Zeitung Heute : Nachrichten

-

Am Abend des 26. Mai 2006 ist es soweit: Mit einer spektakulären Lichtsinfonie wird der Berliner Hauptbahnhof eröffnet. 164 Fern-, 314 Regional- und 616 S-Bahn-Züge werden den Hauptbahnhof nun jeden Tag anfahren, rund 300.000 Reisende und Besucher täglich erwartet. Doch nicht nur die ausgeklügelte Logistik, auch die aufsehenerregende Architektur des Gebäudes hat es in sich.

Rückblick: Während der gesamten Bauzeit mussten alle Beteiligten vor allem eines mitbringen – Geduld und einen langen Atem. Denn der Hauptbahnhof wuchs in vielen kleinen Etappen. Bereits Anfang der neunziger Jahre entstanden erste Ideenskizzen. Im März 1993 entschied man sich für das Hamburger Architekturbüro von Gerkan, Marg & Partner. Und im Jahre 1995 konnten mit Abschluss des Planfeststellungsverfahrens schließlich die Bauvorbereitungen beginnen.

Nacheinander entstanden neun Baugruben mit einer Fläche von 90.000 Quadratmetern – das entspricht in etwa der Größe von elf Fußballfeldern. Dabei wurden 1,5 Millionen Kubikmeter Erdstoffe ausgehoben und vom Humboldthafen per Schiff abtransportiert. Würde man derart gewaltige Erdmassen per Lastwagen befördern, ergäbe sich eine insgesamt 1.300 Kilometer lange Fahrzeugschlange, die vom Brandenburger Tor bis an die französische Atlantikküste reicht.

Auch diese Zahlen beeindrucken: Für die Rohbauten des Gebäudes wurden eine halbe Million Kubikmeter Beton – ausreichend für 65 Kilometer Autobahn – und 85.000 Tonnen Stahl verarbeitet. Seit kurzem kann der Bahnhof nun in seiner ganzen Pracht bewundert werden. Filigran, großzügig und lichtdurchflutet kommt das imposante Gebäude daher. In Ost-West-Richtung verläuft eine 321 Meter lange gläserne Halle, die in Nord-Süd-Richtung von der 160 Meter langen und 40 Meter breiten Bahnhofshalle gekreuzt wird. Diese wiederum wird durch zwei Bürotürme eingerahmt, die die Stadtbahn überspannen. Eine Bauweise mit Symbolcharakter: Denn die Funktion des Bahnhofs als Schnittstelle in einem zusammenwachsenden Europa soll sich auch in dessen Architektur widerspiegeln.

Eine High-Tech-Konstruktion der besonderen Art ist das gläserne Dach, das in einer Rekordzeit von nur vier Monaten entstand. Das Ost-West-Dach auf den neuen Stadtbahnbrücken wurde computergestützt konstruiert und gefertigt. Besondere Herausforderung: Da die Halle in einer Kurve liegt und sich zur Mitte hin ausweitet, gleicht kein Glaselement dem anderen. 85 Kilometer Stahlseile geben der Konstruktion Halt. Bis alle 10.000 Schweißnähte gezogen und alle Seile gespannt wurden, musste das Dach mit einem 3.600 Tonnen schweren Montagegerüst gestützt werden. Spektakulär ist auch die auf dem Glasdach installierte Fotovoltaikanlage. Auf 1.870 Quadratmetern wurden 780 Solarmodule in die Glasflächen integriert. Jährlich liefert die Solaranlage so rund 160.000 Kilowattstunden Energie; das entspricht knapp zwei Prozent des gesamten Stromverbrauchs im Hauptbahnhof.

Weiteres Highlight der Bauarbeiten: Im Sommer 2005 wurden unter den Augen von mehr als 100.000 Schaulustigen die beiden Bügelbrücken des Bahnhofs abgesenkt. Der spektakuläre Kippvorgang der westlichen Brückenkonstruktion begann am 29. Juli um 22 Uhr – mit einer Totalsperrung der Stadtbahn. Bereits am Abend wurden die beiden 1.250 Tonnen schweren und 43 Meter langen Brückenteile in Schräglage gebracht, um die Absenkvorrichtung zu montieren. Obwohl die ganze Nacht über ein schweres Gewitter tobte, lagen beide Teile am Samstagabend waagerecht über dem Dach des Bahnhofs. Im August fand die zweite, östliche Bügelbrücke ihren Platz.

Im Innern des Hauptbahnhofs verbirgt sich eine ausgeklügelte Technik. 54 Rolltreppen, sechs Panorama-, zehn Personen- und sieben Lastenaufzüge verbinden die Bahnhofsebenen. Rund 1.500 Kilometer Kabel, 65 Kilometer Rohr- und zwölf Kilometer Sanitärleitungen verlaufen gut versteckt durch das gesamte Gebäude.

Für Reisende und Besucher des neuen Hauptbahnhofs stehen Service, Sicherheit und Sauberkeit im Mittelpunkt. In der so genannten „3-S-Zentrale“ laufen rund um die Uhr alle wichtigen Informationen zusammen: Nutzt ein Fahrgast zum Beispiel die Infosäule oder löst einen Notruf aus, wird von dort aus sofort die gewünschte Information erteilt oder für schnelle Hilfe gesorgt. Mit zwei Reisezentren ist der Bahnhof außerdem auch für größere Kundenaufkommen optimal gewappnet. Darüber hinaus stehen 42 Fahrscheinautomaten des Nah- und Fernverkehrs zur Verfügung.

In den DB Lounges finden Reisende der 1. Klasse alles, was ihren Aufenthalt noch angenehmer macht: eine elegante Sitzlandschaft, Getränke und Snacks sowie zahlreiche Laptop-Arbeitsplätze. Wie bereits 20 weitere ICE-Bahnhöfe wird auch der Berliner Hauptbahnhof mit einem W-LAN-HotSpot von T-Mobile ausgestattet sein. Nicht nur in den Lounges, auch auf den Bahnsteigen und im Shoppingbereich können Reisende und Besucher so ganz bequem drahtlos im Internet surfen. Apropos Shopping: Mit dem Hauptbahnhof bekommt Berlin auch ein völlig neues Einkaufszentrum, das mit seinem breiten Angebot den unterschiedlichsten Interessen gerecht wird – an sieben Tagen in der Woche und sogar von 8 bis 22 Uhr (siehe auch Seite sieben dieser Beilage).

Und so beginnt an der Spree – rund 135 Jahre nachdem der alte Lehrter Bahnhof an eben dieser Stelle seine Pforten öffnete – ein neues Kapitel Eisenbahngeschichte. Mit dem Berliner Hauptbahnhof als Drehscheibe für Mobilität in der Hauptstadt und ganz Europa.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben