Zeitung Heute : Nachruf für den Terror

Frank Jansen

In einer Tonbandbotschaft hat sich Osama bin Laden zu Wort gemeldet und den getöteten Terroristenführer Sarkawi als „Löwen des Heiligen Kriegs“ bezeichnet. Was bezweckt der Al-Qaida-Chef damit?


In Nachrufen wird ein Toter häufig verklärt, auch wenn er unbeliebt war. Das ist in der islamistischen Terrorszene nicht anders. Osama bin Laden hat jetzt in einer Tonbandbotschaft den am 7. Juni im Irak getöteten Abu Mussab al Sarkawi als Märtyrer und „Löwen des Dschihad“ glorifiziert. Dass die Al-Qaida-Spitze es tatsächlich mit einer raubtierähnlichen Figur zu tun hatte, die nicht zu bändigen war, lässt bin Laden pietätvoll weg. Bei all dem zynischen Lob für Sarkawi und den üblichen Drohungen gegen die USA sind aber auch im Nachruf Zwischentöne zu hören. Sie lassen den Konflikt zwischen der Al-Qaida-Spitze und ihrem mal mehr, mal weniger als Statthalter im Irak gehandelten Sarkawi erahnen. Denn bin Laden nimmt den Jordanier, der einen äußerst brutalen Terrorfeldzug führte, gegen Vorwürfe in Schutz. Doch dass sie erwähnt werden, spricht für sich.

Selbst irakische Rebellen haben Sarkawi vorgeworfen, seine Anschläge träfen vor allem das irakische Volk. Bin Laden sagt nun in der mehr als 19-minütigen Botschaft, Sarkawi habe die Anweisung gehabt, nur die Invasoren im Irak anzugreifen – vor allem die Amerikaner. Iraker, die „neutral“ bleiben wollten, sollte Sarkawi in Ruhe lassen, betont bin Laden. Obwohl er weiß, dass Sarkawi weder diese noch überhaupt eine Anweisung befolgte. Bin Laden und sein Stellvertreter Aiman al Sawahiri hatten nie eine Chance, aus ihren Verstecken im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet den „Löwen“ im Irak an die Kette zu legen.

Sarkawi wollte Sunniten gegen Schiiten hetzen. In seinem Hass auf die Schiiten inszenierte er im Irak verheerende Attentate auf ihre Anführer und Moscheen. Das missfiel der Al-Qaida-Führung. Bin Laden ruft die gesamte islamische Welt auf, gegen „Kreuzfahrer und Juden“ zu kämpfen. Im Oktober 2005 wurde ein kritischer Brief von Aiman al Sawahiri an Sarkawi bekannt. Da hieß es, „viele deiner muslimischen Bewunderer unter den einfachen Leuten wundern sich über deine Angriffe auf die Schiiten“. Sawahiri monierte auch die Enthauptung von Geiseln durch Sarkawi – weil einfache Muslime dieses „Abschlachten“ nicht akzeptieren könnten. Sarkawi blieb unbeeindruckt.

Dennoch haben vor einer Woche Sawahiri und jetzt bin Laden seinen Tod öffentlich betrauert. Weil es vermutlich unter den Sympathisanten von Al Qaida auch viele gibt, die Sarkawis Methoden mochten. Diese Leute mussten bin Laden und Sawahiri mit einem Nachruf bedienen. So geheuchelt er auch sein mag.

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