Zeitung Heute : Nacktheit: Leben Nackte besser?

Moritz Schuller

Sein Leben lang zieht der Mensch sich an- und wieder aus, und nicht jeder macht das eine so gern wie das andere. So trägt manch einer schon auf dem Weg vom Bett zum Bad einen Frotteemantel, bedeckt tagsüber die Wade mit einem langen Strumpf und denkt im Sommer lieber an den Herbst, wenn er unter Hemd und Pulli noch ein T-Shirt schieben darf. Andere, eher wenige, sind wie Ernie, der gerne mal nackt durch Bielefeld radelt und dafür wegen "Beleidigung der Allgemeinheit" vor dem Richter landet, oder wie Lorenz Kerscher, der nackt von seinem Campingstuhl aus erklärt: "Ich erreiche den Zustand höchsten Wohlbefindens am einfachsten ganz ohne Hilfsmittel, nämlich durch Wegfall von Kleidung, Schuhen, Musikberieselung, Telefon und Terminkalender."

Die Gesellschaft interessiert sich offenbar mehr für die Ernies und Lorenze dieser Welt: in der Londoner Tate Gallery lief im letzten Jahr "Prüderie und Leidenschaft. Der Akt in viktorianischer Zeit", das Dresdner Hygiene Museum präsentiert derzeit "Sex", im Herbst zeigt die Emdener Kunsthalle die Ausstellung "Der Akt in der Kunst des 20. Jahrhunderts" und im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe läuft derzeit eine in allen Medien groß nachgespielte Schau: "Nackt. Die Ästhetik einer Blöße".

Nacktsein, sagt der Nudist, ist gesund und schön. "Der Naturismus stellt das physische und psychische Gleichgewicht wieder her, indem er Erholung in einer natürlichen Umgebung bringt, durch Bewegung und Respekt für die Grundprinzipien von Gesundheits- und Ernährungslehre", verkündete der Weltkongress der Naturisten vor einigen Jahren. Wie der Vegetarismus und die Naturheilkunde war die Nacktkultur - schon der Name kam einem Affront gleich - eine der großen Reformbewegungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Raus aus der Stadt, hinein in die Natur: "Im Nackten allein findet ihr Schönheit und Gesundheit." Und so lebt der wahre Nudist von Rohkost und Sport. Er joggt nackt, schwimmt nackt, angelt nackt, und, niemand, der es je gesehen hat, wird es vergessen können, er spielt nackt Volleyball. All das ist nicht ohne Tücken: so wird der Nudisten-Sportexperte Paul Roger im Internet befragt, wie beim Fahrradfahren das Einklemmen der Hoden zu verhindern sei, und die großbusige Frau will wissen, ob sie trotz Brustschmerzen weiter nackt joggen soll. Roger rät beiden zu Sportkleidung.

Hat Oscar Wilde Recht?

"If people were meant to be nude, they would have been born this way", sagt Oscar Wilde und meint damit: Wer die Sonne überall auf seinen zwei Quadratmetern Haut spüren will, soll das in einer verlassenen Bucht auf Hydra machen oder auf seinem Balkon, aber nicht in der Fußgängerzone von Bielefeld. Doch "essenzielles Kennzeichen des Naturismus ist die gemeinschaftliche Nacktheit". In etwas diffuser Weise versucht die Nacktkultur damit den kulturgeschichtlichen Rückgriff auf jene glückliche Zeit, als Mann und Frau noch so unschuldig zusammen krabbeln konnten wie heute die Babys beim Prager Eltern-Kind-Programm. Als Bürgen werden wahlweise die nackt Sport treibenden Griechen ins Feld geführt oder so obskure christliche Gruppierungen wie die Carpocratianer und Marcosianer, die im zweiten Jahrhundert angeblich das Nacktbaden anpriesen. Nicht nur ist der nackte Mensch der gesündere, auch die nackte Gesellschaft, einmal befreit vom repressiven Körper-Bild des Christentums, ist die glücklichere. Diese Utopie brachte uns die "Flitzer", das berühmte Bild der Kommunardenpopos, und das Wort von Franz Josef Strauß, dass man "dem Nackten alles zutraut". Ist körperliche Verhüllung erst als Repression entlarvt, ebnet das Motto "Lass Deine Sexualorgane atmen" den Weg zur sexuellen, aber auch zur politischen Revolution.

Doch das Projekt, Nacktheit zu entsexualisieren und so den Weg freizumachen für eine harmonische Gesellschaft, ist nach Jahrzehnten freier Körperkultur ins Stocken geraten: Von den 150 000 eingetragenen Nudisten Mitte der siebziger Jahre sind lediglich 60 000 übrig geblieben. "Die Vereine überaltern", beklagt der Deutsche Verband für Freikörperkultur. Der Nackte spürt heute seine Blöße und so kommt wieder die andere große anthropologische Konstante zum Vorschein: die Scham.

Die Fetten und die Fitten

Mit der Bewusstwerdung der Nacktheit", schreibt die Philosophin Kerstin Gernig, "begann die Geschichte der Menschheit." Erst dieses Bewusstsein ermöglichte die komplexen Verhüllungsstrategien der Menschheit und jene kulturellen Differenzen, die vom afghanischen Schleier bis zum Engländer reichen, der panisch aus jeder Gemischt-Sauna flieht. Der Nackte, oder besser: die Nackte lebt - doch nicht in der Natur, sondern in der Werbung, im Fernsehen, oder im Museum. Und diese Nacktheit ist wieder hochsexualisiert: in Amerika, schon immer bekannt für seine prüde Lust, läuft gerade der nächste Fitness-Trend an, das "Cardio-Striptease". Dabei geht es darum, während des Tanzens nach und nach alle Kleidung abzulegen. "Das ist anstrengender, als die meisten Leute denken", meint die Managerin des Fitness-Center "Crunch". Der Erfinder des Stripsports, Jeffrey Costa, hatte 15 Jahre lang Aerobic unterrichtet. "Es geht nicht nur darum, nackt zu sein. Fitness hat Priorität, dann erst kommt das Strippen", sagt Costa. Eines ist geblieben: Nacktsein darf bei Costa jeder. "Wir haben 20- und 70-Jährige, wir haben Weiße, Schwarze, Schwule, Fette oder Fitte."

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