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Das Telefon klingelt pausenlos. Der eine Anrufer fragt, ob seine Boxen schon fertig sind, der nächste, ob er seine Gitarre abholen kann. Tresenkraft Julian Extra nimmt an der Ladentür ein DHL-Paket entgegen und quittiert – Ersatzteile für eine Reparatur. Im Hinterzimmer spielt ein Kunde zur Einstimmung seit zwanzig Minuten immer wieder ein und denselben Titel von Eric Clapton. Er beherrscht das Instrument, es klingt gut.

„Heute geht es, aber wenn die Leute beim Ausprobieren ohne Gefühl voll in die Seiten dreschen, dann tut mir das auch sehr weh“, sagt Torsten Uhlmann, der im Vogtland Gitarrenbau lernte. Sein „American Guitar Shop“ in der Goethestraße ist bei Gitarrenkennern Kult. Amerikanische Gitarrenlegenden wie Fender, Gibson und Gretsch hängen hier wie Jagdtrophäen nach Preisen aufgereiht an den Wänden, die edlen Hölzer der Gitarrenkörper illuminiert von Spot-Scheinwerfern. Jede dieser Gitarren hat ihre eigene Geschichte.

Deutschlandweit gibt es nicht so viele Fachgeschäfte wie dieses. Wegen der großen Auswahl an Gitarren nehmen viele Käufer weite Reisen nach Berlin auf sich. Sie kommen auch aus dem Ausland, aus Polen, aus Finnland, aus Dänemark – dort sind Gitarren „extrem teuer“, sagt Uhlmann. Rund 1000 Gitarren bietet er mit seinen sechs Mitarbeitern an. Genau besehen besitzt Uhlmann zwei Gitarrenläden – einen für elektrische, einen für akustische bzw. Konzertgitarren. Sie liegen sich in der Goethestraße gegenüber und haben die Hausnummern 32 und 49. Eigentlich sollten es eines Tages drei Läden sein, findet Uhlmann. Er hat die Vierzig überschritten und würde gerne noch einmal andere Saiten aufziehen: für einen Laden nur mit Western-Gitarren. Doch das ist noch Zukunftsmusik. In zwei Jahren ist der Kredit abgezahlt, den er für die Geschäftsübernahme aufgenommen hat.

„T’schuldigung, Torsten“, sagt Julian Extra. „Ich muss kurz stören: Der Kunde fragt, ob er zur Gitarre den Koffer kostenlos dazubekommen kann.“ Der Kunde mit der Vorliebe für „Tears in Heaven“ hat aufgehört zu spielen, jetzt geht es um Uhlmanns Gage. Seit 1990 arbeitet der Sohn eines Geigers, geboren in Weimar, in diesem Geschäft. 1999 übernahm er es von amerikanischen Inhabern. „Mein Lieblingskunde ist ein positiv verrücktes Motorrad-Pärchen, das sein Motorrad verkauft hat und das Geld in Gitarren anlegt“, erzählt Uhlmann. Das scheint es häufiger zu geben. Auch „American Guitar Shop“-Kunde Philipp Eins verdankt seine Liebe zur Gitarre so einem positiv Verrückten: „Ich bin ’mal bei einem Taxifahrer mitgefahren, der sieben Gitarren in der Goethestraße gekauft hat – der hat mir das Gitarrespiel beigebracht“, erzählt Eins und erinnert sich an die Wohnung des Mannes: Außer den Gitarren sei da nicht sehr viel zu sehen gewesen – „nur ein Schlafsofa und ein Fernseher“. Eins entschied sich für ein günstiges Modell. Es kostete um die 250 Euro. Gerne würde er sich einmal eine Westerngitarre

leisten: „Das sind die mit den Stahlsaiten“, sagt er mit strahlenden Augen.

Auch Torsten Uhlmann ist in musikalischer Hinsicht nicht zart besaitet – er spielt in einer Punkband. „Allerdings merke ich in den Konzerten immer, dass ich schon älter bin – das Publikum besteht aus 16- bis 20-Jährigen.“ Rock ’n’ Roll sei wieder im Kommen, hat Uhlmann beobachtet und das ist gut fürs Geschäft. Denn wenn berühmte Gitarristen auf der Bühne ein bestimmtes Modell spielen, gar noch in Berlin einen Auftritt haben, steigt die Zahl der Anfragen im Laden. Es kommt schon einmal vor, dass Uhlmann und seine Mannen kurzfristig tourenden Bands aus der Bredouille helfen müssen. „Dem Gitarristen einer Band aus Kanada ist kürzlich die Kopfplatte abgebrochen – die sind dann mit Schraubzwingen weitergefahren“. Immerhin: So eine Leimstelle hält besser als natürliches Holz. Bei den Billigmodellen aus Fernost reißen gelegentlich die Stege von der Decke ab – denn sie sind oft nicht direkt auf das Holz geklebt, sondern auf die Schellacklasur. Eine solche Verbindung ist selten von Dauer.

Warum aber müssen Gitarren gelegentlich gleich mehrere tausend Euro kosten? Macht etwa der Preis die Musik? Nein, natürlich nicht. Schöne Einlegearbeiten zum Beispiel können sehr teuer sein, wirken sich aber nicht auf den Klang aus. Sehr gute Hölzer, wie etwa zwanzig Jahre lang getrocknete Palisanderarten, sind da indes schon etwas anderes als Klangkörper aus Sperrholz.

Könnte Uhlmann seine 1000 Gitarren mit verbundenen Augen – etwa in einem Auftritt bei „Wetten, dass?“ nach Klängen und Formen unterscheiden? „Im Prinzip, ja“, sagt Uhlmann, „denn jeder bekannte Hersteller produziert eine bestimmte Charakteristik – eine Levis können Sie ja auch von einer anderen Jeans unterscheiden.“

American Guitar Shop, Goethestraße 49/32, 10625 Berlin, Mo.-Do. 10-18.30 Uhr, Fr. 10-20 Uhr, Sa. 10-16 Uhr. Tel. 315 046 44. Weitere Informationen im Internet unter www.guitar-shop.de

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