Zeitung Heute : Nacktheit: FKK-WEST: Eine Urlaubsgeschichte

Stephan Lebert

Es fing ganz harmlos an. Eine befreundete Familie teilte uns mit, dass sie ganz in der Nähe Urlaub macht, wo wir auch Urlaub machen. Irgendwo am Meer in Kroatien. Schaut doch unterwegs mal kurz vorbei! Klar, sagten wir. Das wird bestimmt nett.

Als wir losfuhren, hatten wir die Wegbeschreibung dabei: Ein paar Kilometer nach Zadar runter von der Küstenstraße, dann links, dann rechts, dann seht ihr es schon, so eine große Ferienanlage. Kommt doch nach der Ankunft gleich runter an den Strand, sagte der Freund, "ihr findet uns neben dem Eisstand". Ja, und dann sagte er noch was: Du weißt ja, dass wir FKK machen, es ist eine riesige FKK-Anlage, am besten lasst ihr eure Sachen gleich im Auto.

Wir näherten uns also Kilometer für Kilometer dem nackten, netten Freund. Wir kannten uns seit Jahren, aber wir kannten uns nicht: nackt. Wie das wohl sein wird, wenn man sich plötzlich so gegenübersteht? Nimmt man sich in den Arm, küsst man sich? Wie begrüßen sich nackte Menschen? Stellt man sich zusammen nackt an den Eisstand? Man kennt die Fotos von diesen FKK-Anlagen: Nackte spielen Tennis, Nackte kaufen im Supermarkt ein. Aber vorstellen kann man sich das trotzdem nicht.

Etwa 200 Kilometer gab es im Auto die kurze Überlegung: Wollen wir vielleicht einfach daran vorbeifahren? Aber mit welcher Begründung? Du, sorry, wir waren zu verklemmt, ohne Badesachen gehen wir nicht ins Wasser. Wie sagt man sowas?

Hundert Kilometer vor Zadar war die Sache klar: Also, wir gehen da rein, zack, wäre ja noch schöner. Danach wurde nicht mehr darüber geredet. Danach sind wir vorbeigefahren. Ohne Begründung. Man muss ja nicht über alles reden.

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