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Ob leuchtendes Karminrot, sonniges Narzissengelb oder strahlendes Mittelmeerblau – wie die Kleidermode unterliegt auch die Inneneinrichtung wechselnden Farbtrends. In den siebziger Jahren dominierten in den Wohnzimmern vor allem schrille Orange- und dunkle Brauntöne. In den neunziger Jahren bevorzugte man für Wände und Möbel dann statt poppig bunter Farben eher farblos neutrale Eleganz. Minimalistisch schlichte Räume, sogenannte „White Cubes“, sind zwar leicht zu möblieren und auch unverfänglich zeitlos, doch können sie mitunter auch sehr unpersönlich wirken. Inzwischen darf zum Glück wieder nach den Lieblingsfarben entschieden werden. In der Einrichtung ist alles erlaubt, was die Farbpalette hergibt – von zarten Pastelltönen bis zu kräftigen Grundfarben. Nur: Für welchen Farbton entscheidet man sich?

Diese Frage stellte sich auch der Bauhausmaler George Muche, als er in den zwanziger Jahren eines der Meisterhäuser in Dessau bezog, deren moderner Architektur die Avantgardisten gerne mit farbigen Wänden und Einbauten eine erweiterte Dimension verliehen. Der berühmte Architekt Marcel Breuer schlug George Muche damals für die Wände seines Schlafzimmers nicht etwa ein dezentes Nachtblau oder Moosgrün vor, sondern ein hochglänzendes Schwarz. Muche protestierte zwar – Schwarz erinnere ihn an die Nichtfarbe einer Totenkammer – doch es blieb dabei. Später schrieb Muche in seinen Erinnerungen, dass er in dem schwarzen Raum kein Auge zugetan habe: „Ich habe das Schlafzimmer nie wieder betreten. Es wurde mit Koffern und überflüssigem Hausrat vollgestopft. Dafür hätte auch Weiß ausgereicht.“

Farben sind in der Tat sehr persönlich. Jeder hat seine eigenen Präferenzen. Zudem entscheiden sie je nach Raum und Lichteinfall auch über die Harmonie und Wirkung der Innenarchitektur. Ein helles Blau, das im Flur prächtig aussieht, kann im Schlafzimmer mitunter uneinladend wirken. Ein dunkles Grün, das aus Zimmern mit flachen Decken und wenig Licht düstere Grotten macht, erscheint

dagegen in großen Küchen und lichten Arbeitszimmern ausgesprochen wohnlich.

In der gerade von der Stiftung Warentest herausgegebenen Broschüre „Möbel kaufen – Qualität erkennen“ (12,90 Euro, www.test.de) ist dem Thema Wohnfarben gleich ein ganzes Kapitel gewidmet. „In Räumen mit gelben, orangen und roten Farbtönen können Atmung und Pulsschlag beschleunigt werden“, heißt es da etwa. Denn den warmen Farben wird eine emotional anregende und aufmunternde Wirkung nachgesagt. Dagegen hätten kalte Farbe wie Blau oder Türkis eher einen kühlenden, erfrischenden und entspannenden Effekt. Sie seien daher nicht nur in heißen und tropischen Zonen zu empfehlen, sondern auch für überarbeitete Menschen bei Konzentrationsstörungen oder zur optischen Vergrößerung von Räumen.

In den letzten Jahren sind diverse Bücher zum Thema Farbgestaltung im Interieur erschienen. Für den Einstieg ist der informative Ratgeber „Wohnfarben“ zu empfehlen, den die englische Innenarchitektin und Farbberaterin Suzy Chiazzari verfasst hat. Chiazzari möchte mit ihrem Buch vor allem Lust auf Farbe machen. Ausführlich stellt sie die fünf wichtigsten Farbfamilien – Rot, Blau, Grün, Violett und Neutral – vor und erläutert, wie diese bei richtigem Einsatz die Atmosphäre von Räumen verändern, mildern oder intensivieren können.

Da nicht jeder Mensch ein natürliches Geschick im Kombinieren von Farben hat und bunte Inneneinrichtungen schnell in einem chaotischen Durcheinander enden können, rät Suzy Chiazzari dazu, unbedingt einige Grundregeln der Farbharmonie zu beachten. Die Autorin unterscheidet vier mögliche Kombinationen: Als „Ton in Ton“ beschreibt sie ein Schema, das auf einer einzigen Farbe basiert – zum Beispiel den Grüntönen der Natur. „Gute Nachbarn“ seien Farben, die miteinander harmonisieren. Unter „lebendigen Kontrasten“ versteht die Autorin eine Kombination von Farben, die vitalisierende Akzente setzen. Um die Ästhetik von Gegensätzen geht es auch bei den „komplementären Partnern“ von Farben – ein mehrfarbiges Interieur verlangt allerdings viel Feingefühl und Geschick.

Neben den Farbharmonien spielt natürlich auch die individuelle Farbpersönlichkeit eine Rolle. Suzy Chiazzari nennt hier unterschiedliche Typen wie etwa den „Violett-Typ“, der eine starke Persönlichkeit und ein sprunghaftes Wesen habe. Wer sich hingegen gern mit Schwarz-Weiß-Kontrasten umgebe, verfolge nicht selten auch im Alltag strenge Lebensprinzipien. In der Rubrik „schnelle Lösungen“ gibt es dann einige Empfehlungen in kompakter Form: Blau und Weiß seien klassische Badezimmerfarben. Rot und Violett hingegen Farben der Leidenschaft, die gerade Schlafzimmern eine sinnliche Atmosphäre verliehen. Speziell für den Frühling empfiehlt Suzy Chiazzari helles Blau und leuchtendes Gelb. Vor allem Pastellfarben seien bestens geeignet, um nach den Wintermonaten wieder aufmunternde Frische und Freundlichkeit in die eigenen vier Wände zu bringen.

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