Nachruf : Peter Alexander: Der Hochglanzsänger

Er charmierte und schmeichelte sich quer durch die Show-Stile: Schnulze, Chanson, Musical. Und spiegelte die Sehnsucht seines Publikums nach einfachen, traditionellen Werten. Eine Film- und Schlagerkarriere ohne den kleinsten Kratzer. Zum Tod von Peter Alexander.

Rainer Moritz
Der Entertainer Peter Alexander ist tot. Der österreichische Schauspieler, Sänger und Showmaster stirbt am 12. Februar 2011 im Alter von 84 Jahren in Wien.Alle Bilder anzeigen
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13.02.2011 09:31Der Entertainer Peter Alexander ist tot. Der österreichische Schauspieler, Sänger und Showmaster stirbt am 12. Februar 2011 im...

Keiner, der in den Siebziger- und Achtzigerjahren aufwuchs und wesentliche Sozialisationserfahrungen aus dem Fernsehen bezog, kam an Peter Alexander vorbei. Spätestens nachdem im ZDF 1969 erstmals die „Peter Alexander Show“ ausgestrahlt worden war und eine Sehbeteiligung von über 70 Prozent erzielt hatte, gehörte der am 30. Juni 1926 in Wien als Peter Alexander Neumayer geborene Künstler zum Ehrengast auf deutschen und österreichischen Wohnzimmersofas. Was man damals mit Namen wie Peter Frankenfeld, Hans-Joachim Kulenkampff oder Vico Torriani verband, kulminierte in Alexanders „Spezialitäten“-Sendung, die den Samstagabend zu einer generationsübergreifenden Begegnung vor dem Fernsehschirm machte. Musikalisch begleitet von dem Bandleader Heinz Kiessling, bildeten die Shows eine kaum auf einen Nenner zu bringende Mischung unterschiedlichster Elemente. Schauspiel-, Gesangs- und Parodieeinlagen verbanden sich zu einem Potpourri, das harmoniesüchtigen Zuschauern störungsfreie Unterhaltung und ein beachtliches Aufgebot internationaler Stargäste versprach.

Zusammengehalten wurde dieser Quotensegen durch eine Conférence, die sich ganz den mannigfachen Begabungen Alexanders anpasste. Von 1946 bis 1948 hatte dieser eine Schauspielausbildung am Max-Reinhardt-Seminar absolviert, begleitet unter anderen von Annemarie Düringer, Ernst Stankovski oder Gerhard Riedmann. Drei Jahre später debütierte er mit „Das machen nur die Beine von Dolores“ als Schlagersänger, und schon wenig später wechselte er zum Film, wo er in meist zu Recht vergessenen Unterhaltungsfilmen – darunter „Im weißen Rössl“ und die „Graf-Bobby“-Trilogie an der Seite von Gunther Philipp – mit Gesang und Klamauk sehr leichte Kost verabreichte.

Dass sein schauspielerisches Vermögen vor allem im komödiantischen Fach lag, kam seinem überragenden Fernseherfolg – die letzte Folge seiner Show wurde 1995 gesendet – zugute. Denn für die im Samstagabendformat unverzichtbaren Sketche zog Peter Alexander alle Register, um Großeltern wie Enkelkinder gleichermaßen zu erheitern. Wenn er die Mitglieder des britischen Königshauses und das österreichische Original Hans Moser (bei einer Papstaudienz) parodierte oder mit Larry Hagman und Johnny Cash Schunkelliedgut wie „Jung samma, fesch samma“ zum Besten gab, konnte er der Begeisterung von Flensburg bis Klagenfurt sicher sein. Abschlagen konnte man diesem gewinnend auftretenden Showmaster offenbar nichts.

Wie alle Unterhaltungskünstler, die sich den Geschmacksveränderungen zum Trotz über Jahrzehnte behaupten, arbeitete er mit großem Fleiß und ausgeprägtem Professionalismus daran, seine vielfältigen Talente zu variieren und gleichzeitig Wiedererkennbarkeit zu suggerieren. Gekonnt, so 1972 der Musikwissenschaftler Siegmund Helms, charmierte er sich „durch die Show-Stile von Wien bis zum Musical, Chansons und Schnulzen inklusive“. Alexander, der von seiner Ehefrau Hilde gemanagt wurde, avancierte in diesen Jahren zu einem der erfolgreichsten Entertainer im deutschsprachigen Raum; seine Tourneen wurden zu Kassenschlagern.

Anders als Kollegen wie der Niederländer Lou van Burg („Der goldene Schuss“), die durch Seitensprung- oder Steuerskandale auffielen, bot Alexander eine ideale Projektionsfläche für einen Biedersinn, der sich durch die von den Studentenunruhen oder die sexuelle Revolution bestimmten Zeitthemen nicht beeinträchtigt sehen wollte. Mit seinem einschmeichelnden Lausbubenlächeln und seinem Augenaufschlag, den manche als Dackelblick verspotteten, gab der immer jugendlich wirkende Wiener Halt in unsicherer Zeit.

Seine Scherze überstiegen nie die Grenzen des sogenannten guten Geschmacks, was ihm seine mit ihm älter werdende Klientel herzlich dankte. Heranwachsenden, die auf die Rolling Stones oder Alice Cooper standen, konnten folglich mit Alexander und seinen sedierend wirkenden Unterhaltungsprogrammen wenig anfangen.

Neben den TV- und Tourneeerfolgen gelangen Alexander knapp 30 Top-10-Platzierungen in den deutschen Verkaufscharts. Angefangen mit dem verblüffend sozialkritischen „Die süßesten Früchte fressen nur die großen Tiere“ (1952), reicht die Hitliste von „Der Mond hält seine Wacht“ (1955), „Der letzte Walzer“ (1967) über „Liebesleid“ (1969) bis zu „Zeit der Rosen“ (1987). Dass dabei auch Produktionen entstanden, die Peter Alexanders Kapazitäten überstiegen, wundert nicht. Seine Coverversionen von Elvis Presleys „Are you lonesome tonight“ oder Don Williams’ „Some broken hearts never mend“ zählen fraglos zu den schrecklichsten deutschen Schlagererzeugnissen und sorgen noch heute für eiskalte Rückenschauer.

1976 indes glückte ihm mit „Die kleine Kneipe“ ein grandioser Hit, der sich ungebrochener Beliebtheit in Wunschkonzerten erfreut. Der von Michael Kunze stammende Text – auf eine Melodie Pierre Kartners, die in den Niederlanden bereits zum Hit avanciert war – spiegelte eine Sehnsucht nach einfachen, gleichbleibenden Werten, die Peter Alexander seit jeher perfekt zu verkörpern wusste. Das Heile-Welt-Märchen von der Eckkneipe (in der österreichischen Version: „Das kleine Beisl“), wo jeder Kredit habe und keiner danach frage, „was du hast oder bist“, beglückte auch jene, die ihr Feierabendbier nur zu Hause konsumierten.

Der in Alexanders Liedern transportierte Glaube an traditionelle Familientugenden (wie auch in „Immer auf die Kleinen“ oder „Papa wird’s schon richten“) bot ein vor Anbiederung nicht Halt machendes Kontrastprogramm zu „Problemthemen“, die seit Anfang der Siebzigerjahre sogar den Schlager zu bevölkern begannen. Schon deshalb schieden sich an Alexander bald die Geister: Sein Stammpublikum, zu dem durchaus auch jugendliche Schlagerfans zählten, pries ihn dafür, scheinbar zeitlose Wirtschaftswundererrungenschaften hochzuhalten, während diejenigen, die auch in der Musik an die Revolution glaubten, an seinen Lobgesängen auf kleinbürgerliche Sekundärtugenden verzweifelten.

Drei Jahre zuvor, als sein Landsmann Udo Jürgens in „Ein ehrenwertes Haus“ demonstrativ den Mustopf des betulichen Schlagers zerschlagen wollte, wagte es sogar Alexander, sich sozialliberales Gedankengut auf die Fahnen zu schreiben und dem Zeitgeist maßvoll Tribut zu zollen. In „Hier ist ein Mensch“, einem von Kurt Feltz stammenden „jesusmäßigen Text“ (Robert Gernhardt), verschob er behutsam das Fundament seiner Lieder und erinnerte mit unterdrücktem Pathos daran, dass ökonomisches Gedeihen keineswegs für alle Mitglieder der Gesellschaft Früchte trägt: „Hier ist ein Mensch / der ist allein. / Du bist es nicht. / Ruf ihn herein. / Du willst das nicht hören. / Wer sich plagt / sagst du, gewinnt. / Doch du müsstest wissen: / Auch das Glück ist manchmal blind.“

Auch die über Alexander erschienenen Bücher deuten schon mit ihren Titeln („Peter Alexander – Das tat ich alles aus Liebe“, „Peter Alexander – Das Leben ist lebenswert“) an, dass er sich vor allem als dankbarer Lebensbejaher sah. Fußballfans verziehen ihm sogar, dass er 1986 zusammen mit der deutschen Nationalmannschaft den wenig inspirierten WM-Song „Mexico mi amor“ aufnahm.

Der einschmeichelnd freundliche Peter Alexander bildete so über Jahrzehnte hinweg eine gut frisierte Hochglanzfassade, hinter die sein Publikum und selbst Journalisten selten blicken durften. Konsequent auf seine Außenwirkung achtend, ließ er es nicht zu, dass sein Bild Kratzer abbekam, und gerade diese statuarische Wirkung macht vielleicht das Geheimnis seiner dauerhaften Anerkennung aus. Nach dem Tod seiner Frau 2003 zog er sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Sechs Jahre später ereilte ihn ein weiterer persönlicher Schlag, als seine Tochter Susanne bei einem Autounfall tödlich verunglückte.

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