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Das schlichte Weiß an den Wänden hat Gesellschaft bekommen. Farbige Tapeten, Stores und Vorhänge feiern ein fulminantes Comeback. Dieser bürgerliche Trend hat auch schon

einen Namen: Biedermeier-Glam nennt sich die rückbesinnende Lust auf Dekoration.

Statt strengen Minimalismus mit Industrie-Chic zu zelebrieren, darf es in den Innenräumen wieder romantisch verspielt und pompös sein. Zierrat, Schnörkel und Ornamente gelten nicht länger als überflüssiger Kitsch, sondern als gestalterische Herausforderung.

Die gerade eben noch dezent unifarben oder allenfalls mit kleinen graphischen Mustern

bedruckten Interieurstoffe werden plötzlich von üppigen floralen Formen überwuchert.

Zitate und Anleihen aus der Natur avancieren zu einem der beliebtesten Motive in Innenräumen. Das gilt nicht nur für Stoffdessins, sondern auch für Möbel und Lampen, die jetzt märchenhaft verschnörkelt und verziert auftreten. Weit vorn in diesem Trend bewegt sich der holländische Designer Tord Boontje, der mit seinen Blüten- und Blümchendessins nicht nur Wände schmückt, sondern auch Überwürfe von Lampen, Stühlen und Sofas.

Über viele Jahre hinweg als überkandidelter Dekor verpönt, sind Tapeten wieder zu einem unverzichtbaren Einrichtungselement geworden. Ihre Variationen reichen vom kunstvollen Unikat über das klassische Streifenmuster hin zu damastartigen Vliestapeten, die aus Zimmern vornehme Salons machen und selbst in Neubauten italienisches Flair inszenieren.

Auch die schnöde Fototapete, die lange Zeit als böse Geschmacksentgleisung getadelt wurde, ist wieder erlaubt. Statt Sonnenuntergang und Mischwald werden jetzt kultige Großstadtmotive zum Wandschmuck. An Theaterkulissen erinnern feine Stoffbespannungen, und auch Leder ist als Material wieder an Wänden aufgetaucht. Dieses hochwertige Dekormaterial befriedigt mit seiner bodenständigen Optik die Sehnsucht nach bleibenden Werten und läßt den Hauch alter englischer Herrenzimmer aufkommen.

Ihre eigenen Geschichten erzählen die Wallpapers von Andrea Pößnicker. Die Designerin versteckt in ihren „Decorationen“ Statements, die sich dem Betrachter erst auf den zweiten Blick erschließen. Das neueste Projekt ihres Labels P van b heißt „Wild Cash Hunting“ –

es geht um Globalisierung, knapper werdende Ressourcen und die Frage, ob sich nicht doch am Ende die Natur alles zurückholt.

Einen neuen Stellenwert hat im Zuge der wiedererwachten Gestaltungslust die Farbe erlangt. Wie zu Beginn der Moderne, als die Bauhauskünstler mit farbigen Wänden experimentierten, werden wieder Farbkonzepte in den Wohnungen realisiert – ob krachiges Rot oder zartes Pastell, man traut sich was, dekoriert experimentierfreudig häufiger um und erfüllt sich wie bei der Kleidermode saisonale Wünsche.

Auffallend ist, dass Material, Muster und Farben vergangene Stilepochen zitieren. Nicht nur der Jugendstil erlebt ein märchenhaftes Revival, auch Zitate aus Barock und Rokoko leben im Kontrast zu den modernen Materialien wieder auf. Bei Tapeten und Gardinen sind Motive wie in den sechziger und siebziger Jahren gefragt, große psychedelische Kreise in knalligen Orange- und Gelbtönen.

Dass sich bei so viel gestalterischem Überschwang Formen und Farben

widersprechen könnten, sich statt Harmonie ein Durcheinander ergibt, ist nicht zu befürchten. Allein schon deshalb nicht, weil der neue Gestaltungstrend von Brüchen und Kontrasten lebt. Gerade das gewagte Mit- und Durcheinander ist die Herausforderung des modernen Interieurs.

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