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Yves Thréard, 45, Chefredaktion „Le Figaro“, lehrt Journalismus an der Sciences Po

Also zuerst muss man wissen, dass es in Frankreich aktuell eine große Debatte gibt: Tun die Medien zu viel, oder nicht genug? Schüren sie die Gewalt, verstärken sie sie, wenn im Fernsehen und auf Titelseiten darüber berichtet wird? Besonders das Fernsehen gerät ins Visier.

Ich glaube, die jungen Menschen in den Vororten, das sind Windhunde. Sie sehen das als eine Art Sport: Wer zündet die meisten Autos an? Sie wollen Helden sein. Und wenn sie abends im Fernsehen auftauchen, klopfen sie sich auf die Schenkel. Natürlich wird damit die Gewalt verstärkt. Aber die Zeitungen berichten, was passiert ist. Ich sehe das als unsere Pflicht an, Informationen zu liefern.

Es gab in unserer Redaktion keine Diskussion, wie man mit dem Thema umgehen sollte. Ich bin nicht Journalist geworden, um die Welt zu verändern. Unser Metier ist es, dorthin zu gehen, wo es brennt. Diese Gerüchte, angeblich hätte die Polizei die zwei Jungen zu Tode gehetzt. Nun hat man herausgefunden, dass das nicht stimmt. Die Rolle der Medien ist doch genau das, sie sollen aufklären. Das lehre ich auch die Studenten an der Sciences Po. Ich war schließlich 20 Jahre lang Reporter, ich glaube, das Terrain ganz gut zu kennen. Das sind Orte des Elends. Da ist sich wohl die ganze Welt einig. Auch meine Kinder würden niemals mit den Kindern aus diesen Betonstädten spielen.

In meinem Land herrscht momentan ein Gefühl der Verzweiflung und eine große Verunsicherung. Ich glaube, Nicolas Sarkozy spricht aus, was viele Menschen denken, auch wenn er seine Worte sehr ungeschickt wählt. Die jüngsten Umfragen zeigen, wir Franzosen wollen Ruhe und Stabilität. Man weiß, es geht nicht so weiter, andererseits gibt es diese Vorkomnisse alle drei Jahre. Es ist wie ein Hurrikan, wie „Katrina“. Er kommt, reißt alles nieder und man wartet ab, bis er verschwindet. Als sei man völlig wehrlos.

Es wird immer deutlicher: Der soziale Fahrstuhl funktioniert in Frankreich nicht mehr. Man bleibt in dem Milieu, in dem man geboren wird: Die Kinder eines Arbeiters werden nicht plötzlich Unternehmer. Wir haben noch immer eine sehr starke Klassengesellschaft. Aber wenn der Sohn eines Einwanderers behauptet, er würde im „Figaro“ nicht vorkommen, oder höchstens als Krimineller, dann hat er wirklich ein falsches Bild von der Zeitung. Wir alle, die Journalisten, ganz Frankreich muss jetzt ein Zeichen setzen. Ein Zeichen der Hoffnung für diese Menschen. Und es wird nicht reichen, neue Häuser zu bauen.

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