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Jens Reich ist ein Bürger. Das war sein Schicksal, das wurde seine Chance, und wie er sie ergriff, dafür verdient er unsere Anerkennung. „Soziale Herkunft: bürgerlich.“ In der DDR wurden – auf dem Weg zur klassenlosen Gesellschaft! – die Bildungschancen nach Klassenzugehörigkeit vergeben. Schlechte Startchancen für Jens Reich. „Ich bin ‚bürgerlich‘ erzogen worden, in den fünfziger Jahren, als diese Lebensweise noch vorhanden war, noch existierte wie nach dem berühmten MünchhausenStreich mit dem überscharfen Schwert: Der Kopf ist abgetrennt, aber noch nicht vom Hals gefallen.“ Er hatte Glück im Unglück. Sein Vater war Arzt, und es leuchtete selbst den fanatischen Genossen ein, dass man sich den Arzt tunlichst nicht vor allem nach dem Parteibuch auswählt. Er war außerdem als SPD-Mitglied in die SED fusioniert worden, aber weiter (katholisches) Kirchenmitglied geblieben, also bürgerlich mit mildernden Umständen. Jens Reich durfte studieren, Medizin und Biochemie. Und er durfte an der Akademie der Wissenschaften im Grenzgebiet zwischen Biochemie und Mathematik unter Einsatz von Computern auf wissenschaftlichem Neuland arbeiten und Karriere machen – zunächst.

„Bürgerlich erzogen“, das hieß vor allem: Bildung. Er wäre gern Schriftsteller geworden, nach dem Vorbild von Thomas Mann, aber das ging nun gar nicht in der DDR. Er ist nicht nur des Wortes ungewöhnlich mächtig, sondern auch der Sprachen. Drei spricht er aktiv, weitere versteht er gut. Wie jemand zudem in der Geschichte und Philosophie so bewandert sein kann, der hinter der Mauer leben musste, grenzt an ein Wunder. „Ich sagte mir oder auch meine Eltern sagten mir, dass ein gut trainiertes Gehirn überall und immer gebraucht wird und dass ‚die‘ die viel geschmähte bürgerliche Lebensweise als Trainer für ein gutes Gehirn erst einmal übertreffen sollen: ,da wird dein Leben drüber vergehen, bis sie dich nicht mehr brauchen.‘“

„Stumm kontra sein und zu Hause laut schimpfen – das war unsere geistig-politische Hygiene.“ „Wir blieben in dem Land und verzichteten auf Protest.“ Denn „steckst du den Kopf aus dem Salat, dann wird er dir abgeschlagen“.

Jens Reich hat noch vor dem Ende der DDR diese seine innere Emigration der Tatenlosigkeit wegen scharf kritisiert, wie er überhaupt ein ungewöhnlich kritischer und ehrlicher Beobachter seiner selbst ist – ein eher christliches als bürgerliches Erbe –, aber ich finde, er beurteilt sich dabei zu hart. Denn es ist eine gewaltige Anstrengung, in einer ideologischen Diktatur einen klaren Kopf zu behalten und sich selbst treu zu bleiben. Und es war auch eine Tat, als er den Parteieintritt verweigert hat. Und das hat ja auch seinen Karriereknick mitbedingt. Er wurde, obwohl als Forscher international bekannt, zum schlichten wissenschaftlichen Mitarbeiter degradiert. Er hat dabei nicht nur dem wiederholten Ansinnen der Partei widerstanden, sondern auch dem wohlmeinenden Rat westlicher Freunde: „Ich muss mich auch anpassen.“ „Wir brauchen schließlich vernünftige Gesprächspartner und nicht nur Apparatschiks, wenn wir hier Verhandlungen führen.“ Doch Jens Reich bekennt: „Ich konnte nicht.“ Er hätte sich andernfalls geschämt. Er nennt das Ehrgefühl. Solches Nichtkönnen ist – nur scheinbar paradox – der höchste Ausdruck von Freiheit. Manche Westdeutsche erklären verständnisinnig, wenn sie in der DDR gelebt hätten, wären sie wohl auch in die SED eingetreten. Das glaube ich ihnen, aber mit Bedauern, weil sie offenbar die Probe auf die Selbstachtung – Jens Reich nennt es Ehrgefühl – nicht kennen, die in dem „ich kann nicht“ liegt.

Jens Reich ist Bürger als Weltbürger. Die Welt, die er leibhaftig erkunden konnte, war klein. Aber er hat sie intensiv erkundet. Er hat Polnisch und Tschechisch gelernt und in diesen Ländern wie in der Sowjetunion Freunde gesucht und gefunden. „Auslauf im Gefängnishof“ nennt er das. Er gewährte ihm einen Blick von draußen auf die DDR. In einem Essay, den er 1988 pseudonym in Frankreich veröffentlicht hat, beschreibt er die DDR als den „Unstaat und die Halbnation mit dem absurden Fetzen von zerrissener Hauptstadt“, eine der sowjetischen Vorwerkkaten. Und er weiß nicht, was aus ihr werden kann. An Westdeutschland verkaufen? Die Sowjetunion kann keine Großmacht an ihrer Westgrenze dulden. Sich selbst überlassen? Die DDR ist instabil. Sich als autonome Sowjetrepublik einverleiben? Das ginge nur, „wenn man Polen herausoperieren und neben Madagaskar einpflanzen könnte“, denn Polen lässt sich nicht zur Sowjetrepublik machen. „Vielleicht sollten wir Taiwan vor der Tür des Westens werden?“ Er beschreibt, wie der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag der DDR bröckelt: „Nische und draußen nicht mitreden“ – nicht durch Aufruhrstimmung, sondern durch wachsenden Verdruss.

Jens Reich wünscht sich, dass Mittelosteuropa seine Gemeinsamkeiten entdeckt und zusammenrückt. Sie sitzen ja im gleichen Boot. Aber alles spricht dagegen. Die Herrschenden wollen das nicht, und das Interesse dieser Gesellschaften füreinander ist gering. Auch die jeweiligen Systemkritiker haben nur losen Kontakt. Und viertens wurde Jens Reich Bürger als citoyen, der öffentlich auf dem Marktplatz (forum) Bürgerrechte fordert. „Ich war Esoteriker“, sagt er von sich. Das ist untertrieben. Denn es gab da, wohl seit 1968, den „Freitagskreis“. Der war esoterisch höchstens in dem Sinne, dass man in der DDR generell sehr genau hinsah, wen man einlud. Es war ein bunter, interdisziplinärer und für DDR-Verhältnisse großer Kreis, der sich in seiner Wohnung traf zu gemeinsamer Lektüre oder Vorträgen.

Ich habe dort 1988 über die Aporien einer DDR-Identität, sprich über die fehlende Legitimation dieses Staates, referiert. Die Einladung kam über persönliche Bekanntschaft zu mir und war mit einem Hinweis auf das Risiko verbunden: Ich müsse damit rechnen, dass die Stasi alles registriert. Das tat sie denn auch. Es war ein politischer Gesprächskreis, weil es in der DDR kein Thema gab, das nicht politisch wurde, wenn man es gründlich und ohne Scheuklappen besprach, denn die Weltanschauungspartei hatte ja für alle Fragen eine „richtige“ Antwort. Übrigens ist der gesamte Kreis im Herbst 1989 dem „Neuen Forum“ beigetreten.

Dass Jens Reich noch einen Schritt weiter ging, daran ist eine befreundete polnische Journalistin schuld, die zu den ersten Aktivisten der Solidarnosc gehörte. „Sie hat nichts weiter getan, als uns unsere Schneckenhausargumente mit bestimmten, ruhigen Fragen aufzulösen. Ohne Polemik lehnte sie unsere resignative Haltung ab.“

Im September 1989 gehörte Jens Reich zu den Gründern des „Neuen Forums“, das mit einem Aufruf zur Diskussion der politischen Lage in der DDR über westliche Medien an die Öffentlichkeit trat und die Initialzündung wurde für die öffentliche Artikulation des wachsenden Unbehagens, das sich bis dahin im stummen Weggehen über Ungarn und die CSSR entladen hatte. Die Erstunterzeichner unterschrieben mit Name, Beruf und Wohnort, machten sich bewusst auffindbar. Das Echo war ungeheuer. Ende Oktober hatten 200000 den Aufruf unterschrieben. Diesen Aufruf haben Jens Reich und Rolf Henrich verfasst.

Es gab in der DDR Oppositionelle vom Typ des Aussteigers. Was ihnen meist fehlte, war die Fähigkeit zur Artikulation politischer Forderungen. Der Aufruf des Neuen Forums war auf seine Weise klug. Er rief nicht zum Widerstand auf, sondern zum Diskurs. Und: „Die Tätigkeit des NEUEN FORUM werden wir auf gesetzliche Grundlagen stellen“, nämlich durch korrekte Anmeldung der Vereinigung „bei den zuständigen Organen der DDR“. Das diente dem Schutz derer, die beitreten wollten: „Wir tun doch nichts Illegales“, machte es aber zugleich der SED sehr schwer, die Unterzeichner als Klassenfeinde zu denunzieren. „Auf alles waren wir vorbereitet, bloß nicht auf Kerzen“, hat später der Volkskammerpräsident Sindermann im Blick auf die Leipziger Montagsdemonstrationen resigniert festgestellt.

In der DDR konnte nur eine „friedliche Revolution“ Erfolg haben. Jens Reich hat das begriffen. Nach dem Ende der DDR ist Jens Reich in seinen Beruf zurückgekehrt. 1994 war er Bundespräsidentschaftskandidat, erst von einer parteiübergreifenden Initiative, dann von Bündnis 90/Grüne nominiert.

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