Zeitung Heute : Nachrichten

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Abdel-Aziz Lachiheb, 20,

Student

Ich mag es nicht, wenn man mich „Beur“ nennt. Ich bin in Frankreich geboren. Meine Eltern sind aus Tunesien, aber ich bin Franzose.

Als ich in Colombe auf ein Vorortgymnasium ging, hätte ich nie gedacht, dass ich je hierher komme. Das lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Aber Sciences Po hat beschlossen, eine gewisse Anzahl Schüler aus Problemvierteln zuzulassen. Also habe ich mich beworben, mit einem Dossier über die Strategie der Amerikaner im Mittleren Osten.

Es ist ganz schön stressig hier. Aber ich bin offen, rede mit allen. Auch wenn man mich mal komisch anschaut, ich nehme das niemandem übel. Wir haben bei uns im Vorort ein paar komische Angewohnheiten, sprechen manche Worte anders aus. Das ist peinlich, wenn man erkennt, woher ich komme. Aber einen Akzent habe ich nicht.

Im Moment wohne ich bei meinen Eltern, in ein paar Tagen fliege ich nach New York. Dort werde ich ein Jahr lang ein Praktikum beim Sender Al Dschasira absolvieren. Ich habe Freunde auf der ganzen Welt. Klar gibt es manchmal Missverständnisse, das ist ja bei euch zwischen Türken und Deutschen auch nicht anders. Aber es ist nicht gut, wenn jeder in seiner Ecke sitzen bleibt.

Meine Haut ist sehr hell und ich kleide mich ziemlich klasse, also kein Problem, in eine Pariser Disco zu kommen. Außerdem gibt es jetzt ein Gesetz. Wenn du abgewiesen wirst, weil du anders aussiehst, darfst du die Polizei rufen, die kommt auch. Na gut, man hat mich auch schon als „dreckiger Araber“ beschimpft. Sogar mal festgenommen, grundlos. Aber ich halte das nicht für Rassismus. Ich will auch nicht mitmachen bei diesem Spiel.

Die Jungs in den Vororten haben auch nichts verstanden. Sie sind doch Franzosen. Wenn ich die jetzt in der Métro sehe, die Baseballkeule in der Hand, sage ich denen: Macht keine Dummheiten. Geht demonstrieren, nicht zerschlagen! Aber ich verstehe die Leute auch, man arbeitet den ganzen Tag, falls man Arbeit hat. Und dann brauchst du drei Stunden, um aus Paris nach Hause zu fahren. Du bist nur fertig, hast keine Hoffnung. So will ich nicht leben.

Es geht doch nur darum, woher du kommst, ob du aus dem Banlieue stammst oder nicht. Ob du weiß oder schwarz bist, ist nicht so wichtig. Ich habe solche Unterschiede nie gemacht. Früher bin ich mit vielen Französinnen ausgegangen. Jetzt bin ich mit einer Algerierin liiert. Das ist Zufall. Wir haben uns an der Sciences Po getroffen. Sie ist Muslimin, ich auch. Ich praktiziere auch, bete jeden Tag. Na und? Das gehört doch in die Privatsphäre, Frankreich ist ein laizistisches Land, Religion spielt keine Rolle.

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