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Als die spektakuläre Spirale des SolomonR.-Guggenheim-Museums 1959 in New York eingeweiht wurde, war Hilla von Rebay nicht dabei. Sie ist zur Eröffnung wohl nicht einmal mehr eingeladen worden. Dabei war sie es, die deutsche Künstlerin, die den Multimillionär Solomon Guggenheim einst für die abstrakte Kunst begeistert hatte, die seither mit dem Guggenheim-Museum verbunden wird. Sie war es auch, die mitten im Krieg 1943 den berühmten und als schwierig geltenden Architekten Frank Lloyd Wright für den Entwurf des Museums gewinnen konnte.

Hilla Rebay von Ehrenwiesen, die sich seit der Annahme der US-Staatsbürgerschaft 1947 schlicht Hilla Rebay nannte, musste sich schon Jahre vor der Einweihung der Spirale von dem nach seinem Stifter benannten Museum zurückziehen. Sie war zur Unperson geworden. Das weltberühmte Guggenheim-Museum an der Fifth Avenue mochte sich lange seiner heimlichen Mitgründerin nicht erinnern.

Hilla war ursprünglich Malerin. Ihre künstlerische Laufbahn überspannt mehr als fünf Jahrzehnte, von ihrem Auftritt beim Pariser Salon 1911 bis fast zu ihrem Tod 1967. Erst Hillas Neffe Roland von Rebay, der in Oberbayern lebt und einige ihrer frühen Werke besitzt, machte auf die Guggenheim-Gefährtin aufmerksam. Er nahm Kontakt zum Münchner Museum Villa Stuck auf. Es ging ihm eigentlich nur um eine Ausstellung von Hilla Rebays eigenen Arbeiten. Doch Jo-Anne Birnie Danzker, die rührige Direktorin der Villa Stuck, vertiefte sich mehr und mehr in die Lebensgeschichte Hillas, und so entstand die derzeitige Doppelausstellung „Art of Tomorrow. Hilla von Rebay und Solomon R. Guggenheim“, die im oberbayerischen Murnau Hillas frühe Arbeiten, in München die späteren und zudem die Entstehung der Guggenheim-Sammlung vorführt (bis 15. Januar, hervorragender Katalog 28,50 €) . Im New Yorker Stammhaus war die Ausstellung zuerst zu sehen – eine späte und längst überfällige Hommage.

Hilla von Rebay hatte früh schon Kunstschulen besucht. Vor dem Ersten Weltkrieg lebte sie in München, wenn sie nicht gerade auf Reisen war. So verpasste sie auch die bahnbrechende erste Ausstellung der Künstlergruppe „Blauer Reiter“ im Winter 1911, mit der insbesondere Wassily Kandinsky ins Rampenlicht trat – der Künstler, der später eine Hauptrolle in der von ihr angeregten Sammlung spielen sollte.

Doch bald kam sie in Kontakt mit der abstrakten, aus der Naturnachahmung hervorgegangenen Malerei. In Berlin stellte sie 1919 in der Avantgarde-Galerie „Der Sturm“ in der Potsdamer Straße ungegenständliche Collagen auf; „Der Sturm“ organisierte ihr danach eine Wanderausstellung. Sie lernte den Galeriemitarbeiter Rudolf Bauer kennen, der selbst Maler war – und ungegenständlich arbeitet, wie Kandinsky. Mit Bauer verband sie fortan eine langjährige Liebesbeziehung und lebenslange Freundschaft.

Erfolg hatte Hilla von Rebay mit ihren realistischen Porträts. Als sie 1927 in die USA reiste und in New York ihre erste Galerieausstellung hatte, kam sie mit Solomon Guggenheim in Kontakt – und malte sein lebensgroßes Bildnis in neusachlicher Manier. Noch während der Sitzungen begeisterte sie ihn für die neue, ungegenständliche Kunst. Über ihren Galeristen Bauer tätigte sie erste Ankäufe für Guggenheim – Kandinskys Bilder waren darunter, aber auch zahlreiche Werke von Bauer.

Rudolf Bauer wird seit langem schon als Kandinsky-Epigone abgetan. Die jetzt in München gezeigten Bilder lassen allerdings die Frage aufkommen, ob er tatsächlich immer nach oder nicht zuweilen doch vor Kandinsky zu vergleichbaren Ergebnissen kam. Der selbstbewusste Kandinsky war höchst verwundert, dass in den von Hilla von Rebay organisierten Ausstellungen stets Bauer am häufigsten vertreten war und nicht er selbst.

1936 wurde die stark angewachsene Guggenheim-Sammlung erstmals in einem Museum ausgestellt. Die Katalogeinführung stammte selbstverständlich von Hilla. Am 1. Juni 1939 war es schließlich so weit: Das Museum of Non-objective Painting an der 54. Straße wurde eröffnet – unweit des 1929 gegründeten Museum of Modern Art. Dessen Direktor Alfred H. Barr sammelte die europäische Moderne nach kunsthistorischen Maßstäben. Guggenheim hingegen sammelte die neuesten Tendenzen. Die Eröffnungsausstellung nannte Hilla programmatisch „Art of Tomorrow“.

Hillas Rivalin Peggy Guggenheim, Nichte von Solomon und Mäzenin der Surrealisten, zog 1942 mit ihrer Galerie „Art of This Century“ nach. Nun kämpfte Hilla für einen eigenen Museumsbau, für den der zunehmend kränkelnde Guggenheim das Grundstück am Central Park erwarb. Doch die Planung verzögerte sich. Im November 1949 starb Hillas Gönner – ohne eine dauerhafte Regelung für ihre Position im Museum zu hinterlassen.

Schon mit der komplizierten Beziehung zwischen Solomon Guggenheim und seiner Nichte Peggy war das Museum viele Jahre beschäftigt, ehe Peggys Sammlung der Guggenheim-Stiftung zugesellt werden konnte. Von ihr, der Miterbin mit den wechselnden Affären, hieß es boshaft, sie sammele Kunst und Künstler.

Auch Hillas Stellung als Kuratorin des „Museums ungegenständlicher Malerei“ wurde zunehmend prekär. Sie wurde bisweilen als herrisch beschrieben, und nach Guggenheims Tod wurde offenbar, dass sie sich im Laufe ihrer teils beneideten, teils beargwöhnten Ankaufstätigkeit manche Feinde geschaffen hatte. Ihr eilte der Ruf voraus, Guggenheims Geld in die Bilder ihres Freundes Bauer investiert und ihn damit protegiert zu haben. Und doch – ohne sie wären der weltberühmte Bau und die ebenso berühmte Sammlung nie entstanden.

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