Zeitung Heute : Nachrichten

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Olivier Vanbelle, 23,

Student

Erst wollte ich nicht auf die Sciences Po gehen. Aber mein Lehrer hat mir gesagt: Wenn es dir später mal gut gehen soll, wenn du mal einen Job finden willst, gibt es keine Alternative. Also habe ich die spießige Welt in der Provence verlassen. Dort wohnen heute noch meine Eltern. Meine Mutter ist Apothekerin, mein Vater ein mittlerer Beamter – das so genannte kleine Bürgertum. Ich weiß, von außen kann man leicht kritisieren. Es gibt ein Sprichwort in Frankreich: die Spinne in der Suppe. Sobald man mal gekostet hat, sobald man selber profitiert, passt man sich ja doch an. Und deine Freunde fragen dich: Wenn die Schule so schlecht wäre, warum bist du dann dort?

An der Sciences Po habe ich vor kurzem mit meinen Kommilitonen eine Partei gegründet, genauer gesagt, eine Organisation. Wir haben sie „Equita“ genannt, also „Fairness“. Das ist so ähnlich wie die Idee mit dem gerechten Handel. Und sollte eine Anspielung auf den Begriff „Egalité“ sein. Aber das mit der Gleichheit kannst du vergessen. Sieht man ja gerade, dass die in Frankreich nicht existiert. Das regt mich auf.

Eine Weile bin ich bei Attac gewesen, aber die sind mir zu ideologisch. Wir wollen eine Gruppe bilden, die für alle offen ist. Auch wenn ich uns eher dem linken Lager zuordne. Wir haben inzwischen 100 bis 200 Mitglieder, die sich regelmäßig treffen. So eine Art demokratisches Forum, da wird über politische Themen debattiert. Guck dir doch die traditionellen Parteien an, wie sie explodieren. Die Linke ist völlig zerstritten. Und ihnen allen fehlt eine Vision, wie es weitergehen soll. Ein Sozialismus der sich dem Markt unterwirft etwa? Nein, Danke.

Über die Dinge, die gerade in den Vororten geschehen, haben wir allerdings nicht geredet. Warum auch, da ist jede Diskussion sinnlos. Weil dahinter nichts Politisches steht. Hauptsache Sensation! Hauptsache Auffallen! Aber keiner weiß, worum es geht.

In meinem Kurs veranstaltete neulich ein Lehrer einen runden Tisch. Jeder Student sollte in drei Sätzen analysieren, worin er die Ursachen für die Krawalle sieht. In drei Sätzen erklären, was 30 Jahre lang gewachsen ist? Da kamen nur Klischees: Die Leute in den Vororten würden zu viel Rapmusik hören und die provoziere Gewalt. Oder der Imam in der Moschee predigt denen: Geht raus, Autos anzünden. Sie haben nur wiedergegeben, was sie aus dem Fernsehen kennen. Die absolute Unkenntnis.

Da sitzen sie, die Kinder der Elite, am Boulevard Saint Germain, dem schicksten Viertel von Paris. In ihren eleganten Klamotten, aber niemals würden sie einen Schritt in das Ghetto wagen. Ich war da, ich habe es mir angesehen. Aber nicht erst jetzt, seit den Unruhen. Ich verstehe das nicht, warum geht man nicht in die Vororte, redet mit den Jugendlichen. Warum versucht man nicht, sie zu verstehen? Aber das ist Sciences Po: Sprich über alles – in zehn Minuten. Sprich überzeugend von Dingen, von denen du keine Ahnung hast.

Ich bin froh, dass ich vorher auch woanders studiert habe. An einer richtigen Universität. Das hat mich im Kopf weitergebracht. Ich denke wenigstens nach. Bestimmt werde ich irgendwann ein eigenes Büro habe, das hässlich sein wird. Und darin wird ein hässlicher Computer stehen. Aber das ist mir egal.

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