Zeitung Heute : Nachrichten

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Albert Aubry, 56,

Pförtner

Seit 26 Jahren arbeite ich hier. Sciences Po ist eine anständige Schule. Die jungen Leute kommen hierher, um zu lernen – und zwar nicht für die Revolution. So soll es auch sein.

Ich selbst habe sechs Geschwister, bin auch in einem Banlieue aufgewachsen. Seit meinem 14. Lebensjahr arbeite ich. Die Familie brauchte Geld. Ich habe mich mit allem Möglichen durchgeschlagen, Reparaturen, Hilfsarbeiten. Wenn ich Abitur gemacht hätte, wäre ich bestimmt etwas Höheres geworden. Vielleicht wäre ich auch an diese Schule gegangen. Als guter Bürger sollte man etwas gelernt haben. Man sollte einen guten Job und ein gutes Einkommen haben. Das habe ich. Ich bin zufrieden. Was gerade passiert, finde ich überhaupt nicht komisch. Im Gegenteil, es macht mich traurig. Zum Glück ist in meinem Vorort alles ruhig. Drücken wir die Daumen, dass es so bleibt.

Es kann schon sein, dass es die jungen Leute in den Ghettos schwer haben. Aber das ist doch kein Grund, Autos anzuzünden. Jeder hat eine Chance – das ist ein altes französisches Prinzip. Daran glaube ich. In der Republik ist die Schule für alle da – und es funktioniert. Andere schaffen es doch auch. Sciences Po hat zum Beispiel eine Regelung geschaffen, die es Studenten aus Problemvierteln erleichtert, zugelassen zu werden. Das ist fair.

Aber am Ende ist für mich alles eine Frage der Erziehung. Wenn ich damals nicht so hinterher gewesen wäre, bei meinem Sohn, wer weiß, was aus ihm geworden wäre. Er hat auch eine Zeit lang Drogen genommen, wie die Leute in den Vororten, wie alle in seinem Alter. Aber ich habe aufgepasst, habe abends in der Küche in seine Pupillen geschaut und bemerkt, wenn die kleiner wurden. Ich habe ihn immer beobachtet. Dann bin ich zu seinem Lehrer gegangen, wir haben uns zusammengesetzt und überlegt, was man tun kann. Ist das nicht die Aufgabe der Eltern, auf ihre Kinder zu achten, ihnen die Richtung zu weisen?

Meine Frau und ich haben ihm nie etwas durchgehen lassen, da waren wir uns immer einig. 33 Jahre sind wir jetzt verheiratet, da sehen Sie mal. Als unser Sohn nach der Schule arbeitslos war, durfte er nicht etwa entspannt ausschlafen und in den Tag hineinleben. Nein, er stand jeden Morgen mit uns auf, gemeinsames Frühstück und dann: Los, such dir einen Job. Nach sechs Monaten hat er auch einen gefunden. Erziehung, das ist doch keine Frage der finanziellen Mittel. Wenn ich frech wurde, dann habe ich von meiner Mutter ein paar Ohrfeigen bekommen – eine rechts, eine links. Früher haben uns die Lehrer an den Ohren gezogen, heute ist es in den Klassen genau umgekehrt. Und die Eltern lassen alles durchgehen. Kein Wunder, dass die Kinder ausrasten. Ich finde es gut, wenn ein Politiker wie Innenminister Sarkozy mal Klartext redet. Dafür gehe ich wählen. Das Wort „Abschaum“, das in den Medien so hochgespielt wurde, das bezieht sich doch nur auf diese Kriminellen. Die mit Drogen handeln und alles anzünden.

Aber ich hab mit alldem nicht mehr viel zu tun, gehe sowieso bald in Rente. Hier, in diesem traditionsreichen Haus, habe ich einiges erlebt. Neulich war Condoleezza Rice zu Besuch. Wir haben uns die Hand geschüttelt, wirklich! Oder damals, als ich Jacques Chirac begrüßt habe, da war er noch nicht Präsident. Chirac, der ist eine Persönlichkeit. Wenn auch nicht ganz so bedeutend wie Charles de Gaulle.

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