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Das kaputte Mofa, ein blauer Booster Spirit, steht in einem Keller in Clichy-sous-Bois. Es gehörte Bouna, dem toten Kind. Weil das Grab weit weg ist, in Mauretanien, ist der Keller mit dem Mofa eine Art Ersatzfriedhof. Ein Ort, an dem man die Anwesenheit des Toten auf besondere Weise zu spüren glaubt.

„Keiner fasst es an“, sagt Diokria, gerade 18 geworden. Niemand wird gegen seine gelispelten Worte verstoßen, auch wenn in Clichy-sous-Bois nichts normaler wäre als die Idee, ein Mofa zu klauen. Aber vielleicht gehört das auch bloß zu jenen voreiligen Schlüssen, die Polizisten gern ziehen und die das ganze Drama ausgelöst haben.

Am 27. Oktober jedenfalls, dem Tag, an dem Bouna stirbt, ist gar nichts geklaut worden. Bei der Polizei ist ein Anruf eingegangen: Jugendliche seien auf einer Baustelle eingebrochen. Ein paar Jungen sind nahe dem Abbruchgelände festgenommen worden, weitere Mitglieder der Clique werden noch gesucht, später wird es heißen: gejagt. Es ist 18 Uhr 12. „Kein Schaden auf der Baustelle“, tippt der Polizeibeamte Sebastien M. im Kommissariat in den Computer, als der Bildschirm schwarz wird. Stromausfall. Ein paar Hundert Meter weiter, in einem Transformatorenhäuschen, bildet sich in diesem Moment zwischen Bouna, 15, und seinem Freund Zied, 17, ein elektrischer Lichtbogen. Die Füße der Jungen heben durch die Spannung von 20 000 Volt vom Boden ab. Bouna und Zied sind tot; Muhettin, der sich mit ihnen versteckt hat, überlebt, schwer verbrannt.

Die 20 000 Volt entladen sich in den folgenden Tagen in den Vorstädten. „Les émeutes“, die Aufstände, scheinen für knapp drei Wochen den Staat in Frage zu stellen. Nacht für Nacht brennen Autos, öffentliche Gebäude, Geschäfte. Erst das Notstandsrecht stellt wieder Normalität her. Normalität in Clichy-sous-Bois, das hat nichts Beruhigendes.

Wer waren Bouna und Zied, deren Tod die große Wut entfacht hat? Bouna Traoré, Franzose mauretanischer Abstammung, ein gut aussehender schwarzer Junge, diamantener Ohrstecker links, ein wenig schmal, er war so schnell gewachsen im letzten Sommer. Zied Benna dagegen, Tunesier, aufgewachsen auf Djerba, erst seit vier Jahren in Clichy-sous-Bois, war kräftig, sehr sogar. Sein Spitzname war „lance-pierre“, Steinewerfer, angeblich konnte er eine Kastanie bis in den 16. Stock schleudern; in der Schule war er der Beste im Geländelauf, in der Clique der Beste in „Pro Evolution Soccer 5“ auf der Playstation. Das Gericht führte keine Akte über Bouna, Zied war einmal wegen eines Fahrraddiebstahls aufgefallen.

Auf den Fotos in Gedenk-Weblogs gucken die beiden ernst in die Kamera, skeptisch, als wüssten sie nicht, was sie von ihrem Betrachter zu erwarten hätten. Ihre Freunde sagen, sie seien lustig gewesen, vor allem Bouna, der Jüngere. Auf den Fotos sieht man: Sie haben schon den Blick der Großen und sind doch erst auf dem Sprung ins Erwachsenenalter. Zu jung, um zu verstehen, dass es gut wäre, in der Schule aufzupassen. Zu alt, um noch Träume von einer Zukunft als Fußballprofi zu haben. Schon lange alt genug, um bei Polizeikontrollen schikaniert zu werden. Wie lebten Bouna und Zied?

Cité heißt „Siedlung“, ein Ort, der nach eigenen Regeln funktioniert. Eine Regel ist die: Polizisten wagen sich nur bis zur Haustür. Die Cité La Pama sieht aus, als wäre ein altersschwaches Hochhaus der Länge nach hingefallen. Vier Stockwerke, zwölf Eingänge. In La Pama wollte sich kein Architekt selbstverwirklichen, es gibt keine einzige exzentrische Form, bloß aneinander gereihte Fenster und Türen. Manche Fenster sind durch Plastikplanen ersetzt. La Pama ist eine der besseren Cités der Stadt.

Eingang 8. Im vierten Stock wohnen die Traorés in einer Vierzimmerwohnung. Der Vater, ein mauretanischer Einwanderer, arbeitet bei der Müllabfuhr in Paris. Er hat zwei Frauen und so viele Kinder, dass keiner in der Cité genau weiß, wie viele es wirklich sind. Zehn, elf? Man gibt hier nicht gern Auskunft über die Anzahl der Familienmitglieder. Vielleicht, weil manche Leute die in der Banlieue nicht seltene Polygamie als Ursache der sozialen Probleme ansehen. Für das Establishment ist das eine angenehme Erklärung. Stimmt sie, ist der Banlieue-Mensch selbst schuld an seiner Misere. Bounas Bruder Siyakah, der Älteste, 24, sagt, dass die Sache mit den zwei Frauen falsch ist, „Sie stellen zu viele Fragen!“

Diokria, dessen Eltern aus Mali stammen und der eine Etage unter den Traorés wohnt, erzählt, dass Bouna zu Mutter 1 „Maman“ sagte, zu Mutter 2 „Tanti“, ein Kosewort für „Tante“. Genauso nennt Diokria seine beiden Mütter, und wenn einer von ihnen vom Hof aus nach „Tanti“ rief, gingen oben zwei Fenster auf.

Es ist nicht einfach herauszufinden, was stimmt und was nicht. Es wird viel geredet in der Cité. Bis um Mitternacht stehen sie vor dem Haus und erzählen von den Ereignissen des Tages, sagt Diok’: Wen sie getroffen, was sie geklaut haben, wen die Polizei kontrolliert hat. Die Kulisse der Geschichten: „La Pama“, wo Bouna wohnte, „Le Chêne Pointu“, die Cité mit dem übelsten Ruf, wo Zied lebte, das Einkaufszentrum, wo es Jacketts für fünf Euro gibt, die Schule, der Bolzplatz. Das war ihr Radius.

Diok’, schwarze Haut, schwarze Kleidung von Kopf bis Fuß, trägt stolz ein Kapuzenshirt mit der Aufschrift „Mort pour rien“, gestorben für nichts, auf den Ärmeln die Namen der Toten. „Bouna war mein heimlicher kleiner Bruder“, sagt Diok’, sie seien jeden Tag zusammen gewesen, quasi seit Bounas Geburt am 4. September 1990. Bouna habe La Pama geliebt, sagt Diok’, „er sagte immer: Das ist meine Familie“. Das Leben hier ist alles andere als anonym.

Wenn Diok’ an Bouna denkt, hat er einen Jungen auf einem Fahrrad vor Augen, das Vorderrad in der Luft, grinsend. Bouna beherrschte die Künste der Straße: Fahrradfahren, Mofafahren, Fußball. Damit war er ein kleiner König in seiner Banlieue.

Bouna war Spielmacher, Trikotnummer zehn, „ein guter Techniker“, sagt Mamady, Bounas Trainer beim FC Livry-Gargan. „Es machte ihm Spaß“, manchmal zu viel, er mochte den Ball nicht abgeben. Er war talentiert, aber faul, versäumte mal das Montags-, mal das Mittwochstraining und saß samstags beim Turnier zur Strafe auf der Reservebank. Ende 2004 ist Bouna aus dem Verein ausgetreten; er hätte in der nun anstehenden Altersklasse kaum Chancen gehabt, bei Turnieren aufgestellt zu werden. Nun spielte er bloß noch auf dem Bolzplatz neben dem Stadion.

Der letzte Tag seines Lebens. Es sind Herbstferien, Bouna schläft lange in seinem Etagenbett in dem Kinderzimmer mit den blau gestrichenen Wänden, unter den Augen von Ronaldinho, der als Poster an seiner Wand hängt. Bouna duscht, bügelt seine Jogginghose, zieht die weiß-blauen Nike Shox an, geht zum Chêne Pointu, wo er seine Clique trifft. Es ist Ramadan, pünktlich um sechs, zum Fastenbrechen, müssen alle zu Hause sein. Bouna schlägt vor, man könne sich die Zeit bis dahin auf dem Bolzplatz vertreiben. Bis um kurz nach fünf kicken die Jungs. Auf dem Heimweg kommen sie an der Baustelle vorbei.

Was genau dort und in der folgenden Stunde auf dem Weg zum Trafohäuschen passiert ist, versucht der Staatsanwalt noch immer zu klären. Muhettin, seit ein paar Tagen aus dem Krankenhaus entlassen, sagt, auf einmal sei die Polizei da gewesen, ein Zivilbeamter sei mit einer Gummigeschosswaffe im Anschlag hinter ihnen hergerannt. Bouna habe gerufen: „Lauf! Lauf!“

Warum die Jungen weggerannt sind, wenn sie nichts Verbotenes getan haben, wie Muhettin behauptet, bleibt ein Rätsel. Vielleicht muss die Erklärung genügen, dass Jugendliche in der Banlieue eben vor der Polizei weglaufen, aus Prinzip. Xavier Cabrera, Bounas Spanischlehrer, hat dazu seine eigene Theorie: Zied und Muhettin, das wurde in all den Artikeln in der französischen Presse nie erwähnt, hatten keine Papiere. Sie wären als Minderjährige nicht ausgewiesen worden, sagt Cabrera. Aber ob man sich vorstellen könne, in welchem Bewusstsein ein Junge ohne Papiere aufwachse? Muhettin hat ausgesagt, Zied habe im Trafohäuschen, als von draußen die Polizistenstimmen zu hören waren, geflüstert: „Wenn die mich erwischen, schickt mein Vater mich zurück in die Pampa.“

Cabrera erzählt von einem Vorfall vor ein paar Monaten. Einem Kollegen war die Jacke geklaut worden, darin alle seine Papiere. Als der Lehrer drohte, die ganze Klasse zu bestrafen, gab ein Mädchen den Diebstahl zu. Die Direktorin befragte das Mädchen und merkte schnell, dass es log. In Wirklichkeit, stellte sich heraus, war Zied der Täter. Die Mitschüler wollten ihm, dem Illegalen, Probleme ersparen.

Das Collège Robert Doisneau: Eine weiße Kuppel mit abgespreizten Armen auf einer hügeligen Wiese. Es sieht aus, als wäre ein Raumschiff auf einer Modelleisenbahnplatte gelandet. Eine Kamera überwacht das verschlossene Eingangstor, das, ferngesteuert, für jeden Zuspätkommer mit einem Summen geöffnet wird. Bouna hat den Summer oft gehört, er schaffte es regelmäßig nicht zur ersten Stunde. Zied hatte seit dem Ende der Ferien keine Stunde versäumt. Er musste noch dieses Schuljahr absolvieren, dann hätte er die französische Staatsbürgerschaft beantragen können, auch wenn er den Collège-Abschluss am Ende des Jahres wohl nicht geschafft hätte, Bouna auch nicht, wie die Hälfte des Jahrgangs.

Es habe ein wenig gedauert, bis sie bemerkt hatte, dass Zied kaum lesen konnte, sagt Félia Combres, die Klassenlehrerin. Ein schüchterner Junge. Er sei bei seinen Großeltern auf Djerba groß geworden, der Vater, wie Bounas Vater bei der Müllabfuhr, habe ihn nach Frankreich geholt. Für den Jungen sei es ein psychischer Schock gewesen, doch dann habe er seine Gang gefunden. Sympathische Kerle, sagt Madame Combres, auch wenn sie nichts für die Schule tun, manche können ja gar nicht. Es gibt Lehrer, die es für ungerecht halten, Hausaufgaben aufzugeben, schließlich haben manche der Schüler zu Hause in ihren Großfamilien nicht mal genug Platz, ein Heft aufzuschlagen.

Vor den Herbstferien hatte Madame Combres Bounas Vater einbestellt, weil die Leistungen des Jungen immer schwächer wurden. Ein Gespräch zu dritt. Bouna schaute zur Decke, wartete, dass es vorbeiging. Wenn Bouna störte und wusste, gleich würde sie ihn zur Strafe von der letzten in die erste Reihe setzen, dann meldete er sich, höflich: „Madame, soll ich mich nach vorn setzen?“ Sie sagte: „Ja.“ Er: „Mach’ ich aber nicht.“ Madame Combres erzählt die Anekdote mit sanfter Stimme und einem kleinen Lachen.

Es war unmöglich, diesen Jungen nicht zu mögen. Er war schlagfertig, das faszinierte auch die Mädchen. Bouna sonnte sich in seiner Beliebtheit. Sein großer Bruder Siyakah zog ihn damit auf, dass er sich gern im Spiegel betrachtete. Bouna hatte eine Freundin, aber er redete nicht viel von ihr; es wäre ihm peinlich gewesen, glaubt Diok’, in der Banlieue sind die Welten der Mädchen und die der Jungen voneinander getrennt.

Ein Nachmittag im Dezember. Es ist kalt, vier Grad, Mohammed, Karim und Brahim hängen auf der Modelleisenbahnwiese vor dem Collège herum. Mohammed und Karim teilen sich ein Paar Lederhandschuhe, jeder hat eine warme und eine kalte Hand. Karim trägt eine rosa Plastiktüte mit sich herum, darin eine beige Redskin-Jacke, die er für 300 Euro anbietet. Mohammed, Karim und Brahim waren am Nachmittag des 27. Oktober mit Bouna, Zied und Muhettin auf dem Bolzplatz. Als die Polizei kam, als Bouna, Zied und Muhettin zum Trafohäuschen liefen, entschieden sie sich für eine andere Richtung.

Nie hätte Zied von hier weggehen wollen, sagt Mohammed, Bouna schon gar nicht, er war ja nie anderswo, auch nicht in Mauretanien. Wenn sie rauskamen aus Clichy-sous-Bois, dann nach Livry-Gargan, da gingen sie zu McDonald’s. Zweimal waren sie alle zusammen in Paris, auf dem Flohmarkt in Clignancourt und die Champs Elysées angucken, man fährt eine Stunde dorthin mit dem Bus und dem RER.

Welche Pläne hatten Bouna und Zied für die Zukunft? Mohammed sagt, er, Zied und Karim wollten sich zu dritt ein Motorrad kaufen. Zied lieferte Pizzas aus, um für den Führerschein zu sparen. Was die beiden nach der Schule machen wollten? Da müssen die Drei lange nachdenken. Ach ja, Zied sprach mal von einer Klempnerlehre, Bouna wollte am Flughafen arbeiten. Aber über solche Dinge hätten sie nicht wirklich geredet. Vielleicht waren das auch keine realistischen Träume.

Der Ernst des Lebens: In Clichy-sous-Bois heißt das nicht, dass man irgendwann arbeiten gehen muss, sondern dass man nicht arbeiten, höchstens jobben kann. Es heißt, dass man aus Mangel an anderen Beschäftigungen mit ein paar anderen ins verfeindete Montfermeil fährt, um die Jungs dort zu fragen, ob sie ein Problem haben. Diok’ glaubt, Bouna hätte noch ein, zwei Jahre vor sich gehabt, bis es so weit gewesen wäre, die Großen sagten schon: „Bald seid ihr dran.“

In der Nacht nach Bounas Tod ist Diok’ losgezogen, sie waren 400, 500, „wir haben uns bemerkbar gemacht“, sagt er. „Hätten wir keine Autos angezündet, hätte niemand gewusst, dass Bouna gestorben ist.“ Für Diok’ war es eine Sache der Solidarität. Fraternité, die dritte und häufig vergessene der republikanischen Maximen, wird in Clichy-sous-Bois auf ihre eigene Art interpretiert.

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