Zeitung Heute : Nacht der steigenden und sinkenden Sterne

Halb Volksfest, halb Drama: Wieder standen die Mächtigsten Großbritanniens in den Turnhallen ihrer Wahlkreise und mussten vernehmen, was Volkes Stimme ihnen zu sagen hat. Impressionen eines langen Auf und Ab

Matthias Thibaut[London]

Am Donnerstag kurz nach 22 Uhr nehmen Journalisten und Professoren in der Kantine der London School of Economics noch schnell ein paar frittierte Häppchen zu sich und werden dann still. Über die Fernsehschirme werden die ersten Prognosen gespielt. Die britische Wahlnacht beginnt. Vorsichtig tippt Professor Patrick Dunleavy, Leiter des Analystenteams der Uni, die Zahlen in seinen Laptop und drückt auf den Eingabeknopf. Hinter ihm an einer Leinwand erscheint die Kalkulation: Eine Parlamentsmehrheit von 66 Sitzen für Labour. Der Professor dreht sich zur Leinwand um, als müsse er sich vergewissern. Dann nickt er. Tony Blairs Regierungsmehrheit von 163 Parlamentssitzen wird zusammenschmelzen. „Labour wird die Wahl gewinnen. Aber ein Sieg für Blair wird es nicht“, sagt Dunleavy.

Britische Wahlnächte sind lang. 646Wahlkreise werden ausgezählt, in jedem kämpft jeder Kandidat für sich. Eine nicht abreißende Serie von Reden, Kommentaren, Analysen, halb Volksfest, halb Drama.

Politikerkarrieren werden in ihrem Zenit gekappt und neue Stars geboren. Auch die Mächtigsten des Landes stehen nun auf Laientheaterbühnen in den Turn- und Gemeindehallen ihrer fernen Wahlkreise und hören, was die Stimme des Volkes spricht.

Null Uhr 32. Im Londoner Bezirk Wandsworth heißt die Stimme des Volkes Lola Ayonrinde, kommt aus Afrika und hat sich eine goldene Krone aufgesetzt. Als Ehrenbürgermeisterin von Wandsworth repräsentiert sie die Wahlkommission und hat sich mit ihren Amtsinsignien geschmückt. Im jahrhundertealten Ritual verkündet sie das erste spannende Ergebnis der Nacht. „Ich, Lola Ayonrinde, Wahlleiterin des Bezirks Putney, gebe bekannt, dass die Stimmen für die Kandidaten wie folgt abgegeben wurden.“ Alphabetisch wird die Kandidatenliste durchgegangen, wie es sich in dieser Nacht hunderte Mal wiederholt. „Coleman, Tony, Labour, 13731; Greening, Justine, Konservative, 15497.“ Der Saal tobt. Dann flackert das strahlende Gesicht der jungen, blonden Frau über die Fernsehschirme. Zum erstenmal sehen die Briten die neue Politikerin. Sechs Prozent der Wähler in Putney sind auf die Konservativen umgestiegen. Landesweit würde ein solcher „Swing“ Labours Parlamentsmehrheit ein Ende machen.

Justine Greening tritt ans Mikrofon, dankt der Polizei, die den Frieden bei der Wahl wahrte, und wendet sich dann an die Tory-Anhänger im Saal: „Wir haben ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die Menschen nehmen diese unehrliche Regierung nicht mehr hin“, ruft sie stolz. Der Verlierer Tony Coleman schüttelt ihr die Hand. Seine Karriere ist beendet. „Der Irak-Effekt hat uns getroffen“, sagt er später kopfschüttelnd.

1 Uhr 01. In Kirkcaldy im hohen Schottland steht Schatzkanzler Gordon Brown auf der Bühne. 58,1 Prozent hat er bekommen, der Mann, der als Zahlenfetischist gilt, aber seit der Geburt seines jungen Sohnes John öfter milde lächelnd gesehen wird. Der Wahlsieg mache ihn demütig sagt er, lobt die Polizei, die Auszähler, bedankt sich für Rat und Unterstützung bei seiner Frau und dem zweijährigen Sohn. Brown weiß schon, dass die Wähler Labour einen Denkzettel verpasst haben. Bereitet er schon seine Machtübernahme vor? „Meine erste Pflicht wird sein, allen Wählern des Wahlkreises zu dienen“, sagt er. Dann spricht er von Labours historischem dritten Wahlsieg und wie Labour Großbritannien noch gerechter und fairer machen werde. „Wir werden hinhören und lernen, damit wir unserem Land noch besser dienen können.“ Er spricht schon wie ein Premier.

2 Uhr 06. Mit 14 anderen Kandidaten steht Tony Blair auf der Bühne in seinem Wahlkreis Sedgefield und drückt die Hand seiner Frau Cheri.

Vorher, als er in einem Pulk von Sicherheitsbeamten in das Gebäude eilte, war sein Gesicht steinern. Nun sind die Scheinwerfer angeknipst, und er strahlt. 24421 Stimmen – sechs Prozent weniger als beim letzten Mal.

„Ich erkläre, dass Anthony Charles Lynton Blair rechtens gewählt wurde, um als Abgeordneter des Wahlkreises Sedgefield zu dienen“, erklärt der Wahlbeamte. Blair hält seine erste Rede in dieser Nacht. „Wir müssen auf dieses Wahlergebnis sensibel und klug reagieren“, sagt er. Wie ein Sieger wirkt er nicht.

Nach ihm spricht Reg Keys, der Vater eines mit 20 Jahren gefallenen Irak-Soldaten. Nach dem Tod seines Sohnes hatte der ehemalige Ambulanzfahrer begonnen, Wahlkampf zu machen. Er hat sich seine Rede aufgeschrieben. „Wäre dieser Krieg legal gewesen, hätte ich um meinen Sohn getrauert, nicht Wahlkampf gemacht. Hätte man Massenvernichtungswaffen gefunden. Ich hätte getrauert, nicht Wahlkampf gemacht.“ Keys hat zehn Prozent bekommen. „Vielleicht wird Tony Blair es eines Tages über sich bringen und ‚sorry’ sagen für den Krieg, für die 88 toten Soldaten und vielleicht sogar einmal einen Verwundeten im Krankenhaus besuchen“, sagt er. Blair blickt starr geradeaus. Die Kameras sind auf ihn gerichtet. Er will nicht, dass man seinem Gesicht etwas ablesen kann. Cheri drückt sich noch dichter an ihn.

Triumphe, Niederlagen. Bildungsstaatssekretär Stephen Twigg wird abgewählt. Als blutjunger Abgeordneter besiegte er 1997 den Tory-Star Michael Portillo und muss nun selbst einem jungen Tory weichen. Die in Bayern geborene Labour-Abgeordnete Gisela Stuart in Birmingham kommt mit heiler Haut davon. Die Wut der entlassenen Rover-Arbeiter trifft sie nicht. Blair ist nun im Labour Club von Trimdon eingetroffen, seinem Wahlkreiswohnort. Er sei stolz, auf dieses Mandat für eine dritte Amtszeit, sagt er. „Man hat uns mit Schmutz beworfen, aber nun werden wir unser Reformprogramm weiter vorantreiben.“ Er beißt auf seine Lippe und wirkt trotzig. Denkt er an den Satz eines britischen Politikers, dass alle Politikerkarrieren in Scheitern enden? Um 3 Uhr 32 wird aus dem Londoner Eastend die größte Sensation der Wahlnacht gemeldet. Der Irakkriegsgegner George Galloway, der aus der Labourpartei ausgeschlossen wurde, weil er Soldaten zum Desertieren aufforderte, hat eine neue Linkspartei gegründet und gewinnt in Bethnal Green gegen die Labour-Abgeordnete Oona King. In einem bitteren Wahlkampf hat er die 40 Prozent Muslimwähler im Eastend mobilisiert. 823 Stimmen Vorsprung. Nun soll seine Stimme Blair in den Ohren klingen: „Mr. Blair, dies ist die Quittung für den Irak, für die vielen Menschen, die getötet wurden, und die Lügen, die Sie erzählt haben.“ Seine ehemaligen Labourgenossen fordert Galloway auf, Blair „zu feuern“. Am besten gleich.

Kurz vor sechs Uhr morgens trifft Blair in London bei der Party der Parteiarbeiter ein und wird zum ersten Mal wirklich bejubelt. „Ja, es gibt gute Kameraden, die gefallen sind“, sagt er. Er meint das demokratische Schlachtfeld, nicht den Irak. Fast 50 Labour-Abgeordnete werden nicht mehr ins Unterhaus zurückkehren. Oona King aus Bethnal Green ist eine von ihnen, eine junge Schwarze, die 1997 ins Unterhaus einzog, ein „Blair Babe“, wie sie damals genannt wurde. Vor allem Abgeordnete, die 1997 mit Blairs erstem Triumph ins Parlament einzogen, bleiben nun auf der Strecke, nicht die Altlinken aus den Labour-Hochburgen. Die Partei ist nach links gerückt. Blair weiß, dass er, wenn er noch eine Weile regieren will, seinen Stil ändern muss.

Am Freitag, kurz nach halb zwölf, ist die Audienz des Wahlsiegers bei der Queen zu Ende. In seinem Jaguar fährt Blair an den Soldaten mit ihren Pelzmützen vorbei, vom Buckingham Palast zurück zur Downing Street. Drei Minuten dauert die Fahrt der Kolonne. Hat er an 1997 gedacht, als er diese Fahrt zum ersten Mal machte und die Downing Street zum Empfang mit fahnenschwenkenden Kindern vollgepackt war – die erste große TV-Aktion der Labour-Public-Relations-Maschine, die so effektvoll werden sollte? Diesmal war alles bescheidener, auch weniger jugendfrisch. Auch die Blair-Familie, die zu Tony steht, ist älter geworden.

„Die Queen hat mich mit der Bildung einer Regierung beauftragt, was ich nun tun werde“, sagt Blair ins Mikrofon. Er spricht zögernd, bei diesem letzten Akt im Ritual einer Wahlnacht. Er habe zugehört und gelernt, sagt er. Dann verschwindet er hinter der schwarzen Türe der Nummer 10.

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