Zeitung Heute : Nachtportier mit Sinn für Kunst

Der Tagesspiegel

Von Udo Badelt

Die Warschauer Straße trennt Friedrichshain in zwei Hälften: Die östliche mit inzwischen stadtweit bekannten Bars und Kneipen und die westliche mit öden Scheibenhäusern, steinerne Langeweile zwischen Ostbahnhof und Alexanderplatz. Und dazwischen ein Fleckchen Kunst, unerwartet, in der in der westlichen Kopernikusstraße: Seit 1999 gibt es hier die „Expo 3000“, eine kleine Galerie, die aus dem Rahmen fällt.

Dafür sorgt Spunk Seipel, der Besitzer. Wöchentlich wechseln die Ausstellungen, ein für Galerieverhältnisse atemberaubendes Tempo. Seipel will damit die Musealisierung junger Kunst verhindern und die Szene zu Gesprächen anregen. „Der schnelle Wechsel kommt der Kommunikation zugute, denn Gespräche über Kunst entstehen meist nur auf Vernissagen.“ Einmal pro Woche erwacht das „Expo 3000“ zum Leben, jeden Donnerstagabend. Durchschnittlich 150 Besucher kommen dann, Stammpublikum, Freunde und Bekannte des gerade ausstellenden Künstlers. Dann wird es voll, weil der Raum nur knapp 40 Quadratmeter groß ist, dann stehen die Gäste bis auf die Straße, machen sie lebendig. Gemeinsam mit der „Abbey“-Bar und dem spanischen Tapas-Restaurant „Lola“ gleich nebenan gewinnt man dann den Eindruck, hier sei ein Stück vom östlichen Kiez auf die westliche Seite der Warschauer hinübergeschwappt.

Nicht nur Künstler aus Berlin stellen im „Expo 3000“ aus. Viele kommen aus anderen Ländern, aus Frankreich, Österreich und sogar Japan. Probleme, seine Galerie zu füllen, hat Seipel nie: In der Regel nehmen die Künstler von sich aus Kontakt mit ihm auf. Bis Juni ist er ausgebucht. Mit seiner Galerie will er jungen Künstlern die Chance bieten, Ausstellungserfahrung zu sammeln, und das ohne die „kommerzielle Zensurschere im Kopf“, wie es er nennt. Das Ausstellen bei ihm ist kostenlos. Wenn etwas verkauft wird, müssen die Künstler nicht die in Galerien sonst üblichen 40-60 Prozent vom Erlös abführen. „Bei mir muss sich niemand, wenn er seine Ausstellung zusammenstellt, fragen: Kann ich das verkaufen oder nicht?“ Seine Galerie sei vollkommen unkommerziell und erhalte auch keine öffentliche Förderung. Finanziert wird das alles durch einen Job als Nachtportier. „Und der Rest ist Selbstausbeutung.“ Einschränkungen in der künstlerischen Richtung gibt es im „Expo 3000“ nicht. Im Laufe der Zeit haben sich raumbezogene Installationen, gegenständlicher Malerei und Videokunst zum Schwerpunkt entwickelt.

Im vergangenen Herbst etwa schuf der schottische Künstler Ben Cottrel ein „inszeniertes Chaos“, indem er eine komplette Privatwohnung erst nachbaute und dann planmäßig zerstörte. „Der Schatten an der Wand war zum Beispiel nicht echt, sondern gemalt. Das Ganze war ein Täuschungsmanöver, eine Irritation, die den Betrachter zwang, seine Wahrnehmung zu überprüfen“, sagt Seipel. Ein ähnliches Thema will er demnächst mit den Polaroid-Photos des Kreuzberger Künstlers Oliver Scholten präsentieren, dessen Bilder so wirken, als würden sie den Tatort eines Verbrechens zeigen.

Seipel, 30 Jahre alt, stammt aus Hof in Unterfranken und wuchs in Nürnberg auf. Seit 1990 lebt er in Berlin, wo er an der Freien Universität Betriebswirtschaftslehre und Kunstgeschichte studiert hat. Anfangs stellte er auch eigene Malerei aus. „Aber ich habe gemerkt, dass ich nicht gut genug bin“, gesteht er offen ein, „und dass meine Begabung eher in der Kunstvermittlung liegt.“ Wie schätzt er die gegenwärtige Berliner Galerieszene ein? Sie sei nicht mehr so risikobereit und experimentierfreudig wie noch zu Beginn der 90er Jahre. Damals hätten sich häufig Clubkultur und Galerieszene miteinander vermischt. „Das eine fand im anderen statt und umgekehrt. Heute ist das nicht mehr so. Dafür professionalisieren sich die Galerien aber seit einigen Jahren. In der Vermittlungsarbeit sind sie wesentlich besser geworden“, so Seipel. Er möchte bald eine Filiale in Mitte eröffnen. Eine mit längeren Laufzeiten.

Galerie Expo 3000, Kopernikusstraße 1, Tel. 2832519, www.expo3000.org .

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