Zeitung Heute : Nacktheit: FKK-OST: Die Nackten und die Roten

Lothar Heinke

In den fünfziger Jahren, als sich die ersten Ostsee-Urlauber ihrer störenden Kledasche entledigten, um die nackten Popos dem Rest der Welt zu zeigen, witterten prüde Funktionäre der gerade erst gegründeten DDR Verrat, Verfall der Sitten und Einmarsch der Dekadenz des Imperialismus in sozialistische Strandburgen. Besonders in Ahrenshoop, wo die Intelligenz baden ging, gerieten die Nackten und die Roten hart aneinander, ebenso auf dem Darß. Hier gipfelten die textilfreien Badefreuden in orgiastischen Feten. Immer, wenn ein Pfiff vom Wachpersonal das Herannahen uniformierter Sittenwächter ankündigte, stürzte die kleiderlose Gesellschaft ins kühlende Nass. Am Müggelsee wurden einmal gar die FKKler ohne Klamotten eingesammelt und mit der grünen Minna zum Präsidium in die Keibelstraße gebracht.

Aber, o Wunder, besser unangezogen als ungezogen: Eines Tages hatte die Prüderie ein Ende und Nacktbaden war kein Verstoß gegen die Gesetze der sozialistischen Moral, sondern Freizeitvergnügen entkleideter Werktätiger. Unter denen befanden sich auch Parteisekretäre, Betriebsdirektoren, Ärzte, Künstler und Richter, was man diesen aber nicht ansah. FKK war für die einen die klassenlose Gesellschaft, wo alle Menschen gleich (nackt) waren, für die anderen ein Ausdruck von Freiheit. Hier bin ich so, wie mich der liebe Gott geschaffen hat. So aalten wir unsere Körper unprüde und manchmal auch ein bisschen unansehnlich im weißen Ostsee-Strandsand, harmlos und tolerant - bis West-Urlauber kamen und die Nasen rümpften: Hilfe, wo sind wir hingeraten? Aber das hat sich inzwischen erledigt. Die Freiheit nackter Tatsachen ist einfach das stärkere Argument.

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