) über einige Passagen seiner Rede vor dem Rathaus heftig irritiert waren. Denn die USA bemühten sich in jenen Tagen um einen Atom-Teststopp-Vertrag mit den Sowjets.„Oh Christ“, sagte Kennedy, veränderte den Text noch im Rathaus, und sagte später vor einem Auditorium in der Freien Universität: „Ich glaube an die Notwendigkeit, dass die Großmächte, damit die Menschheit überlebt, zusammenwirken müssen.“

Fast vergessen ist eine Fernsehansprache Kennedys im September 1963. Amerika war schon tief in den Vietnamkonflikt verstrickt. Jetzt – eine dramatische Korrektur seiner bis eben noch verfolgten Politik – ließ er hören: „Dies ist ein Krieg des vietnamesischen Volkes, und in letzter Instanz müssen ihn die Vietnamesen selbst gewinnen oder verlieren.“ Da lebte er nur noch wenige Wochen, und es bleibt ungewiss, ob der 35. Präsident der USA aus dieser ebenso banalen wie realistischen Erkenntnis Konsequenzen gezogen hätte. Lyndon B. Johnson, sein Nachfolger, hörte nicht auf ihn. Er fand einen Brief Kennedys vor, der für ihn bestimmt war. Kennedy hatte, noch in Berlin, den aus nur drei Worten bestehenden Inhalt mitgeteilt: „Go to Berlin.“

Angelehnt an das Cicero-Wort „Civis Romanus sum“ hatte er den Menschen zugerufen: „In der Welt unserer Gegenwart kann man mit Stolz sagen: Ich bin ein Berliner.“ Wer davon rede, dass dem Kommunismus die Zukunft gehöre, dem sage er: „Diese Leute sollten nach Berlin kommen.“

Ende der 90er Jahre ist ein Buch des Historikers Hans-Peter Schwarz („Das Gesicht des Jahrhunderts“) im Steglitzer Wrangel-Schlösschen von Richard von Weizsäcker vorgestellt worden, wohlwollend zunächst. Zum Schluss hin zeigte sich der Laudator gar nicht einverstanden mit dem Urteil von Schwarz über Kennedy. Es sei einseitig. Schwarz zeichnete den Präsidenten als Snob und einen Mann, dem „jede Kehrtwendung zuzutrauen“ sei. Überdies habe er den Mauerbau hingenommen. Da beobachtete Weizsäcker bei dem Autor eine kaum verhüllte Antipathie gegen den Amerikaner. Er sagte das höflich, aber deutlich.

Notieren wir noch, dass Kennedy am 26. Juni 1963, als er am Brandenburger Tor auf die Plattform steig, seinen Begleitern sehr entschieden sagte: „Ich möchte jetzt allein sein.“ Auf der anderen Seite der Mauer sah der Präsident nur drei Frauen, die aus den Fenstern ihrer Häuser mit Taschentüchern winkten. Berlins US-Stadtkommandant, General James Polke, sagte zu Kennedy: „This is terrible, Mr. President.“ Und der antwortete: „I think so, too.“

Dann, fünf Monate nach dem Deutschlandbesuch – ich arbeitete damals für den NDR –, kam die Blitzmeldung aus Dallas, am frühen Abend des 22. November. Wir alle, die Redakteure des politischen Programms, waren wie gelähmt. Eine kurze Weile hofften wir noch, es sei eine Falschmeldung. Ich hatte den Nachruf zu verfassen und kurz darauf ins Mikrofon zu sprechen. Es ist so gewesen, meine Stimme war gepresst. Ich wollte dem, was ich vortrug, irgendwie nicht glauben. Um diesen Mann hatte die Jugend in der Alten Welt die Jugend in der Neuen beneidet. Eine Lichtgestalt, im schönsten Wortsinn ein Hoffnungsträger.

Zu der Zeit, als mein Text ausgestrahlt wurde, unterbrach Helmut Schmidt eine Rede vor seiner Partei in Hamburg-Winterhude. Man hatte ihm die Nachricht gereicht. „Dieser Tod erschüttert uns alle. Er verändert die Welt. Lasst uns still nach Hause gehen.“ Ich verließ das Funkhaus wie in Trance. Mit diesem Amerikaner war eine Vision gemordet worden.

Enden wir mit einem Satz von Richard Reeves, der den 26. Juni an der Seite seines Präsidenten in unserer Stadt erlebte: „Es war an diesem Tag, als sei Kennedy zum Prinzen der ganzen Welt gekrönt worden.“ Ja, so hatten ihn die Berliner in West- und Ost-Berlin erlebt, wohl die Mehrheit aller Deutschen in beiden Teilen der gespaltenen Nation.

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