Zeitung Heute : Nachrichten

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Adrien le Doré, 26, Anwalt,

Sciences-Po-Absolvent

Meine Mutter war auf Sciences Po, für mich war klar, dass ich dort auch studiere. Ich stamme aus einem sehr bürgerlichen Pariser Elternhaus. Im Grunde war ich für diese Schule prädestiniert. Sie hat ja auch ein gewisses Prestige. Jetzt arbeite ich schon seit fünf Jahren in einer Anwaltskanzlei, in der Nähe der alten Oper. Ein sehr schickes Viertel. Aber um mal das Milieu zu wechseln, bin ich umgezogen, in eine populäre Gegend in der Nähe des Gare du Nord. Dort wohnen auch viele Schwarze. Aber ich habe keine Freunde unter den „Beurs“, den Einwandererkindern. Das hat sich bisher nicht ergeben. Einmal hatte ich eine sehr enge Beziehung zu einer Marokkanerin. Aber sie hatte so eine komische Meinung über den Islam. Das hat mir nicht gefallen, da habe ich die Sache beendet. Ich bin katholisch.

Mein Institut hat sich ziemlich verändert. Damals, als ich dort war, wurde überall debattiert. Es gab viel mehr politische Vereinigungen, linke, rechte, extreme, die hatten im Foyer ihre Tische aufgebaut und versuchten, die Studenten von etwas zu überzeugen. Das war zur Zeit der Regierung des Sozialisten Jospin. Der gegenüber war ich sehr feindlich eingestellt. Heute sind die Studenten viel weniger politisiert, sie gehen nur ihrer Karriere nach. Sciences Po ist eine Business School geworden. Dabei muss man sich doch auch anhören was die Gewerkschaften zu sagen haben oder die Unternehmer. Man muss doch diskutieren. Jedenfalls kenne ich das so von zu Hause.

Die Leute in den Vororten wissen gar nicht, was sie tun. Deren Revolte richtet sich doch gegen sie selbst, das ist doch schizophren. Die, die sie angreifen wollen, die Regierung, erreicht das gar nicht. Der macht das nichts aus. Doch erstaunen tut mich das alles gar nicht. Sie haben eben keine Bildung in den Banlieues.

Ganz ehrlich, ich würde nie in die Vororte gehen, das sind doch deprimierende Orte. Ich spaziere lieber in Montmartre. Mir ist klar, dass ich großes Glück habe im Leben. Aber ich schäme mich nicht dafür. Warum sollte ich. In zehn Jahren werde ich ein berühmter Anwalt sein und die hoffnungslosesten Fälle verteidigen. So wie Saddam Hussein, auch wenn das gefährlich ist: Zwei Anwälte wurden schon umgebracht. Und dann gehe ich in die Politik. Das macht sich gut. Ich bin jetzt schon in der Union der französischen Demokraten (UDF) aktiv, das sind die Liberalkonservativen. Eine Partei,das ist die Voraussetzung, wenn man weiterkommen will.

Ich denke, dass Politik etwas verändern kann. Aber manchmal kommt es mir vor, als sei ich der Einzige, der noch an etwas glaubt. Die meisten Leute meines Alters haben ihre Illusionen längst verloren.

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