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„Gehen wir in die Wilmersdorfer“ ist in Charlottenburg geradezu ein Synonym für „Lass uns einkaufen gehen“. Die Wilmersdorfer Straße ist die Einkaufsstraße schlechthin – vom Adenauerplatz bis hin zur Otto-Suhr-Allee. Der Abschnitt zwischen Krumme Straße und Schillerstraße wurde 1978 zum autofreien Bereich umgestaltet und ist damit Berlins älteste Fußgängerzone. Hier, an der Wilmersdorfer Straße 118, ist auch das älteste Kaufhaus der Hauptstadt zu finden: 1906 unter dem Namen „Graff und Heyn“ an der Pestalozzistraße gegründet, beherbergt es heute eine Karstadt-Filiale.

Die „Wilmersdorfer“ ist die Einkaufsstraße für alle, die im Kiez wohnen und arbeiten – weniger allerdings für Berliner aus anderen Bezirken und Touristen. Die bummeln dann eher über die Tauentzienstraße oder suchen das historische Berlin Unter den Linden und in der Friedrichstraße. So verwundert es auch nicht, dass Inhaber alteingesessener hochpreisiger Geschäfte über das veränderte Einkaufsverhalten ihrer Kunden klagen: „Hier aus der Umgebung kauft keiner mehr bei uns“ oder „Es gibt immer mehr Ladenketten und immer weniger qualitätsbewusste Anbieter“ ist da zu hören. Die Bezirksbürgermeisterin von Charlottenburg-Wilmersdorf Monika Thiemen ist über solche Aussagen nicht erstaunt: „Bei einer Arbeitslosenquote von rund 18 Prozent im Bezirk ist es nicht verwunderlich, dass weniger konsumiert wird. Da reicht der Geldbeutel eben nicht mehr für Luxuskäufe – und das spiegelt sich auch im Angebot der Geschäfte wider.“

Eine bewegte Geschichte hat die Wilmersdorfer Straße hinter sich. Schon immer gab es viele Verbindungen zwischen den Bezirken Charlottenburg und Wilmersdorf, die im Januar 2001 zu einem Bezirk zusammengefasst wurden. Die Pfarrer des 1293 erstmals urkundlich erwähnten Dörfchens Wilmersdorf mussten bis 1708 den Ort Lietzow mitversorgen. Auf alten Karten ist die heutige Brandenburgische Straße deshalb als Priesterweg eingezeichnet. Auch die „Wilmersdorfer“war Teil dieser Verbindung.

Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich mit dem Ausbau des Kurfürstendamms zum Großstadtboulevard in Charlottenburg und Wilmersdorf ein Zentrum, das der lebhaften alten Stadtmitte rund um den Alexanderplatz schnell Konkurrenz machte. Die Mischung aus Kultur, Kommerz und Gastronomie bei einem gleichzeitig hohen Anteil großzügiger Wohnungen wurde innerhalb weniger Jahre zu einem der Hauptanziehungspunkte Berlins – und hat auch heute noch ihren Reiz. Am Karl-August-Platz finden sich zahlreiche Gaststätten und Restaurants, Kneipen und Bars, die nicht nur abends gut besucht sind. Und während der Bereich rund um den Kurfürstendamm in Charlottenburg und Wilmersdorf in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts als international berühmte Flaniermeile ihren vorläufigen Höhepunkt erlebte, ist der Kiez heute vor allem für die Anwohner interessant: Im Umfeld laden neben einer abwechslungsreichen Gastronomie Kinos, Theater, Kabarettbühnen und Tanzlokale zu abendlichen Aktivitäten ein, auch wenn einige beliebte und stets gut besuchte Attraktionen in der jüngsten Vergangenheit geschlossen wurden oder in ihrer Existenz bedroht sind: Viele Anwohner bedauern die Schließung des „Klick“, eines Pantoffelkinos in der Windscheidtstraße, das seine Besucher mit einem anspruchsvollen Programm lockte. Der Betreiber konnte die steigenden Mieten nicht mehr zahlen und der Hausinhaber war zu Verhandlungen offensichtlich nicht bereit. Und auch der Bestand der Kudamm-Theater ist weiterhin nicht gesichert.

Gemütliche Kaffeehäuser rund um die Wilmersdorfer Straße fehlen ebenso wie Treffpunkte für Künstler und Schauspieler, die sich vor der Wende hier die Klinke in die Hand gaben. „Das ist sicherlich nicht der kommende In-Bezirk“, stellt Rechtsanwalt Stefan Waldeck dazu fest. Er hat seine Kanzlei in der Wilmersdorfer Straße und wohnt seit einem Jahr mit Frau und Kind im Kiez. „Dennoch ist die Mischung aus Wohnen, Arbeiten und Freizeit hier einfach angenehm.“ Kita- und Krippenplätze sind in ausreichender Zahl vorhanden. Und anders als in anderen Bezirken mussten im vergangenen Jahr auch nicht krampfhaft neue Träger für kommunale Kitas gesucht werden: „Die Drittelung der Kitabetreiber in kommunale, freie und karitative Träger war hier vorher schon gegeben“, stellt Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen fest.

Die Grundschulen im Bezirk haben inzwischen alle ein Ganztagsangebot, die Verlagerung der Hortangebote an die Schulen ist praktisch abgeschlossen. Auch wenn es durchaus mehr Jugendfreizeiteinrichtungen geben könnte, so kann der Bezirk mit einem besonderen Engagement für und von Kindern und Jugendlichen aufwarten: Seit über zwei Jahren gibt es ein Kinder- und Jugendparlament, in dem jeweils ein Kind aus jeder Kinder- und Jugendeinrichtung vertreten ist. Diese Jungparlamentarier treffen sich regelmäßig, um über sie betreffende Belange zu diskutieren und Anträge zu formulieren, die dann als voll berechtigte Tagesordnungspunkte in die Sitzungen des „richtigen“ Parlaments eingebracht werden.

Auch die besondere Vergangenheit prägt bis heute den Kiez: Charlottenburg und Wilmersdorf waren seit den 1920er-Jahren die beiden Bezirke mit dem höchsten Anteil jüdischer Bevölkerung. Viele Juden hatten als Unternehmer, Künstler, Intellektuelle, Schriftsteller und Mäzene einen großen Anteil an der internationalen Ausstrahlung des Berliner Westens. Und viele von ihnen mussten gehen. Wer die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannte, emigrierte in den 30er-Jahren und suchte anderswo eine Heimat. In der Mommsen-Apotheke erzählen Mitarbeiterinnen, dass einige ihrer Kunden alte, jüdische Damen seien, die vor dem Zweiten Weltkrieg Berlin verlassen haben und nun die letzten Jahre ihres Lebens wieder in der alten Heimat verbringen. Sie sind zurückgekehrt in den Kiez ihrer Kindheit. Und nun sitzen sie hin und wieder in der Apotheke, ruhen sich aus und erzählen aus ihrem ereignisreichen Leben. Auch das ist die Wilmersdorfer Straße.

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