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Hoch über Rüdesheim, an einem Herbstnachmittag voller Sonne, mitten in den Reben, die sich beugen unter der Last der reifen Trauben, erscheint die Welt grüner und blauer als anderswo. Manchmal ist nur ein Schweigen zu hören, dann wieder das Flügelflattern, das Kieksen der Stare, die sich den Steilhang hinabstürzen. Bei Rheinkilometer 527 umspült der Fluss weit unten wilde Auen.

Wenn die Farben verblassen und die Luft abkühlt, funkeln im Fluss die aufgehenden Lichter der Stadt. Ihr Takt klopft lauter. Gläser klirren. Männerlachen, Frauenkichern. Kopfsteinpflaster. Die spitzen Giebel der Fachwerkhäuser wenden sich einander neugierig zu. Wie glückliche Zwerge sehen daneben die Besucher aus, einem haften noch Krümel vom Zwiebelkuchen auf dem Hemdkragen. In guten Momenten will Rüdesheim zaubern.

Wie viele Besucher diesem Zauber im vergangenen Jahr auf der Spur waren, hat die private Rüdesheim Tourist AG gezählt: Es waren rund drei Millionen. 166671 davon haben mindestens eine Nacht im Hotel gebucht. Die anderen, die Tourist AG nennt sie Tagestouristen, verbringen im Schnitt nur gut eine Stunde in Rüdesheim am Rhein. Busse fahren den Tagestouristen zur Rheinstraße, er läuft die 140 Meter lange Drosselgasse bergauf, biegt rechts in die Oberstraße ein, hält sich erneut rechts, diesmal Richtung Marktplatz, und flaniert geradewegs bergab zur Rheinstraße. Im Idealfall kauft er unterwegs einen Viertelliter Wein und einen Flammkuchen im BollesjeGefängnisrestaurant, betrachtet die Fassade des Foltermuseums und ersteht ein Andenken, zum Beispiel das batteriebetriebene Wiesel, das sich in einem Ball festbeißt, oder ein T-Shirt für den Enkel, auf dem „Mini Macho“ steht. Während seines Rundgangs kommt der Tagesbesucher in Kontakt mit zwei oder drei von insgesamt 8000 Rüdesheimern.

Ein gewöhnlicher Tagestourist ist, von den vielen Schulklassen einmal abgesehen, nicht mehr jung und ungern allein. Aus seiner Gruppe, sei sie ein Kegelclub, eine Reisegruppe, ein Männergesangs- oder Sportverein, mag er nicht ausscheren: Es geht ihm darum, Running Gags zu erfinden und darüber zu lachen, die Witzfigur in der Gruppe zu ärgern; manchen geht es einfach nur darum, Teil einer Gruppe zu sein, zu vergessen; Geselligkeit ist auch eine Frage der Menge. Das war schon immer so.

Der Bus hat inzwischen gewendet und steht mit offenen Türen bereit. Die Amerikaner, Japaner, Chinesen, Dänen, Holländer, Briten, Australier, Schweden, Spanier, Italiener, Franzosen und Tschechen klettern über steile Treppchen mühsam hinein. Es dauert, bis alle ihren Platz gefunden haben. Dann zischen die Türen und schließen sich. Wenn in Zukunft von Deutschland die Rede sein wird, wird der Tagestourist auch an schmale Gassen und ein batteriebetriebenes Wiesel denken.

Der organisierte Tagestourismus schabt Rüdesheim ab, es ist ein permanentes Abwetzen seit mehr als 50 Jahren. Mit dem Ende der alten BRD und dem Abzug der früheren Besatzungsmacht hat der Ansturm etwas nachgelassen, die Stadt blieb ein Klassiker und kam trotzdem aus der Mode. Asbach Uralt, einst der größte Arbeitgeber der Stadt, produziert in Rüdesheim nur noch Schnapspralinen. Im Besucherzentrum können Reisegruppen den Weinbrand verkosten:

„Haben wir eigentlich nicht genug deutsche Eichen, dass man französische Eiche nehmen muss für die Fässer?“, fragt ein Mann und lehnt sich lässig an ein stillgelegtes Destillationsgerät.

„Auch die Trauben, die für die Herstellung unseres Produktes benutzt werden, stammen aus Frankreich“, sagt die Asbach-Angestellte kleinlaut.

Der Mann verschränkt die Arme vor der Brust und murmelt Verwünschungen. Und der Asbach-Angestellten, die sogar wortreich erklären kann, was genau der „Geist des Weines“ ist, fällt keine Antwort mehr ein. Das Besucherzentrum wird Ende des Jahres geschlossen.

Es ist keineswegs so, dass Rüdesheim den extremen Besucheransturm nicht verkraftet hat. Es ist eher so, als habe die Stadt sich mit jedem einzelnen glatt gelaufenen Pflasterstein auf die vielen Besucher eingerichtet, als habe sie sich ergeben und ein System entwickelt, das widerstandslos zu funktionieren scheint: die Gemütlichkeitsmaschine.

Gemütlichkeit hat in Rüdesheim Tradition und fast schon zwangsläufig etwas mit Wein zu tun. Wer eine Erklärung will, muss den Bürgermeister Udo Grün fragen. Er wird antworten: „Bier macht aggressiv, Wein stimmt den Menschen friedlich.“ Grün ist ein humorvoller und sehr geduldiger Mensch, am 1. April 1957 begann er eine Lehre im Rathaus. Heute verfügt er über ein Chefzimmer mit fuchsiafarbenen Polsterstühlen, er überblickt den Marktplatz mit Brunnen, St.-Jakobus- Kirche, Souvenirgeschäft und Weinbude. An der Wand seines Büros hängt eine Luftaufnahme von Rüdesheim, auf dem Sideboard liegt das Goldene Buch der Stadt, in dem François Mitterrand, Helmut Kohl und der chinesische Außenminister unterschrieben haben.

Grün erinnert sich mit gemischten Gefühlen an damals, als in den Weinlokalen an der Drosselgasse werktags wie sonntags zehn Stimmungskapellen gleichzeitig spielten. „Es war ungefähr so: Man stand unten, reihte sich ein und wurde von der Menge bis zur Oberstraße gespült. Man musste Halt machen, wo alle Halt machten, und loslaufen, wenn alle losliefen“, sagt Udo Grün. „Man hatte keine Chance, schon gar nicht gegen den Strom.“ Er lacht. „Es waren auch viele amerikanische Soldaten unterwegs, die in Wiesbaden stationiert waren und am Wochenende kräftig feierten. Wir mussten Feldjäger und die amerikanische Militärpolizei gemeinsam auf Streife schicken. Irgendwann kamen so viele Sonderzüge, dass zusätzlich Abstellgleise gebaut werden mussten. Die meisten Züge kamen aus dem Ruhrgebiet. Sie waren voll mit jungen, singenden Leuten. Es waren lauter Biertrinker, die wir zum Wein bekehrt haben.“

Rüdesheim ist gut angebunden, aber der CDU-Mann Grün ist nicht der einzige, der denkt: Rüdesheim ist möglicherweise etwas zu gut angebunden. Die Bahnstrecke, die den Rhein entlangführt, verhindert, dass die Stadt ihr Gesicht dem Fluss zuwenden kann. Eine Promenade gibt es nicht, stattdessen eine Bundesstraße und eben die Gleise. Besonders belastend für Anwohner wie Besucher ist der Güterverkehr, jede Nacht rumpeln bis zu 150 Güterzüge am Hotel Rheinstein, Hotel Krone, Hajo’s Hotel Germania, am Deutschen Hof und der Aumüller Traube vorbei. Grün will die Gleise endlich weghaben; wenn es nach ihm ginge, sollen sie künftig in einem unterirdischen Bogen um die Stadt herum verlaufen.

1998 hatten die hessischen Landesbehörden, Bund und Bahn bereits 223,5 Millionen D-Mark für das Großprojekt in Aussicht gestellt, doch dann entdeckte man in 49 Stichproben ein besonders hartnäckiges Gestein unter der Stadt: eine schwer zu durchbohrende Mischung aus Granit, Lehm, Schiefer und lockerem Gestein. Und plötzlich gab es ein neues Gesetz, das den Bau von nicht nur einer, sondern zwei getrennten Röhren für den Zugverkehr vorschrieb. Mehrkosten: 99,6 Millionen Euro. „Euro!“, wiederholt Grün und sagt, bis zu den Neuwahlen hätten sich seine Hoffnungen auf Margareta Wolf, Staatssekretärin im Umweltministerium und ehemalige Wahl-Hessin, konzentriert. Doch Margareta Wolf ist Mitglied der Bündnisgrünen, ob die Untertunnelung von Rüdesheim weiterhin zu ihrem Aufgabenbereich gehört, ist bis zu einer Regierungsbildung unsicher. „Wir sind hier nicht der Nabel der Welt, aber das muss endlich in Berlin geklärt werden“, sagt der Bürgermeister und zieht die Stirn kraus.

Bis es so weit ist, bleibt die Schranke am Bahnhof häufiger geschlossen als geöffnet, und Grün kämpft weiter gegen die zähe Masse, auf der Rüdesheim erbaut wurde. Es ist auch ein Kampf um die Zukunft.

Grün glaubt, dass Rüdesheim die Tagestouristen braucht. Aber lieber mag er die jungen Besucher, die sich Zeit nehmen, ein Hotel buchen, mit der „romantischen Gondelbahn gemütlich zum Niederwalddenkmal schaukeln“ und so den Mythos Rüdesheim langsam wiederbeleben. Wie der Bürgermeister, Jahrgang 1942, die jungen Menschen anlocken will? „Mit kulturellen Veranstaltungen“, sagt er zögernd. Was genau das bedeuten soll, das müsse erst noch erarbeitet werden. Veränderungen des Althergebrachten sieht Udo Grün skeptisch, aber er weiß genau, dass die letzte westdeutsche Nische sich öffnen muss oder für immer ein BRD-Erlebnispark bleibt. Dazu muss man wissen: Es war ein tiefer Einschnitt in der Stadtgeschichte, als vor einigen Jahren ein Gastwirt erstmals Bier ausschenkte, um es allen Gästen recht zu machen. Für Wellness und Nordic Walking sind sie hier zu stur, vielleicht, weil Bewegung so ungemütlich ist. In gewisser Weise könnte man in Rüdesheim das „Good bye Lenin“ des Westens drehen.

Dabei kann die Stadt nicht klagen über einen Mangel an Nachwuchs. Da wäre die 19-jährige Maresa Breuer (links im Bild), sie wird nächstes Jahr ihre Abiturprüfung bestehen und plant, danach in Heidelberg Tourismus zu studieren. Die junge Frau trägt einen Jeansrock und eine rechteckige Brille. „Ich gehe hier weg“, sagt sie. „Aber ich komme wieder.“ Maresa lebt schon immer in der Drosselgasse. Sie bewohnt ein Zimmer im Rüdesheimer Schloss, das streng genommen kein Schloss ist, sondern ein zum Hotel und Restaurant umgebauter Hof, der ihren Eltern gehört. Zu jeder vollen Stunde bimmelt ein gigantisches Glockenspiel an der mit Efeu bewachsenen Hauswand, aber Maresa hört das Klingklang nicht. Sie ist ohnehin nicht viel daheim: Als Weinkönigin Maresa I. macht sie ehrenamtlich Werbung für Rüdesheim und das Rheingau, tingelt über Weinfeste und Messen. „Meine Freundinnen haben gemeint: ,Du willst dich doch nicht etwa im Dirndl fotografieren lassen?‘ Aber ich hab’s getan.“

Wenn Maresa ihre Freundinnen im Nachbardorf besucht, gruselt sie sich auf dem Heimweg: „Da ist abends kein Mensch auf der Straße.“ Wer in der Drosselgasse, dem international anerkannten Symbol für rheinischen Frohsinn und dampfendes Beisammensein, aufgewachsen ist, dem müssen alle anderen Orte wie gekachelt erscheinen. Im Schloss bilden sie jeden Sommer eine neue Gemeinschaft, viele der Saisonkräfte kommen aus Ostdeutschland. Der 21-jährige Christian aus dem brandenburgischen Finsterwalde lacht ergeben über Maresas Witze: „Man kann ja nicht immer zu Hause sitzen, wenn es dort keine Arbeit gibt.“ Jetzt hat der Kellner Zwölf-Stunden-Schichten, wird laufend nach dem Weg gefragt und ist auf Trinkgeld angewiesen. Nach Finsterwalde will er nicht zurück.

Das Rüdesheimer Schloss ist das mit Abstand geschmackvollste Hotel der Stadt, hier werden prominente Besucher untergebracht, hier hat Bürgermeister Udo Grün gegen den chinesischen Außenminister ein diplomatisches Unentschieden im Tischtennis erzielt. Das Schloss ist Maresa Breuers Leben, jetzt schon. Und sie ist nicht allein: Die 21-jährige Cousine Theresa Breuer, Deutschlands jüngste Winzerin, studiert im benachbarten Geisenheim Weinwirtschaft und leitet seit dem Tod ihres Vaters das Weingut „Georg Breuer“.

Theresa sitzt mit ihren Freunden, dem Kellermeister Hermann Schmoranz (Foto links) und den Auszubildenden bei Riesling und Käse um einen Holztisch. Die Sonne wärmt, es sind nur noch wenige Tage bis zur Lese. Und der Kellermeister erzählt die Geschichte der benachbarten Abtei St. Hildegard: Eine der Schwestern habe bei einem Fernsehquiz 30000 Euro gewonnen und bei Ebay einen Bagger ersteigert. „Die Rüdesheimer“, sagt Theresa, „hören nicht auf andere. Uns gefallen nur die Ideen, die wir selbst haben.“ Einen Kran hat die Nonne auch gekauft.

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