Zeitung Heute : Nachts erobern sie Teheran

Viele Iraner sympathisieren mit den protestierenden Studenten

Andrea Nüsse

Modschtaba Nadschafi lag erschöpft in seinem Bett im Studentenwohnheim und schlief. Er und einige seiner Kommilitonen von der Universität Teheran hatten an den vergangenen drei Abenden gegen das Regime demonstriert. „Plötzlich hörten wir, wie Fenster eingeschlagen wurden. Faustschläge und Tritte von regimetreuen Wachleuten weckten uns auf“, erinnert er sich an die Nacht zu Sonnabend. Doch dabei blieb es nicht: Mit Messern und Dolchen griffen die Anhänger des obersten Religionsführers Ali Chamenei die Studenten an. Mit Eisenstangen schlugen sie auf die wehrlosen Männer in ihren Betten ein. Auch in ein anderes Studentenwohnheim drangen die Milizen ein, insgesamt sollen mindestens 15 Studenten verletzt worden sein. „Für die Milizen gibt es keine Grenzen“, sagt Nadschafi. Es waren die bisher schwersten Auseinandersetzungen in Teheran, seit Studenten in der Nacht zum Mittwoch mit Demonstrationen gegen das Regime der Kleriker begonnen hatten, weil sie demokratische Reformen blockieren.

Hunderte von Studenten sind es, die sich rund um den Campus der Universität von Teheran im Stadtzentrum treffen. „Nachts gehört die Straße uns“, sagt ein Demonstrant vor der Teheraner Universität. Sie rufen Slogans, für die man im Iran ins Gefängnis wandern kann: „Tod dem Diktator“ und „Chamenei, verlass den Thron“. So ähnlich war es auch 1999. Auch damals griffen regimetreue Milizen Wohnheime an und töteten einen Studenten. Der Jahrestag des Überfalls jährt sich am 7. Juli zum vierten Mal.

Doch anders als damals bekommen die Studenten heute Unterstützung aus der Bevölkerung: Die Familien der Studenten ziehen zum Campus. Autofahrer in der Nähe hupen, um ihre Solidarität auszudrücken. Wenn die Menschen im Land spüren, dass ein Wechsel in der Luft liegt, könnte es sein, dass sie sich den Studenten anschließen.

Der Iran befindet sich politisch in einer Patt-Situation. Die Reformer, die das Parlament beherrschen, und Präsident Chatami werden von den konservativen Kräften – der Justiz und dem Wächterrat, der jedes Gesetz auf seine Konformität mit dem Islam überprüft – blockiert. Der Politik-Professor an der Teheraner Universität Hamid Bovand sagt, die Mehrheit der Iraner habe angesichts dieses Stillstandes jede Hoffnung in die Reformer verloren. Die geringe Wahlbeteiligung bei den jüngsten Kommunalwahlen in Teheran sei als „Protest gegen das ganze System“ zu verstehen. Der amerikanische Einmarsch im Irak hat zudem bei vielen jungen Iranern die Hoffnung geweckt, der Sturz des Regimes im Nachbarland werde auch die Hardliner in Iran in die Ecke drängen. Doch bisher war davon nichts zu merken. Nun scheinen die Studenten nachhelfen zu wollen.

Und die islamischen Milizen machen Jagd auf sie. Auf Motorrädern und mit Metallstangen bewaffnet fahren sie durch die Straßen und schlagen auf die Studenten ein. Viele Anwohner lassen ihre Haustüren offen stehen, damit die Demonstranten vor ihren Verfolgern in die Treppenhäuser fliehen können.

Aber auch das Regime reagiert etwas anders als bei den schweren Unruhen von 1999. Zwar gehen die staatlichen Sicherheitskräfte mit Schlagstöcken, Warnschüssen und Tränengas gegen die Demonstranten vor. Doch während der Staat damals die selbst ernannten Sicherheitskräfte gewähren ließ, wurden am Wochenende Dutzende Mitglieder der militanten Bürgerwehren festgenommen. Darunter soll auch ein Anführer sein, der vor zwei Jahren einen Berater von Präsident Mohammed Chatami angeschossen hat. Vielleicht hat dem Regime Angst ein gejagt, dass die Milizen selbst Polizisten angriffen. Vielleicht fühlen sich die Reformgegner heute aber auch schwächer als damals und wollen verhindern, dass sich durch das brutale Vorgehen der Milizen mehr Iraner mit den Studenten solidarisieren.

In der Nacht zum Sonntag blieb es ruhig in Teheran. Doch nun warten alle darauf, ob die Proteste auf andere Städte übergreifen. Die Nachrichten über Geschehnisse außerhalb Teherans sind nicht immer zuverlässig. Aber wenn stimmt, was der studentische Informationsdienst sagt, dann hat es auch andernorts regimefeindliche Proteste gegeben, im Süden des Landes, in Shiraz.

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