Nachterstedt : Unsicherer Grund

Von dem schweren Erdrutsch in Nachterstedt in Sachsen-Anhalt sind rund 40 Menschen betroffen, die zumindest für eine längere Zeit nicht in ihre Häuser zurückkehren können. Wie kann ihnen geholfen werden?

Mathias Kasuptke Claus-Dieter Steyer

Die von der Katastrophe in Nachterstedt betroffenen Menschen sollen möglichst bald „schnelle Hilfe und Schadenersatz“ erhalten. Allerdings geht das nicht ganz ohne bürokratische Hürden. „Ein Bergbauschaden ist ein juristischer Begriff und muss demnach amtlich festgestellt werden“, sagte Uwe Steinhuber, Sprecher der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV), die für das ehemalige Bergbaugebiet in Sachsen-Anhalt zuständig ist. „Deshalb richten wir voraussichtlich im Laufe des Dienstags ein Kontaktbüro für alle Betroffenen ein, um zügig die erforderlichen Formulare auszufüllen.“ Bei einem Bergbauschaden werden erfahrungsgemäß alle eingetretenen materiellen Verluste ersetzt. Die LMBV arbeitet seit 1994 als Sanierungsträger für die aufgegebenen Tagebauflächen in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Brandenburg.

Vor der Anerkennung eines Bergbauschadens muss die Ursache des Unglücks ermittelt werden. Am Samstag früh waren in dem ehemaligen Braunkohleabbaugebiet in Nachterstedt bei Magdeburg ein Doppelhaus und die Hälfte eines Nachbargebäudes in den gefluteten Tagebau gerissen worden. Die Erde brach dabei auf einer Länge von mehreren hundert Metern weg und stürzte in den angrenzenden Concordia-See. Das Gebiet wurde zur Katastrophenregion erklärt. Vermisst werden seitdem eine 48-jährige Frau und zwei Männer im Alter von 50 und 51 Jahren. Die Suche nach ihnen wurde am Montag ergebnislos eingestellt – zu groß die Gefahr weiterer Abbrüche und zu gering die Chance, sie noch lebend zu bergen, lautete die Begründung.

Es ist nach wie vor unklar, was das Abrutschen am Concordia- See ausgelöst hat. „Zum einen könnte es an der Böschung selbst gelegen haben“, sagte Steinhuber. „Denkbar wäre aber auch die Existenz eines Altbergbaus unter den Häusern, der nicht ausreichend verfüllt und abgedichtet wurde, oder der enorme Druck des Wassers im entstehenden Tagebausee.“ Daneben kommen aber noch andere mögliche Ursachen infrage. Die genauen Umstände könnten erst bei einer gründlichen Untersuchung ermittelt werden.

Diese dürfte sich allerdings noch lange hinziehen. Denn die Abrutschstelle kann bis auf Weiteres nicht betreten werden. Die Gefahr ist noch längst nicht gebannt. Am Montag wurden neue Risse an der Unglücksstelle entdeckt, die schon bis zur nächsten Häuserreihe reichen. Vor allem bei starkem Regen drohen weitere Abbrüche.

Wie in Nachterstedt bekannt wurde, sind die meisten Häuser im Jahr 1936 errichtet worden. Einige Gebäude stammen aber auch aus jüngerer Zeit. Die Verantwortung für ein Haus trägt stets der jeweilige Bauherr. Er muss sich vorher vergewissern, ob der Baugrund sein beabsichtigtes Vorhaben trägt. Dazu gehören auch Fragen nach möglichen Hohlräumen oder unterirdischen Wasseradern. In vielen Brandenburger Orten wie Oranienburg oder Teilen von Potsdam muss beispielsweise jeder Bauherr sein Grundstück zunächst nach möglichen Bombenblindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg absuchen lassen.

In Nachterstedt ist fraglich, ob es entsprechende Unterlagen überhaupt noch gibt. Gerade in Sachsen-Anhalt wurden viele Grundbücher und andere relevante Papiere aus den 30er Jahren in den Kriegswirren vernichtet. Und als die Bewohner am späten Sonntagabend für maximal 25 Minuten noch einmal in ihre verlassenen Häuser zurückkehren durften, galt ihre Aufmerksamkeit anderen Dingen. „Erinnerungsfotos, Familien-DVD’s, Versicherungen, Arbeitsamtspapiere und andere Dokumente waren wichtig“, sagte einer der Betroffenen. Während der Aktion standen 20 Krankenwagen in Bereitschaft, um bei einem erneuten Unglück sofort eingreifen zu können. Außerdem kreiste die ganze Zeit ein Hubschrauber mit einer Seilwinde über dem Ort. Falls es beim Betreten der Häuser zu einem erneuten Abrutschen gekommen wäre, hätte der Rettungshubschrauber auf diese Weise in Not geratenen Menschen helfen können.

Höchstwahrscheinlich können die meisten Häuser auf der Kippe in nächster Zeit nicht noch einmal betreten werden. Ohnehin galt die Genehmigung zu einem zumindest vorerst wohl letzten Besuch nur für jeweils eine Person pro Haushalt. Das zur Hälfte in den Abgrund gestürzte Haus war von vorneherein gesperrt.

Immerhin: Die Nachterstedter rücken in ihrer Angst zusammen. So wurde bereits ein Spendenkonto ins Leben gerufen. „Wir wollten helfen. Die Verwaltung hat derzeit andere Sorgen, deshalb sind wir diesen unkomplizierten Weg gegangen. Die Menschen haben ihr Hab und Gut verloren. Sie sind auf jeden Euro angewiesen“, sagt Thomas Mittenzwei, einer der Initiatoren. Der 58-Jährige hatte Glück: Weil sein Haus nicht in der unmittelbaren Gefahrenzone liegt, war er einer der Glücklichen, die inzwischen wieder in ihre Wohnung zurückdurften.

Der Abbau in dem Braunkohletagebau in Nachterstedt wurde im Jahr 1991 eingestellt. Seit 1997 wird der Tagebau geflutet. Bis 2018 sollte dort der größte See Sachsen-Anhalts entstehen. Der Tourismus war die große wirtschaftliche Hoffnung der Region.

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