Zeitung Heute : Nachrichten

-

Es gibt Themen, über die Marie Marcks nur äußerst ungern spricht. Am Telefon fragte sie: „Kennen Sie meine Arbeit? Ich meine: Nur damit wir nicht wieder darüber sprechen müssen, wie es als einzige Frau in einer Männerdomäne so ist.“ Klischees verbittet sie sich.

Ihr Haus, eine umgebaute Scheune im Heidelberger Stadtteil Handschuhsheim, liegt idyllisch am Rand einer schmalen Straße. Feuchter Asphalt spiegelt das Licht der Scheinwerfer am frühen Abend. Im Hof parkt ihr silberfarbener Honda, „mein Autochen“. Ob er mit dem roten Kleinwagen verwandt ist, der auf einem Blatt ihres neuen Karikaturenbands klar unterlegen zwischen Lastwagen und Jeep in einer Pfütze klemmt? Die Fahrer rufen: „Hey Oma! Gib’ deinen Führerschein zurück!“ Eigentlich ist das gar nicht so lustig. Wäre nicht die Zeichnung der Marie Marcks – das Mütterchen am Steuer, das nur aus gesträubtem Haar und angstgeweiteten Augen besteht.

Auf ein Klopfen an der Glastür zum Innenhof erscheint die Künstlerin hinter der Scheibe. Sie öffnet, schimpft auf den „Teufelstag“, der hinter ihr liegt, presst eine Druckvorlage in einen Briefumschlag, der sich ihrem Ansinnen hartnäckig widersetzt, und bittet, im ersten Stock Platz zu nehmen, neben ihren Karikaturen: „Ich hab’ Ihnen da was zurechtgelegt, da ist Atom, da ist Neonazismus, Gleichberechtigung, schauen Sie, was Sie brauchen können. Bis gleich, ich muss zur Post.“ Die atemlose Aufgabenjonglage zeugt von einer eindrucksvollen Fähigkeit, dem Chaos zu trotzen. Die Begrüßung wird sie nach ihrer Rückkehr nachholen.

Am großen Arbeitstisch in der Zimmermitte mit einer vielleicht sechs Quadratmeter großen Arbeitsplatte, die auf zwei x-förmigen Böcken ruht, hat schon ihre Mutter gesessen, Else Marcks-Penzig, Inhaberin einer privaten Kunstschule in Berlin-Wilmersdorf, Anfang des 20. Jahrhunderts. Ihr Vater, Dietrich Marcks, war Architekt. Von ihm stammt die wunderschöne Antwort auf die Frage seiner damals minderjährigen Tochter, warum er „einkich die Mami geheiratet“ hat: „Weißt du, sie war ein Rennpferd unter lauter Salatschnecken“, nachzulesen in der gezeichneten Autobiografie „Marie, es brennt“. Kein Wunder, dass der Mann zentrale Bedeutung in ihrem Leben einnimmt.

Geboren am 25. August 1922, zweite Tochter eines bildungsbürgerlichen Haushalts. Der Vater versorgte die Mädchen mit Literatur: „Die Nordwest-Passage“, „Die weißen Götter“, „Von Pol zu Pol“, „Die Meuterer von der Bounty“, dazu jede Menge Karl May. „Ich war natürlich derjenige, der den Bär erlegt hat“, sagt Marie Marcks, nachdem sie von der Post zurückgekehrt ist und die Füße auf eine Trittleiter neben ihrem Arbeitstisch legt („Wenn es Ihnen nichts ausmacht, dass meine Füße Sie so ansehen“). „Nesthäkchen, so was hätte ich nie gelesen. Und wenn wir Indianer gespielt haben, wollte keiner die Squaw sein. Wer will das schon? Die werden ja immer nur geraubt. Mir blieb gar nichts anderes übrig, als mich mit Männern zu identifizieren.“ Aber Jungs waren noch nie besonders souverän darin, Mädchen gleichberechtigt mitspielen zu lassen, im Leben schon gar nicht.

Die Szene, die sie im Gespräch als Erstes schildert: der Morgen des 30. Januar 1933. Ein Wendepunkt. Marie hopst auf dem Bett, als das Dienstmädchen der Familie, Gusse, das Kinderzimmer betritt. Sie sagt: „Hitler ist Reichskanzler.“ Die Mutter wirkt wie versteinert und herrscht ihre Tochter an: „Hör auf zu hopsen!" Marie hält inne. „Ist das schlimm?“ fragt das verunsicherte Kind. „Ja“, sagt die Mutter. Marie Marcks erlebt den Nationalsozialismus als Unheil, bevor sie die Gründe dafür verstehen kann. Sie sagt, dass dieses Erleben sie geprägt hat. Mehr als alles andere.

Die Eltern leben in stiller Opposition zum Hitler-Regime. Ihr Vater nimmt bald kein Blatt mehr vor den Mund, obwohl die Familie ahnt, dass auch ihr Telefon abgehört wird. Die Mutter unterrichtet entgegen den Anweisungen jüdische Schüler im Esszimmer, das sich am Vormittag in ein Atelier verwandelt. Marie Marcks erinnert sich an eine Szene, als der Vater beim Mittagstisch sagte: „Komm, Herr Hitler, sei unser Gast, und sieh, was du angerichtet hast.“ Einer seiner Sprüche.

„Mir ging das auf die Nerven, dieses Genörgel bei Tisch, und ich brüllte: Dann geh doch in den Widerstand! Er lächelte nur. Heute muss ich sagen: Ich weiß nicht, ob ich es getan hätte, in seiner Situation.“

Eines, sagt Marie Marcks, sei damals ganz klar für sie gewesen: „Ich wusste genau: Ich will keine Kinder haben.“ Sie lächelt, was sie seltener tut, als man bei einer Frau vermuten würde, die Männern mit Globen auf den Schultern Frauen an die Seite stellt, die sagen: „Roll doch das Ding, Blödmann!“ Vor drei Wochen ist ihr erster Urenkel zur Welt gekommen. Sie hat drei Söhne, zwei Töchter und acht Enkelkinder. Die Jüngste hat sie noch nicht gesehen. „Ich bin halt immer noch im Beruf.“ Marie Marcks ist 83 Jahre alt, was man ihr nicht anmerkt (und das ist wahr, obwohl dieser Satz weit häufiger geschrieben wird, als die Wirklichkeit erlaubt).

Ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Älterwerden hat sie in ihrem jüngsten Buch verarbeitet, der Titel: „Niemand welkt so schön wie du!“ Das Bild dazu zeigt einen Mann, der stolz über die Formvollendung seines eigenen Kompliments errötet, nachdem er es ins Gesicht einer Frau gesprochen hat, deren Physiognomie dem Marcks’schen Universum entspricht: lange Nase, dünnes Haar, abgekämpft der Zumutung begegnend, ein leckeres Abendessen für die Lieben zubereiten und anschließend mit Strapsen vom Schlafzimmerschrank springen zu müssen. Frauen aus der Mitte der Gesellschaft. Sie habe schon seit langem vorgehabt, dieses Buch zu machen, sagt sie, aber ihre Verlegerin, „die sich mit Anfang 50 nicht so alt fühlt“, sei nur langsam für die Idee zu begeistern gewesen. Für ihr Projekt hat sie „fröhlich Dichter missbraucht“, Busch, Eichendorff, Rilke, Verse persifliert aber „auch selbst Reime geschmiedet – zum ersten Mal übrigens“. Das Ergebnis sei weder ein Ratgeber noch eine Anleitung zum Jammern. Vielmehr wolle sie die „absurde Seite“ des Alterns schildern, mit viel Selbstironie und Empathie mit dem handelnden Personal. „Was glauben Sie, wie ich fluche, wenn ich wieder mal etwas nicht finde oder fallen lasse, weil ich ungeschickt bin. Aber man kann dem Ganzen auch eine komische Seite abgewinnen.“

Die Geschichten, die sie zeichnet, seien alle ihr selbst oder Freunden widerfahren. Zu einigen gibt es Fortsetzungen. Den Mann vom Supermarktregal, der sich unbeholfen an einer schmeichelhaften Bemerkung versucht, hat sie ein paar Wochen später in einer Apotheke wiedergetroffen, wo er sich über die Kukident-Produktpalette informierte. Als er sie sah, murmelte er: „Jaja, was wir in unserem Alter schon alles brauchen, was?“ Marie Marcks erwiderte: „Also: Ich weiß nicht, wie’s Ihnen geht, aber ich brauch das nicht.“ Touché. Immer wieder.

Sie will nicht auf ihre Arbeit zum Thema Gleichberechtigung reduziert werden, legt Wert auf die Feststellung, dass sie feministische Karikaturen in einer Zeit fertigte, als mit dem Begriff Feminismus kaum jemand etwas anzufangen wusste. Auch sie selbst nicht, sagt sie. Seit 1967 zeichnete sie regelmäßig für die „Süddeutsche Zeitung“, 25 Jahre lang. Dazu für „Die Zeit“, „Spiegel“, „Vorwärts“, „Brigitte“ und „Titanic“: „Ich hatte von Anfang an den Wunsch, nicht nur in Frauenfragen Karikaturistin zu sein.“

Als sie ihrem Vater zum ersten Mal von ihren beruflichen Plänen als politische Karikaturistin schreibt, antwortet er: „Informiere dich erst mal.“ Allerdings schreibt er auch: „Weder Onkel Gerhard noch ich verlangen je von unseren Kindern, dass sie die verblasene bürgerliche Existenz unserer Eltern noch einmal durchpausen. Also versucht euch nur – aber gewinnt das Rennen!“ Marie Marcks sagt, dass sie ihren Eltern unendlich viel verdankt. Auch die Einsicht, dass dagegen sein nicht ausreicht. Dass man etwas tun muss. „Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte ich einfach verhindern, dass so etwas wieder passiert. Das Frauenthema war da für mich gar nicht wichtig.“ Wenige Jahre, nachdem 50 Millionen Menschen ihr Leben verloren haben, beginnen die Blöcke mit der Aufrüstung. Marie Marcks malt Tauben, die Munition im Gefieder tragen, Wissenschaftler, die mit Bomben Babys stillen. Sie hat Angst. Und sie ist wütend. „Mit dem, was man bewegen möchte, Geld verdienen zu können, ist ein großes Glück“, sagt sie.

Dass sie in ihrem Kampf als Frau besonders schlechte Karten hat, wird ihr nicht erst in ihrem familiären Setting als Familienmutter bewusst, die für einen Haushalt mit fünf Kindern zuständig ist, dabei immer wieder alleinerziehend und von Geldsorgen geplagt. Sie ist kaum 18, als sie in ihrem Tagebuch notiert: „Ich wünschte, ich könnte mich für irgendwas begeistern, mich für was einsetzen. Hab ich ’ne Wut, dass ich Mädchen bin: Wir dürfen für die Krone der Schöpfung alles in Ordnung halten, kochen und mit inniger Liebe die nötige Entspannung schaffen – wir sind nur Mittel zum Zweck. Scheiße nochmal! Und ich weiß schon jetzt so genau, dass ich mich eines Tages verlieben werde, und nach zwei Jahren gehen mir die Augen auf, und dann ist es zu spät!“

Natürlich passiert es.

Als Marie Marcks zum ersten Mal Mutter wird, ist sie 21 Jahre alt. In Deutschland ist Krieg. Das zweite Kind kommt wenige Jahre später. Die Trennung vom Vater. Neue Liebe. Drei weitere Kinder, die sie anfangs monatelang und später vollständig allein aufzieht. Sie sagt, dass sie hofft, ihren Kindern eine gute Mutter gewesen zu sein, „wenn auch keine normale“. Obwohl ihr der Beruf immer sehr wichtig gewesen sei, „aber das Wichtigste, das waren meine Kinder, immer“. Sie lässt nicht von diesem Thema. Die Angst, versagt zu haben, scheint sie bis heute umzutreiben. Auch wenn Freunde ihren Kindern sagen, dass sie ihrer Mutter kaum genug für den lebendigen Haushalt danken können, den sie ihnen bietet. Wenn sie darauf hinweist, dass „Zuspruch von außen“, die „berufliche Bestätigung“ für Frauen genauso wichtig sei wie für Männer, klingt es, als müsse sie sich für dieses Bedürfnis noch immer rechtfertigen.

Im Beruf kassieren die männlichen Kollegen mehr für ihre Arbeit als sie. Als sie mehr Gehalt fordert, für alle, lautet die Antwort ihres Auftraggebers: „Da hatten wir schon den Mut, hier eine Frau zu beschäftigen, und jetzt kommen Sie uns mit so was.“ Sie sagt, es sei kein Zufall, dass sie in ihren frühen Arbeiten ihren Vornamen nach dem Initial mit einem Punkt abgekürzt habe. „Weil ich wusste: Wenn da Marie steht, dann zählt das nichts.“ Klar, dass sie heute nicht auf das Thema Weiblichkeit reduziert werden möchte.

Sie ordnet Papiere auf der Platte ihres Arbeitstischs, von dem sie sagt, dass die Kinder ihn schon lange haben wollen. Alle fünf. In ihrem Buch fallen die Enkel über die Großmutter her und rufen: Großmama, hast du was zu vererben? „Sie werden losen müssen“, sagt Marie Marcks.

Marie Marcks: „Niemand welkt so schön wie du! Freud und Leid für Fortgeschrittene.“ Antje Kunstmann Verlag 2005; 80 Seiten 12,90 Euro. Im selben Verlag erschienen: „Marie, es brennt!“; 200 Seiten, 24,90 Euro.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar