Zeitung Heute : Nachrichten

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Die Liebe, schrieb Paulus im 13. Brief an die Korinther, die Liebe ertrage alles, glaube alles, hoffe alles. Mag sein. In Slab City jedenfalls wächst sie zwischen Schrott, Unrat und dürren Büschen, an einem Ort ohne Häuser und Gehsteige, ohne Strom und Kanalisation, an dem das Wasser mit dem Tankwagen kommt und die Menschen inmitten von Gerümpel herumsitzen, die notdürftige Beleuchtung nachts gefüttert von ratternden Dieselgeneratoren. Und hier schert sich die Liebe auch nicht um die Cluster Bombs, die in der Nähe abgeworfen werden und, so sie nicht detonieren, herumliegen als tödliche Blindgänger.

Er sei, sagt Wayne und greift sich ins verstaubte Haar, wie jeden Morgen auf dem Weg in die Stadt gewesen, um eine Flasche Whiskey zu besorgen, da habe er Linda das erste Mal gesehen. Sie habe versucht, in den Trailer einzubrechen, aus dem er gerade ausgezogen war. Er stellte sie zur Rede. „Ich will gefragt werden“, krächzte Wayne mit hochrotem Kopf, Furchen im Gesicht wie ein menschlicher Atlas, „wenn es um mein Eigentum geht.“ Linda, blond, vollbusig, versprach, die Sache später zu bereinigen. Er spürte, wie seine Knie weich wurden, im Bauch ein Loch wie ein Eimer. Er hatte sich verliebt.

Wayne Smith und Linda Brown. Er 57, Sozialhilfeempfänger, Vietnamveteran, verurteilt wegen Totschlags, als er noch jung war und Zähne hatte. Ein Leben wie eine vermurkste mathematische Gleichung. Sie 20, ohne Schulabschluss, ohne Arbeit; wo ihre Familie ist, will sie nicht wissen. Gleich wird das Paar getraut werden vor einem bunten Hügel, drei Stockwerke hoch, der von weitem aussieht wie von einem betrunkenen Zuckerbäcker modelliert. Als hätte er einen Klumpen Teig zu einem Haufen geknetet, ihn dekoriert mit Kaskaden, Herzen und Blumen und anschließend glasiert.

GOD IS LOVE steht in gewaltigen Lettern an einer Flanke des Hügels. Ein gelber Pfad führt in Serpentinen zum Holzkreuz auf dem Gipfel. Man denkt an „The Wizard of Oz“, das Märchen mit der Yellowbrick Road, die einer Parabel gleich den Weg weist und doch nirgendwo hinführt. Wayne und Linda stehen an der Stelle, wo der gelbe Pfad beginnt. Das Cordjackett des Bräutigams ist abgewetzt, die Braut trägt ein geliehenes Kleid, das vergilbt ist, darunter Turnschuhe. Der Ehering ist vom Flohmarkt. Ein älterer Mann mit grauem Pferdeschwanz murmelt: „Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau.“ Etwa 30 Schaulustige applaudieren.

Die kuriose Geschichte von Wayne und Linda ist eine von vielen hier, vier Meilen hinter dem Ort Niland, Imperial County, kurz vor der mexikanischen Grenze. 2000 Menschen leben an diesem Platz auf öffentlichem Land, mit dem der Bundesstaat Kalifornien nichts anzufangen weiß. Sie kommen, um mietfrei dem Winter im Nordwesten Amerikas zu entgehen oder weil sie mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind, nach Haftstrafen eine erste Anlaufstation suchen. Doch die meisten sind Außenseiter, Spinner, Kranke und Obdachlose, deren Zahl in den USA beständig steigt, seit die Wirtschaft schwächelt. Es sind Menschen, die keinen Platz mehr finden in der Wohlstandswelt, unbrauchbar sind im Kreislauf von Leistungsgesellschaft und Konsumwahn.

Die Senke vorne links, gleich wenn man reinkommt nach Slab City, nennen sie Poverty Flats. Armutsniederungen. Davor eine Baracke mit der Aufschrift Christian Center. Gottesdienst sonntags um zehn. Und dann sieht man sie stehen in der gleißenden Sonne: Wohnmobile aller Art, verstreut wie Strandgut in einem Ozean aus Schotter und Sand, verrostete Omnibusse, Verschläge. Sperrholz und Felsbrocken als Zäune, Plastikplanen als Sonnenschutz. Davor Badewannen mit Brokkoli und Tomaten. Die Slabs, wie sie es nennen, waren mal ein Exerzierplatz für General Pattons Panzergrenadiere. Gebaut während des Zweiten Weltkriegs, um Truppen auszubilden gegen Rommels Afrikakorps. Heute betreibt die US Air Force zwei Stützpunkte nicht weit entfernt; das trockene Klima schont die Flugzeuge, das spärlich bewohnte Gebiet eignet sich für Bombentests.

„Apocalypse Now“, titelte das „Los Angeles Magazine“ in einem Bericht über Slab City. „Als hätte man Babylon gesehen“, meinte „The Economist“. Von den Medien wird Slab City aber auch gerne verklärt als letzter freier Platz Amerikas. Romantische Anarchie. Der Geist Kerouacs, gelebt von schrillen Figuren wie Leonard Knight, dem ausgezehrten, fahlen Mann, der den Hügel bearbeitet hat in 20 Jahren Flickschusterei, der Lehm, Stroh und Wasser vermanschte und alles bemalte mit 500 000 Litern Lack. Leonard sagt: „Ich bin mit einem Fuß in der Welt und mit einem im Himmel.“ Da sind Rusty, der hier eine neunköpfige Militia exerzieren ließ und Schießübungen veranstaltet; Pops, der angebliche Millionär, der hier lebt aus Protest gegen die Bourgeoise des Landes. Und all die anderen. Rentner, Aussteiger, Althippies und Schnorrer. „Aber deswegen“, mault Wayne, „sind wir noch lange keine Freakshow, wie die Journalisten schreiben.“

Doch. Slab City ist eine Freakshow. Aber auch stellvertretend für die Schattenseite Amerikas. Einem Landmit 292 Millionen Einwohnern, in dem fast 35 Millionen unter der Armutsgrenze leben, darunter zwölf Millionen Kinder; jenem Amerika, in dem 44 Millionen keine Krankenversicherung haben, jährlich über 1,5 Millionen Privatleute Konkurs anmelden und seit George W. Bushs Amtsantritt 2,5 Millionen Fabrikarbeiter ihre Arbeit verloren haben trotz des Wirtschaftsbooms in den 90er Jahren. „Man kann darauf wetten“, sagte Bush einmal, „dass wer hart arbeitet und die richtigen Entscheidungen trifft, in Amerika erreichen kann, was er will.“ Blödsinn, sagt der demokratische Präsidentschaftskandidat von 2004, Howard Dean: „Armut ist überall in Amerika; ihr Gesicht ist ländlich und städtisch, schwarz, weiß, hispanisch, männlich, weiblich, jung und alt.“

Jeden Abend um sechs zieht sich Linda Barnett in ihren Wohnwagen zurück, der kaum größer ist als das Bett in ihm, greift zum Mikrofon und geht auf Sendung. Erkennungsname CB Sidecar, Kanal 23, Nachrichten und Tauschbörse. Die Stimme von Slab City. Ein Generator ist zu verkaufen, guter Motor, 13,5 PS, 250 Dollar. Nächsten Samstag Bingo in Niland. Ein Hobbyfunker namens Weasel sucht Mitspieler für Trivial Pursuit. „Manchmal quatsche ich eine Stunde ohne zu merken, wie die Zeit vergeht.“ Und dann krümmt sie sich wieder vor Schmerz, weil sie sich kaum bewegen kann zwischen Gaskocher und den Regalen voller Konserven. Die gelernte Krankenschwester ist 53, erwerbsunfähig wegen mehrerer Bandscheibenvorfälle.

Linda mag es, wenn man sie Bürgermeisterin von Slab City nennt. Sie gibt einen Rundbrief heraus mit Veranstaltungen, verteilt das Fernsehprogramm. Der Lageplan von Slab City, mit krummen Strichen gekritzelt, ist auch von Linda. Die Straßen darauf heißen Tank Road oder Low Road, die Rechtecke dazwischen sind nummeriert. Leonards Hügel firmiert unter Salvation Mountain und ist vermerkt in Sektor drei. Den Club Oasis, eine Gruppe älterer, männlicher Singles findet man in Sektor acht; einen Frisör in Sektor drei; die Looney Birds, Kanadier allesamt, campieren auf 22 Südost, bei den Sümpfen, neben dem von Düngemitteln verseuchten Kanal. Alle elf Bäume hat Linda eingezeichnet und ein paar verrottete Panzer dazu. In Sektor vier befindet sich The Range, eine Bühne zwischen zwei alten Bussen.

The Range ist das Zentrum von Slab City und wurde gebaut von Bill Ammons. Builder Bill, wie sie ihn nennen, schweißt und montiert und fummelt alles zusammen, was andere wegwerfen. Komischer Kauz. Groß, blonde Mähne, Schnurrbart. Die klobige Brille hängt über der dicken Nase, als gehörte sie dort nicht hin. Er kam vor acht Jahren, zuvor lebte er in San Diego in seinem Auto. „Die haben eine schicke Uferpromenade, da will man Leute wie mich am Sonntag nicht sehen.“ Die Polizei jagte ihn aus der Stadt. Irgendwann hatte er die Idee für The Range. „Ich habe einfach angefangen, keiner hat mich aufgehalten oder belehrt, ich war frei, schon komisch in unserer reglementierten Welt.“

Es ist nicht so, als könnte Builder Bill auf große Erfolge zurückblicken in seinem Leben. Krumme Jobs und eine „schiefe Ehe“, wie er es formuliert. „Ich werde nie in die konventionelle Gussform einer Existenz passen, mit Frau, Kindern, einem Hund und einem Haus, das ich nie abbezahlen kann.“ Nun lebt er von Sozialhilfe und der Gewissheit, Slab City „einen Platz gegeben zu haben, an dem sich Menschen treffen können“. Immer wieder tauchen Hobbymusiker auf, jeden Samstag gibt es eine Jamsession. Dann sitzen die Slabbers in Sitzen aus Flugzeugen und Bussen, aus denen die Polsterung quillt, trinken Bier und grölen: „There is a House in New Orleans, they call it Rising Sun …“, während sie untergeht, die Sonne über Kalifornien, glutrot und dramatisch.

Über den Highway 111, immer Richtung Südosten. Durch Palm Springs, diese Oase in der Wüste mit Palmenhainen und azurblau gefliesten Swimmingpools. Doch danach kommen bloß noch verstaubte Kleinstädte, denen nur Neonreklamen Farbe verleihen. Am Salton Sea passiert man Campingplätze, die klangvolle Namen tragen wie Fountain of Youth oder Bombay Beach. Zuflucht für mittellose Rentner. Dunst über der Landschaft, verfaulte Strohballen in den Feldern, umgefallene Zäune. Irgendwann Niland, 1042 Einwohner. Das einzige Kaufhaus ist ein 99-Cent-Store, das einzige Restaurant wird von Chinesen geführt, das einzige Motel von Mexikanern. An der einzigen Tankstelle arbeitet ein zahnloser Mann, den sie eingebuchtet haben, weil er illegale Flüchtlinge über die Grenze schmuggelte.

Keine Bastion des Wohlstands, dieses Niland. Doch über Slab City reden sie nicht gerne. Bob Darough, ein Rentner, der in Alaska mit einem Restaurant Pleite ging, sagt: „Sie sind da, aber haben will sie keiner.“ Und doch brauchen sie die Slabbers. Hunderte von Sozialhilfe- und Rentenschecks kommen an im Postamt von Niland, CA 92257. Das Geld hält die wenigen verbliebenen Shops am Leben. Niland hat nach Budgetkürzungen des hoch verschuldeten Bundesstaates Kalifornien eine freiwillige Sonderabgabe beschlossen, um Schule und Feuerwehrhaus nicht schließen zu müssen. Und auch wenn die Bewohner auf die Slabbers herabschauen, letztlich unterscheidet sich ihr Leben oft nur durch Toilette, Satellitenschüssel und Blumen im Vorgarten.

„Der Patient“, sagt Michael Alecksick und meint die Stadt, „liegt auf der Intensivstation, und da kommt er nicht mehr raus.“ Alecksick ist Feuerwehrchef von Niland. Doch wenn es brennt, dann in Slab City. Er greift in einen Karton mit Fotos, die detonierte Bomben zeigen, Rauch und verstümmelte Körper. „So eine Cluster Bomb der US Air Force hat 500 Kilo, Materialwert beim Schrotthändler pro Kilo acht Dollar – können Sie sich ausrechnen, warum diese armen Schweine ihr Leben risikieren?“ Alecksick erzählt von einem, der mit seinem elfjährigen Jungen in die Luft flog, einem, der mit abgerissenen Beinen verblutete. 240 Einsätze hatte er vergangenes Jahr. „Ach“, sagt Alecksick, „das sind Menschen mit psychischen Problemen, wo sollen sie denn hin, wenn ihnen der Staat nicht hilft?“

Laut amtlicher Definition liegt die Armutsgrenze in den USA bei 18 392 Dollar jährlich für eine vierköpfige Familie. Das entspricht 8,89 Dollar Stundenlohn bei 40 Stunden Arbeit pro Woche, ohne Urlaub, und damit 3,74 Dollar über dem Mindeststundenlohn. „Es ist keine Lüge, dass Amerika verglichen mit Europa eine niedrigere Arbeitslosenquote hat“, sagt die amerikanische Autorin Barbara Ehrenreich, „was dabei außen vor bleibt ist, dass ein Arbeitsplatz in den USA noch lange nicht garantiert, dass man davon leben kann.“ Ehrenreich hat zwei Jahre lang als Kellnerin, in Supermärkten und am Fließband gearbeitet, sie wohnte in schäbigen Motels, Wohncontainern oder Obdachlosenasylen. Ihr dabei entstandenes Buch „Arbeit poor“ dokumentiert, dass der amerikanische Traum für die meisten Amerikaner unerreichbar geworden ist.

Aber wer weiß schon, was sich abspielt in Niland und Slab City? Die Provinz verarmt, das Sozialsystem demoliert, die Schwachen sich selbst überlassen? Will keiner sehen. Das Magazin „Atlantic Monthly“ schrieb vor der Wahl 2004: „Amerikaner sind ein optimistisches Volk, das sich angezogen fühlt von hochfliegenden Idealen und luftigen Zielen.“ Selbst die Slabbers stellen den Staat nicht in Frage. Builder Bill meint: „Wir sind alle Gammler, aber keiner hat uns dazu gezwungen.“ Wayne und Linda behaupten, dass sie immer so leben wollten und dass Slab City ein „großartiger Platz ist, Kinder großzuziehen“. Thommy, ein Kriegsveteran und ehemaliger Gebrauchtwagenhändler, vier Knieoperationen, vier Hüftoperationen, zwei Schusswunden in den Beinen, sagt: „Ich werde niemals Sozialhilfe beantragen, davon wird man nur faul und zwei Generationen später besteht die ganze Familie aus Schmarotzern.“

Sonntag, zehn Uhr. Im Christian Center ist Gottesdienst, und der Priester predigt vom Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt. Die Messe ist gut besucht, fast alle Klappstühle besetzt. Sie haben sogar ein Klavier. Und während der Pianist in die Tasten haut, dröhnt es durch die Holzhütte: „Halleluja, praise the Lord!“ Auf dem Weg zurück nach Niland, vorbei am Salvation Mountain, vor dem Leonard wie immer zwischen leeren Tunfischdosen und Lackeimern hindurchschlurft, taucht ein alter Mann am Straßenrand auf. Er hat blutige Hände. Sagt, er lebe in einem Pick-up, hastet im Stakkato durch sein Leben. Soldat im Zweiten Weltkrieg. Sohn in Deutschland. Tochter in Amerika abhanden gekommen. Ihre Adressen hat er nicht. Er ist 83. Sein Name: Jack. „Amerika“, sagt Jack, „ist ein großes Land.“

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