Zeitung Heute : Nachrichten

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Marie Plessz, 25, Lehrerin an der Sciences Po und Doktorandin der Soziologie

Mein Freund lebte in Clichy-sous- Bois, ich habe dort viele Wochenenden verbracht. Und ich hatte nie Probleme. Genauso wenig wie im Schwarzenviertel von Chicago. Aber vielleicht war ich naiv. Als ich die Bilder von den brennenden Autos sah, war ich geschockt. Das war doch die Post, wo ich Briefmarken gekauft habe.

Aber hier in Paris habe ich das Gefühl, als passierte um mich herum gar nichts. Das ist alles so weit weg wie der Tsunami. Ich weiß, was geschieht, weil ich Zeitung lese. Es ist skandalös und brutal, genau abends um acht, im Fernsehen. Aber den Bildern misstraue ich. Ich fühle mich hilflos. Ich glaube wir sind in Paris alle so ruhig, weil keiner weiß, wie man damit umgehen soll.

In Frankreich gibt es seit einiger Zeit fast einen Jugendrassismus. Man organisiert Solidaritätstage für die Alten, erinnert an die Hitzetoten vor zwei Jahren. Aber wer solidarisiert sich schon mit den jungen Arbeitslosen? Niemand. Die Politik ignoriert sie, die Wirtschaft auch. Wenn man sie auf dem Bildschirm sieht, dann nur als Kriminelle, als Gegner der Polizei.

Ich verstehe deren Wut, ein Wunder, dass es nicht schon früher explodiert ist. Sie finden keinen Job und wenn, dann sagt man ihnen: Ach, du bist Nordafrikaner, wohnst im Vorort, ganz schön gefährlich dort. Oder man verordnet ihnen eine Ausgangssperre. Die Gewalt ist auch eine Reaktion auf Innenminister Sarkozy. Der sagt, er wolle die Viertel mit einem „Hochdruckreiniger“ säubern. Und die Jugendlichen dort sehen keinen anderen Weg, sich zu äußern. Sie gehen nicht wählen, streiken oder demonstrieren. Sie verfassen keine Pamphlete, sie werfen eben Molotowcocktails. Mein Vater hat gesagt: „Ich finde es gut, dass die revoltieren. Weißt du, was der Unterschied zum Mai ’68 ist? Damals gingen Studenten aus bürgerlichen Milieus auf die Straße. Die waren integriert. Heute begehren die auf, die ausgeschlossen sind. “

Im Mai ’68 informierten die Radiosender stündlich, wo sich gerade die Ordnungskräfte befinden. Dahin marschierten dann die Studenten. Heute ist es umgekehrt, das Radio informiert, wo die Jugendlichen sind, dorthin geht die Polizei. Die jungen Leute aus den Vorstädten sind eine sehr heterogene Gruppe. Sie sind nicht organisiert. Da bilden sich keine Gemeinschaften. Sie haben nur einen gemeinsamen Nenner: das soziale Elend.

Als Lehrerin kann ich die Welt nicht ändern, aber ich versuche, meinen Schülern einen Sinn für Kritik zu vermitteln. Ich sage ihnen nicht, wählt rechts oder links, aber: Seid misstrauisch. Vor allem gegenüber den Politikern.

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