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Rainer Wemcken ist Deutschlands Märchenerzähler. Er hat Lisa Plenske erschaffen, Julia, Bianca, Sophie, die jungen, hübschen, meist blonden, ein bisschen faden Frauen aus dem Nachmittagsprogramm mit den stets guten und voll entflammten Herzen. Wemcken ist Produzent von Telenovelas, den Märchen des 21. Jahrhunderts, und was erst mal erstaunlich ist: Persönlich mag er gar keine Märchen. „Nicht einmal den Herrn der Ringe habe ich zu Ende gelesen“, sagt er. „Die Geschichte war mir zu phantastisch.“ Wemcken mag auch keine Kitschfilme und keine Schlager. Selbst mit Groschenromanen kennt er sich nicht aus, dabei müssten die doch für einen Telenovela-Produzenten zur Berufslektüre gehören. „Ich habe meine Mitarbeiter beauftragt, sich welche anzusehen“, sagt er.

Was liest er denn dann?

„Sachbücher“, sagt er, „gern zu Finanzthemen.“

Rainer Wemcken ist ein großer, sportlicher Mann mit grauen, kurzen Haaren. Er sitzt in einem schwarzen Ledersessel von Le Corbusier. Sein Büro liegt in Babelsberg, gleich gegenüber der Studios, in denen zwei seiner Telenovelas gedreht werden. Die Wände sind kahl. Nur ein gerahmtes Foto von John Belushi steht auf dem Boden, sein Lieblingsschauspieler. Falls Wemcken eine romantische Ader hat, und die müsste er eigentlich haben, denn keiner hat so viel Gefühl über dem deutschen Nachmittagsfernsehen ausgeschüttet wie er – man sieht es ihm nicht an.

Es war auch keine Herzensangelegenheit, sondern ein Auftrag, dass Rainer Wemcken die Telenovela nach Deutschland holte. Es begann mit einer E-Mail: Die Fremantle, Mutterfirma der Grundy UFA, bei der Wemcken angestellt ist, hatte für den Januar 2002 die Kollegen aus Australien, Neuseeland und Europa zur „Telenovela-Konferenz“ in Miami einbestellt. Wemcken konnte nicht hin. Seine Frau hatte Geburtstag. Seine Mitarbeiter brachten Mappen einer kolumbianischen Kollegin mit, in denen genau aufgeschlüsselt war, warum dort die Telenovela „Yo soy Betty la Fea“ seit Monaten das Nachmittagsprogramm dominiert. „Wir mussten nur einen deutschen Sender finden, der den Mut zum neuen Genre hatte“, sagt Wemcken. Eigentlich unterscheiden sich Telenovelas nicht groß von Daily Soaps, nur dass die Geschichte aus der Perspektive der Hauptdarstellerin erzählt wird und auf ein Happy End zuläuft. „Bianca“, die erste deutsche Telenovela, die das ZDF vergangenen Winter ins Programm nahm, hatte einen Marktanteil von über 20 Prozent. Sie brachte Nachmittagsgrößen wie den ARD-Talker Fliege um ihren Job, denn es passierte, was in solchen Fällen immer passiert: Alle wollten das Erfolgsformat haben. Wemckens Firma wuchs in anderthalb Jahren auf das Doppelte an. Er selbst verantwortet alle deutschen Telenovelas bis auf die ARD-Nachmittagsvariante „Sturm der Liebe“.

Auf seinem Schreibtisch stapeln sich die DVDs: die neuen Folgen von „Sophie“ und „Julia“. Er schaut sie sich mit einem Auge an, während er Verträge aufsetzt oder Geschäftsführersitzungen vorbereitet. Er will die Charaktere, die Handlungsstränge ungefähr kennen. Um die Feinheiten kümmern sich seine Mitarbeiter. Bei der Grundy UFA herrscht strikte Arbeitsteilung: Wemcken spricht von „industriell produzierter Fiktion“. Keine andere Firma schafft so viele Drehminuten pro Tag wie seine: 46. Im Grunde ist Wemcken Chef einer Märchenfabrik.

„Mein Job hat etwas von Mathematik“, sagt er. Damit meint er wohl auch die vielen Statistiken, die sie ihm jeden Morgen hinlegen. Marktpotenziale, Zuschauerpotenziale, Rationalisierungspotenziale. Auf die ersten Zahlen trifft er sogar schon im Fahrstuhl: die Quoten des Vortages, aufgehängt zur Einstimmung der Belegschaft. Rainer Wemcken zieht einen Ordner aus der Schublade, Aufschrift: „Day Time Slots 2005“. Das Herzstück aller Grundy-UFA-Kreativität: eine Tabelle, wer mit welchem Einkommen und Alter tagsüber wie viele Minuten fernsieht. „Wir bedienen exakt die Bedürfnisse der Zuschauer“, sagt er. In Abwandlung von „Malen nach Zahlen“ gilt bei der Grundy: Drehbuchschreiben nach Zahlen. Die Marktforschung ersetzt das Bauchgefühl. Selbst die Hauptdarstellerinnen werden passend zu den Zuschauererwartungen und Senderimages ausgewählt. „Beim ZDF verkörpern die Schauspielerinnen beispielsweise die Werteverbundenheit, die dem Sender wichtig ist“, erklärt Wemcken. Deshalb sind die Frauen so artig. Und wenn eine Telenovela mal nicht so gut läuft, werden Versuchspersonen zum Fernsehen einbestellt. Rainer Wemcken sitzt dann hinter einer verspiegelten Scheibe und hört den Debatten über die Vorzüge von Julia oder Bianca zu. „Hochinteressant“, sagt er.

Eigentlich kommt Wemcken vom anspruchsvollen Kino. Er war an der Münchner Filmhochschule, drehte mit Dominik Graf, Götz George und Armin Müller-Stahl. Was würde eigentlich der 25-jährige Wemcken vom 53-jährigen Wemcken denken inmitten seiner Unschuld-vom-Lande- Bande?

„Der wäre wohl ein bisschen erstaunt“, sagt Wemcken. „Damals wollte ich mit Filmen die Welt bewegen. Heute will ich die Menschen unterhalten.“

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