Zeitung Heute : Nachwuchsförderung mit Realityshow

Marokko geht neue Wege in der Förderung des Kunsthandwerks und ist dieses Jahr Partnerland beim Import Shop Berlin

Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Nach einem landesweiten Casting werden 40 junge Kunsthandwerker aus sieben Bereichen wie etwa Töpferei, Schmiedekunst und Schmuck, um nur einige zu nennen, ausgewählt, und dann in einem Riad – einem traditionellen Wohnhaus – sechs Wochen isoliert, um sich ganz ihrer Handwerkskunst zu widmen. Nach sechs Wochen wird der Sieger gekürt. Realityshow mit pädagogischem Hintergrund – Marokko sucht nicht den Superstar, sondern den Superkunsthandwerker. Die jungen Leute sollen sich für das altehrwürdige Kunsthandwerk interessieren und neue Wege im Design gehen.

Führende marokkanische Designer wie Myriam Mourabit und erfahrene Handwerksmeister stehen den jungen Teilnehmern als Coach mit Rat und Übungen zur Seite. Die zweite Staffel der Realityshow „Sanaat Bladi“ wird gerade für den marokkanischen Kanal „M2“ im Auftrag des Ministeriums für Kunsthandwerk gedreht.

Das Ministerium hat im Auftrag des Königs einen Aktionsplan verabschiedet – „Vision 2015 des Kunsthandwerks: Unsere Authentizität, Motor unseres Aufschwungs“. Die Ziele sind ambitioniert, bis 2015 soll der Export marokkanischen Kunsthandwerks sich verzehnfacht haben und von jetzt 70 Millionen auf 700 Millionen Euro anwachsen.

Traditionell war das marokkanische Kunsthandwerk Produzent der täglichen Verbrauchsgüter. Da die nun zunehmend aus den Fabriken kommen und importiert werden, soll das Kunsthandwerk gefördert werden. Das Interesse an marokkanischem Kunsthandwerk ist vor allem auch durch die wachsende Zahl der Touristen gewachsen. Und das Maison de l’Artisan, das dem Ministerium unterstellt ist, unternimmt vor allem in Frankreich spektakuläre Präsentationen, um das Interesse an dem neuen marokkanischen Kunsthandwerk zu wecken – wie etwa vor zwei Jahren im Lichthof des KaDeWe und jetzt als Ausrichter des Partnerlandes auf der Messe Import Shop Berlin unter dem Funkturm. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegt aber noch ein langer Weg, auch was die Öffentlichkeitsarbeit angeht, aber immerhin wird versucht, durch diese Initiative nicht nur überall im Lande neue Arbeitsplätze zu schaffen, sondern auch die Tradition der handwerklichen Perfektion fortzusetzen.

Aber die heranwachsende marokkanische Mittelschicht verlangt auch nach neuen Produkten, die über die Qualität des reinen Touristensouvenirs hinausgehen. Was jetzt dringend notwendig ist, so der Designer Hicham el Madi im marokkanischen „L’Economiste“, sei ein Touch mehr an Kreativität. Das ist auch das Ziel der Initiative, durch eine Steigerung der Kreativität Produkte zu entwickeln, die auch für den europäischen gehobenen Markt interessant sind.

Zu den großen Namen dieser Entwicklung zählt die Keramikkünstlerin Myriam Mourabit in Rabat, die es verstanden hat, traditionelle Formen wie den Tajine-Topf oder die bauchige Teekanne neu zu interpretieren. Sie behält zum einen die klassische Form bei, wählt kräftigere Farben, die aber in einem matten Finish wieder gedämpft werden. Unverwechselbares Markenzeichen sind ihre Symbole und Zeichen, die sie mit einer Art Keramikstift aufträgt und sich dabei von den Hennamalereien der Berberfrauen und den Dekors der kleinen Zouak-Tische inspirieren lässt. Entwickelt sie neue, moderne Formen, gewinnen diese aber durch ihr typisches Dekor wieder marokkanisches Flair. Sie findet es gut, dass man in der Förderung des Designs und der Qualität auch ungewöhnliche Wege geht – wie etwa den der Realityshow „Sanaat Bladi“. Dem Sieger winken immerhin 25 000 Euro. Damit kann man schon eine Menge bewegen.

In Berlin vertreten sein wird unter anderem die Schmuck- und Textildesignerin Nouzha Bennani, die sich als Autodidaktin entwickelt und durch die vielen Reisen mit ihrem Mann, einem Diplomaten, hat inspirieren lassen. Klassiker des marokkanischen Kunsthandwerkes sind neben den üblichen blauweißen Keramiken die Laternen, die es in vielen Formen gibt, klassisch, aber auch in einem zeitgenössischen Design, basierend auf der traditionellen Metalltechnik. Hier werfen vor allem durchbrochene Metallkörper am Abend ein interessantes Licht an die Wand, während sie bei Tag ein schönes Objekt abgeben. Zu diesen Künstlern gehört Mohammed Guernani aus Fès.

Besucher der Halle 9 werden aber auch marokkanischen Tee und andere Köstlichkeiten genießen können.

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